Reinach

Mit dem «Rössli» fällt ein Stück Geschichte – Rosmarie Wörner erinnert sich an die Blütezeit

Die lila Fläche am «Rössli»-Gebäude (zuletzt eine Pizzeria) zeigt, wo bis 2015 der Kinosaal angebaut war.

Die lila Fläche am «Rössli»-Gebäude (zuletzt eine Pizzeria) zeigt, wo bis 2015 der Kinosaal angebaut war.

Zu den Blütezeiten des Kinos schaute das ganze Dorf im Rössli-Saal Filme. Rosmarie Wörner, die zur letzten Kino-Generation der Familie gehört, erinnert sich: «Ich hatte Angst vor all den elektrischen Kabeln und dass der Film plötzlich Feuer fängt.»

Reinach, Mitte der 1950er-Jahre. Das Kino Rössli ist bis auf den letzten Sitz besetzt. Der ganze Saal schluchzt, während der italienische Film L’angelo bianco (der weisse Engel) läuft. Der heissblütige Guido verliebt sich in Lina, weil sie so sehr seiner verflossenen Liebe gleicht, die nach der Romanze mit Guido Nonne wurde. Ganz hinten, hinter dem schwarzen Vorgang beim Eingang, schluchzt noch jemand. Rosmarie Wörner, noch keine 20, Enkelin der Kinobesitzerin. Sie hat die Filmhungrigen in den Saal gelassen und schaut wie jedes Mal selber zu. «Der ganze Vorhang wurde nass, so fest habe ich bei diesem Film geweint», sagt Rosmarie Wörner, heute 76, als sie sich in ihrer Reinacher Wohnung an den «weissen Engel» und seinen Hauptdarsteller Amedeo Nazzari erinnert. «Er hatte dieses schöne Schnäuzli», sagt sie.

Rosmarie Wörner, ihre Schwester Frieda und ihre Cousins gehören zur letzten Kino-Generation der Familie. Hatte Grossmutter Cecilia in den 1930er-Jahren den Gasthof Rössli mit Kinosaal noch als Goldgrube erworben, mussten ihn die Enkel Ende der 1980er-Jahre loswerden, damit das «Rössli» sie nicht in den Ruin trieb. Danach wechselte das Gebäude an der Winkelstrasse Eigentümer und Betreiber wie die Wörners in der goldenen Zeit die Filmrollen, war zuletzt Pizzeria und Pub. 2015 wurde der Kinosaal abgebrochen – das Gasthaus soll dieses Jahr weichen. An seiner Stelle soll gemäss eines Baugesuchs, das noch auf Bewilligung wartet, ein Wohnhaus mit acht Wohnungen à 2½ Zimmer entstehen.

Zuschauer kamen von Beinwil

Zu Hochzeiten des Kinos gab es in Reinach zwei Lichtspielhäuser. Neben dem «Rössli» der Wörners mit 300 Plätzen war da noch das Kino Sommer (im Gebäude des heutigen Theaters am Bahnhof TaB). Beide Säle füllten sich damals mühelos, die Gäste kamen zu Fuss von Beinwil am See, wo es kein Kino gab, über den Hoger nach Reinach, um John Wayne oder Sophia Loren in Übergrösse zu sehen. Heute gibt es im ganzen Tal kein Kino mehr im klassischen Stil (das TaB konnte sich als Atelierkino etablieren). Der Hauptfeind des Kinos war das Fernsehen. Im Laufe der 1960er-Jahre konnten sich mehr und mehr Leute einen Apparat leisten und bestaunten Sophia Loren im Wohnzimmer statt im Filmpalast.

Dass die grossen Stars dereinst in einen kleinen Kasten passen würden, konnte sich in den 30er-Jahren noch niemand vorstellen. Grossmutter Cecilia Wörner hatte mit ihrem Mann Fritz schon einige Wirtschaften in der Ostschweiz geführt gehabt und war bereits verwitwet, als sie die Verkaufsannonce für den Gasthof Rössli mit Saal erspähte. Sie wusste um das Potenzial des Kinos, kaufte die Liegenschaft und zog ins obere Wynental. Bald sollte sie Verstärkung erhalten. Zuerst zog Sohn Eugen zu ihr, dann Sohn Fritz mit Ehefrau und Tochter Frieda. Fritz Wörner war gelernter Koch und hatte sich vor seinem Umzug nach Reinach ebenfalls als Kinobetreiber versucht. Beide Fertigkeiten konnte man im «Rössli» brauchen. «Onkel Eugen und mein Vater wechselten sich mit dem Wirten ab», sagt Rosmarie Wörner, die in Reinach als echtes Kino-Kind zur Welt kam. Drei Jahre lang habe der Vater die Gaststube betrieben, der Onkel das Kino. Dann wurden für drei Jahre die Rollen getauscht. «Wir mussten auch jedes Mal die Wohnung wechseln», so Rosmarie Wörner, «weil in der Wirtswohnung auch die Restaurantküche war.»

Die Schwestern Rosmarie und Frieda hatten schon früh ihre Ärbetli im Familienbetrieb. Sitze abstauben, Parkett putzen, in der Wirtschaft Becher mit Bier für 60 Rappen für die Pause füllen. Als Jugendliche sass sie an der Kasse. «In die Filmprojektor-Kabine wollte ich nie, ich hatte Angst vor all den elektrischen Kabeln und dass der Film plötzlich Feuer fängt», sagt Rosmarie Wörner heute.

Das Aus fürs Kino Rössli

Als der Fernseher in den 60er-Jahren seinen Triumphzug antrat, wurde das «Rössli» zunächst noch von Problemen verschont. «Die italienischen Gastarbeiter liebten das Kino und kamen alle zu uns – sogar aus dem Luzernischen», sagt Rosmarie Wörner. Denn bei anderen Kinos durften sie nicht mit kleinen Kindern rein, meiner Mutter machte das aber nichts aus, sie schaukelte sogar ihre Kinderwagen, damit sie den Film geniessen konnten.» Spätestens in den 70er-Jahren spürte auch die Familie Wörner die Kino-Baisse: «Vater und Onkel versuchten es zuerst mit Erotikfilmen zu später Stunde, aber in den 80ern zog auch das nicht mehr genug.»

Nach dem Verkauf des Gebäudes wurde Rosmarie Wörner selber eine Bekanntheit. Viele Jahre betreute sie die Kasse der Badi Menziken – «an der Kasse fühlte ich mich zu Hause» – und ist heute für manchen Menziker ein bekannteres Gesicht als Amedeo Nazzari.

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