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Morena Diaz: «Ein Freund hat mich vergewaltigt» – Polizei hat keine Anzeige erhalten

Morena Diaz.

Morena Diaz.

Sie war im Herbst nominiert als «Aargauerin des Jahres», lebte damals in Aarburg und wohnt jetzt im Suhrental. Die Lehrerin Morena Diaz (26), die auf Social Media weit über die Schweiz hinaus bekannt ist, macht zum Jahreswechsel publik, dass sie vergewaltigt wurde.

Sie ist mit 71'000 Followern eine der erfolgreichsten Influencerinnen der Schweiz. Sie hat mit ihren Body-Positivity-Posts vielen Frauen Mut gemacht. Frauen, die, wie sie, nicht Idealmasse, sondern Dellen und Polster haben. Sie war darum für den Prix Courage (2018) und als Aargauerin des Jahres (2019) nominiert. Und jetzt schockt sie mit der erschütternden Schilderung ihrer Vergewaltigung: die Aargauer Lehrerin Morena Diaz (26), die bis vor Kurzem in Aarburg und jetzt im Suhrental wohnt.

Sie hat die Texte am Donnerstag und Freitag in zwei Etappen auf Instagram und ihren Blog gestellt. Die Reaktionen waren enorm. Bis gestern Abend gab es rund 10'000 Likes und über 800 Kommentare.
Passiert ist es drei Tage vor Heiligabend. Nicht gerade jetzt, sondern vor einem Jahr.

Drei Tage vor Heiligabend

Morena Diaz schreibt: «Lange Jeans und einen dicken Pullover hatte ich an, als es passiert ist. Es war ein kalter Abend im Dezember. Nach einem von ihm gekochten Abendessen schauten wir gemeinsam einen Film. Es vergeht kein Tag, ohne an diese Nacht zu denken. An diese Tat. An diese vermeintlich schöne Freundschaft, die in dieser Nacht abrupt zu Ende ging.»

Über ihn, den Täter, verrät Morena Diaz nur wenig: Sie verrät auch nicht, ob sie zur Polizei gegangen ist (diese hat bis Freitag keine Anzeige erhalten).

Morena Diaz schreibt: «Drei Tage vor Heiligabend wurde ich vergewaltigt. Nicht von einem Fremden, nicht auf dem Heimweg, nicht in einer dunklen Gasse, sondern in den vier Wänden eines ‹Freundes›. Diesen ‹Freund›, den ich Anfang desselben Jahres kennen gelernt und wirklich lieb gewonnen hatte, dem ich praktisch alles anvertraut hatte, der mir immer zuhörte, dem ich immer zuhörte. Ein Freund, der sich oftmals einfach wie Zuhause anfühlte, wie den Bruder, den ich nie hatte. Jemand, von dem ich dachte, ich müsste mir in seiner Nähe niemals irgendwelche Sorgen machen, weil ich zu glauben meinte, er würde mich genauso lieb haben wie ich ihn, und wenn man jemanden lieb hat, dann würde man dieser Person niemals solch grosse Schmerzen zufügen.»

Und weiter: «Er hat über meinen Kopf, über mein Herz, über meine Bedürfnisse hinwegentschieden, meinen Körper in jener Nacht zu seinem Eigentum gemacht. Er hat meine unzähligen Bitten, aufzuhören, ignoriert und sich genommen, was er wollte. Mit keiner Faser meines Körpers hatte ich dem zugestimmt und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich an diesem Abend wehren.»

