Prozess
Mit der Masche vom Fluch nahm sie ihren Opfern Tausende Franken ab

Eine Österreicherin redete ihren Opfern ein, ein schwerer Fluch laste auf ihnen. Wenn nötig, half sie mit Taschenspielertricks nach, bis die eingeschüchterten Frauen für die Erlösung zahlten. Nun stand die Frau vor dem Bezirksgericht Kulm.

Jörg Meier
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Die Heilbehandlung gegen den Fluch kostet 1500 Franken – fürs Erste. (Symbolbild)

Die Heilbehandlung gegen den Fluch kostet 1500 Franken – fürs Erste. (Symbolbild)

KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI

Die alte Masche funktioniert auch in unserem vermeintlich aufgeklärten Zeitalter noch immer, wie der vor dem Bezirksgericht Kulm verhandelte Fall zeigt.

Da wird in Reinach eine Büroangestellte auf offener Strasse von einer Frau angesprochen. Die Frau, bei einer anderen Heimsuchung gibt sie sich den Künstlernamen Anastasia, zeigt sich besorgt. Sie verwickelt die Büroangestellte in ein Gespräch und warnt sie, über ihrer Familie liege ein Fluch, und dieser Fluch werde die Familie zerstören.

Die Büroangestellte ist verwirrt, willigt ein, im Coop-Restaurant das Gespräch fortzuführen. Die beiden reden miteinander – und die Büroangestellte staunt, was Anastasia plötzlich alles über sie weiss: Dass es da einen unerfüllten Kinderwunsch gibt und schmerzliche Todesfälle in der Familie in letzter Zeit. Aber keine Sorge: Anastasia kann helfen. Allerdings: Die Heilbehandlung gegen den Fluch, bestehend aus drei samenartigen Körnern, kostet 1500 Franken – in bar zu bezahlen. Die Büroangestellte tut es und gibt Anastasia auch noch ihre Handynummer.

Fluch wurde immer schlimmer

Wenige Tage später meldet sich Anastasia. Der Fluch ist noch schlimmer, als sie geglaubt hat. Aber sie kann helfen. Das kostet allerdings bereits 5000 Franken. Dafür zaubert Anastasia gleich noch ein bisschen: Aus einer verknoteten Schnur verschwinden auf wunderbare Weise alle Knoten, wenn sie an beiden Enden zieht. Die Büroangestellte staunt und glaubt – und kriegt Angst. Aber sie sagt zu niemandem ein Wort. Denn das bringt allergrösstes Unheil, sagt Anastasia.

Wiederum ein paar Tage später taucht Anastasia bei der Büroangestellten zu Hause auf. Es sei dringend, sagt sie, denn der Fluch sei nochmals bedrohlicher geworden. Und sie führt den nächsten Taschenspielertrick vor: Sie lässt sich ein Ei geben, wickelt es in ein T-Shirt, legt das T-Shirt auf ihren Bauch.

Als sie dann das Ei wieder hervornimmt und öffnet, ergiesst sich daraus eine schwarze Flüssigkeit, welche ihre Hände verfärbt. Die Büroangestellte ist eingeschüchtert und bezahlt weitere 14'000 Franken, damit Anastasia den Fluch ein für allemal beseitigt. Sie wolle dies durch Beten erreichen, verspricht Anastasia, und das Geld wolle sie keinesfalls für sich behalten, sondern für die gute Sache opfern, indem sie es verbrenne. Für Aussenstehende wenig überraschend: Sie hat das Geld dann doch nicht verbrannt, sondern ausgegeben.

Opfer schämen sich

Vor Gericht gibt sich Anastasia äusserst wortkarg. Sie habe in den Vernehmungen schon alles gesagt, was zu sagen sei. «Seit der Einvernahme hat sich nichts geändert. Ausser, dass ich jeden Tag älter werde», begründete sie ihr Schweigen.

Wie viele Menschen sonst noch Opfer von Anastasias Masche geworden sind, bleibt offen; der Staatsanwalt geht davon aus, dass es noch mehr Personen gibt, die ihr auf den Leim gekrochen sind. Sie haben sich nicht bei der Polizei gemeldet, weil ihnen die Sache peinlich ist oder die ergaunerten Beträge geringer sind. Immerhin ist Anastasia in allen Anklagepunkten geständig und sie hat 40'000 Franken Kaution aufgetrieben, die dazu verwendet werden sollen, den angerichteten finanziellen Schaden wieder gutzumachen.

Gewerbsmässiger Betrug

Der Staatsanwalt plädiert auf gewerbsmässigen Betrug und verlangt eine teilbedingte Strafe von 30 Monaten Haft. Der Verteidiger verlangt Freispruch; was Anastasia gemacht habe, sei weder in Ordnung noch besonders raffiniert; aber die Voraussetzungen für gewerbsmässigen Betrug seien nicht erfüllt. Und er gab zu bedenken: «Die Angeklagte kämpft selber ums Überleben. Sie gehört nicht zu den Privilegierten.»

Das Gericht unter dem Vorsitz von Thomas Müller sprach Anastasia dennoch des gewerbsmässige Betrugs schuldig und verurteilte sie zu einer teilbedingten Strafe von 22 Monaten Gefängnis. Die 168 Tage Untersuchungshaft werden angerechnet. Zudem erhalten die Geschädigten ihr Geld zurück.

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