Ob er denn bereit sei auszusagen, fragte Gerichtspräsident Christian Märki. Ein kurzes Nicken. Wo er geboren sei. «In Bosnien.» Und aufgewachsen? «In Reinach.» Ob er ein gutes Verhältnis habe zum Elternhaus. «Jetzt ja.» Früher habe es Krach gegeben wegen Drogengeschichten. Und ja, er wohne immer noch bei den Eltern.

Am Mittwoch musste er sich wegen verschiedener Delikte vor dem Bezirksgericht Kulm verantworten.

Ende Oktober 2013 hatte der 25-jährige Angeklagte – nennen wir ihn Ahmed – mit seiner Familie Zoff.

Der Mutter war ein Strafbefehl in die Hände geraten, worauf der Vater den Junior zur Rede stellte.

Um den tobenden Ahmed ruhig zu stellen, griff der ältere Bruder ein und nahm ihn in den Schwitzkasten. Ahmed wiederum hielt dem Bruder ein Klappmesser an den Hals. «Was hätte ich tun sollen? Ich bekam keine Luft, war in Panik», erklärte er am Gericht. «Ich könnte dem Bruder nichts antun.»

Eine Notwehrsituation? «Nein», meinte Richter Märki später, als er das Urteil begründete.

«Der Beschuldigte konnte davon ausgehen, dass der Bruder nachgibt, sobald er sich beruhigte.»

Zudem könne die lange Klinge schwere Verletzungen zufügen. Der Verteidiger hatte Freispruch im Fall der zur Last gelegten Nötigung und der versuchten einfachen Körperverletzung gefordert.

Der Richter entschied anders: «Der Beschuldigte hat ohne Gefahr eine Verletzung in Kauf genommen.»

Als die alarmierte Polizei dazukam, rastete Ahmed erst recht aus. Er habe versucht, die Polizisten zu treten, heisst es in der Anklageschrift, habe einen der Polizisten bespuckt und fliehen wollen.

Damit kam zur Widerhandlung gegen das Waffengesetz (Staatsangehörigen von Bosnien und Herzegowina ist es verboten, eine Waffe zu besitzen) auch noch Gewalt und Drohung gegen Beamte und Behörden.

Ende Juli 2014 wollte sich Ahmed im Spital Menziken in der Notaufnahme wegen Knieschmerzen behandeln lassen. Als die Ärztin sagte, sie könne ihm nicht helfen, wurde er ausfällig.

Zwei Wochen später tauchte er wieder im Spital auf, verlangte nach dem Namen der Ärztin, was ihm verweigert wurde. Er werde sie in die Fresse schlagen, drohte er.

Als die Polizei, die er mit seinem Mobile gerufen hatte, ihm klar machte, dass sie ihm nicht helfen könne, begab er sich wutentbrannt auf die Notfallstation, wo er auf die Ärztin traf. Es kam zu schlimmsten Beleidigungen. Ein weiterer Arzt wurde ebenfalls wüst beschimpft.

Vor Gericht wollte sich Ahmed nicht mehr erinnern, was er da alles gesagt hat. Er bestritt den Vorfall grundsätzlich aber nicht – auch nicht, das Wartezimmer verwüstet und einen Pflanzenkübel sowie einen Wasserspender umgestossen zu haben.

Für Richter Märki war klar, dass sich die Ärztin zu Recht bedroht gefühlt hatte. «Der Beschuldigte hat ihr gegenüber eine Drohkulisse aufgebaut. Sie entfernte sich, weil sie eine Eskalation befürchten musste und grosse Angst hatte.»

Schuldig also auch im Fall der Drohung, Beschimpfung und Sachbeschädigung.

Trotzdem blieb der Richter mit 300 Tagessätzen zu 90 Franken, davon die Hälfte unbedingt, unter dem Strafmass des Staatsanwalts. 13 500 Franken muss Ahmed also abstottern.

Für die bedingte Hälfte gilt eine Probezeit von drei Jahren. Ahmed ist ohne Job, hat aber intakte Chancen, wieder Arbeit zu bekommen.

«Sie haben einen zünftigen Schuh voll herausgezogen», meinte Gerichtspräsident. Ob die Gewährung der teilbedingten Strafe die erhoffte Wendung zum Besseren bewirkt?