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

English in the comments ll TW / Vergewaltigung: Drei Tage vor Heiligabend hat er nach einem gemeinsamen Abendessen über meinen Körper, mein Herz und meinen Bedürfnissen hinweg entschieden. Mit keiner Faser meines Körpers wollte ich das, was er mir angetan hat und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich wehren. Es ist wahr, was man in den Zeitungen so liest: Man fällt in eine Art Schockstarre. Man schafft es nicht, sich zu schützen, zu wehren und dem Ganzen rechtzeitig ein Ende zu setzen. Eine Freundschaft, die anfangs 2018 zu blühen begann, endete drei Tage vor Weihnachten in demselben Jahr abrupt. Ich hatte ihm vertraut aber er wollte mehr und holte sich jene Nacht das, was er wollte: meinen Körper. 2019 war für mich eher ein Überleben. Ein Gefühlschaos. Zuerst wollte ich gar nichts mehr fühlen, um den Schmerz nicht zu zu lassen und dann, als ich dem Schmerz kurz die Türen öffnete, traf er mich mit voller Wucht. Der Schmerz kam aber nicht alleine. Er wurde von Angst, Trauer und Wut begleitet. Wut auf ihn, Wut auf alle, die anderen das gleiche angetan haben und antun werden. Wut auf die Gesellschaft, die Gesetze, das Patriarchat, das immer noch Macht über uns Frauen* ausüben darf und kann. 2019 war ein Überleben. 2020 möchte ich leben. Nach und nach loslassen. Dafür musste ich letztes Jahr alle Gefühle und somit auch Heilung zulassen und nach und nach die Scherben auflesen, die in jener Nacht in tausend Stücken umherflogen. Ich wurde vergewaltigt und es tut immer noch weh. Die Scherben lese ich weiterhin jeden Tag auf. Und irgendwann, das weiss ich, werden auch die Ängste weniger, die Wut und die Trauer werden zur gleichen Tür wieder rausgehen. Ich werde wieder komplett ausgelassen tanzen können. Lieben und leben. Was ich ganz sicher weiss ist, dass wir Gesetze anpassen müssen, um endlich Opfer und nicht mehr Täter zu schützen, dass wir Aufklärung brauchen denn mein Fall ist kein Einzelfall. Und dass wir unsere Stimmen erheben müssen. Für jede einzelne von uns. Genau deshalb breche ich mein Schweigen. Ni una menos. ♥️

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Mit diesem Post auf Instagram bricht Morena Diaz ihr Schweigen.

Es sei wahr, was man in den Zeitungen so lese. Der Körper verfalle in eine Art Schockstarre. Morena Diaz erinnert sich: «Die Arme, die sich am liebsten mit aller Kraft wehren wollten, fühlen sich in diesem Augenblick unglaublich schwer an. So auch die Beine. Die Stimme, die immer wieder versagt. Man möchte am liebsten schreien und bringt doch nur ein Flehen raus. Man hofft einfach, dass man das alles so schnell und so unbeschadet wie möglich übersteht. Und dann ist dieser Moment nach einer gefühlten Ewigkeit endlich da. Es ist vorbei. Doch wie weiter? Ich wollte einfach nur noch weg. – Und ich bin weg.»

Und seither? «Jeden einzelnen Tag bis heute habe ich daran gedacht. Die ersten Monate merkte man mir kaum etwas an. Ich war dankbar, jeden Tag zur Arbeit zu gehen, die Kids zu unterrichten, zu planen und mich abzulenken.» Und: «Im August letzten Jahres weinte ich zum ersten Mal seit dem Vorfall. All die Tränen, die ich so lange zurückhielt, fliessen seit jenem Tag im August immer und immer wieder.»

Sie habe es lange rausgezögert, diesen Moment, diese Tat schwarz auf weiss niederzuschreiben, schreibt Morena Diaz. «Nach etwas über einem Jahr fühle ich mich nun bereit, euch einen Einblick in meine Seele zu geben und damit meinen eigenen Baustein im Kampf gegen Gewalt (an Frauen*) zu legen.»

"2019 habe ich überlebt"

Und: «Ich habe mich im Laufe des letzten Jahres dazu entschieden, den Schmerz zwar zuzulassen, mich jedoch weder von ihm noch von der Tat unterkriegen zu lassen. 2019 habe ich überlebt. 2020 will ich leben. Lächeln. Tanzen. Lieben. Und kämpfen. Mut machen. Und für mich und andere einstehen. Wir alle haben eine Stimme, wir entscheiden, wie wir sie einsetzen möchten. Und ich weiss, wie ich meine Stimme in diesem Jahr nutzen werde.»

Fürs 2020 wünsche sie sich mehr Bewusstsein für dieses Thema und verschärftere Gesetze. «Wir brauchen dringend eine Veränderung.» Und: «Um diese Veränderung zu erzielen, brauchen wir mehr Stimmen, die sich für diese Veränderung starkmachen», schreibt Morena Diaz. «Wir müssen unsere Stimmen erheben. Für jede Einzelne von uns. Genau deshalb breche ich mein Schweigen.»

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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