Attelwil/Reitnau

Mit dem Adler gegen die Fusion

Am 26. November entscheiden die beiden Gemeinden über die Fusion. In Attelwil ist die Skepsis gross. Ein Augenschein im Suhrentaler Dorf.

«Fusion Nein!» schreit das Plakat am Dorfeingang. Sonst ist es ruhig in Attelwil an diesem Morgen. Ein Handwerker in seiner Werkstatt will nicht namentlich zitiert werden. «Ich bin jetzt für die Fusion, aber nur, weil mit 400'000 Franken schon zu viel investiert worden ist», sagt er. Rechts steht das Schulhaus; Storen unten. Es kann gemäss Website der Gemeinde ab 1. Januar 2018 gemietet werden. Zu einem Zins von 65'000 Franken pro Jahr.

Eine junge Frau kurz vor der Abfahrt zur Arbeit kann noch nichts sagen: «Ich muss mich noch damit befassen.» Und Michael Stadelmann, der auf das Postauto wartet, hält die Fusionsfrage für nicht so wichtig, zumal er eh bald wegziehe.

Am 26. November geht’s im Suhrental um die Wurst: Fusionieren Reitnau und Attelwil zur neuen Gemeinde Reitnau mit dem Dorfteil Attelwil? Oder existieren auch nach 2019 weiterhin zwei Gemeinden, von denen die kleinere, Attelwil, in den meisten Vereinen und auch politischen Körperschaften wie Schule und Feuerwehr mit Reitnau zusammen kutschiert? Sogar die Gemeindeverwaltung Attelwil ist bereits im Reitnauer Gemeindehaus. Bloss die Postadresse befindet sich noch in Attelwil. Im alten Gemeindehaus, wo auch ein öffentlicher Defibrillator steht. Der zweite auf Attelwiler Gemeindegebiet; Reitnau hat nur einen.

Nutzen infrage gestellt

Im Hoflädeli von Käthi Reinhard herrscht Betrieb: Brot, Zopf, Gebäck, Gemüse. Sie ist nicht grundsätzlich gegen Fusionen, wird aber Nein sagen zur Fusion in dieser Form. «Ich sehe den Nutzen nicht», sagt sie, «uns geht es gut; die Steuern werden eh erhöht.» 2016 hatte Attelwil einen Steuerfuss von 98, Reitnau einen von 117 Prozent. Kommt die Fusion, ist bis 2022 mit 114 Prozent zu rechnen.

Ihr geht es auch ums Gemeindeland, das mit der Fusion zum Land der fusionierten Gemeinde würde. Hier müssten die Attelwiler Bauern, wenns um die Pacht geht, ein Vorrecht haben. «Das gehört in den Fusionsvertrag hinein», sagt Käthi Reinhard. Eine Zwängerei nennt sie die Fusionsvorlage; man bräuchte mehr Zeit für die Details. Sie höre von Reitnauern häufig, dass sie als Attelwiler auch Nein sagen würden. Aber auch umgekehrt sei gefahren: Viele Attelwiler würden als Reitnauer die Fusion befürworten. Also ist klar, wer verliert?

Reitnau klar für Fusion

Die beiden Gemeindeversammlungen haben diesen September die Fusion abgesegnet. Reitnau, in einer offenen Abstimmung, mit 128 zu 0 Stimmen. Attelwil hingegen bedeutend knapper, und das in einer geheimen Abstimmung: 51 gegen 41 Stimmen bei einer Enthaltung. Dass die Reitnauer einstimmig Ja gesagt haben, erstaunt Ursel Rapolani, Leserbriefschreiberin aus Attelwil, nicht: Sie profitieren von Attelwil, das im Gegensatz zu Reitnau über ein Pro-Kopf-Vermögen (9524 Franken) verfüge statt einer Pro-Kopf-Verschuldung (1989 Franken). Fusioniert gäbe das ein Pro-Kopf-Vermögen von 116 Franken, so die Botschaft zur Urnenabstimmung. Und die Steuerkraft bliebe mit 1814 Franken pro Einwohner weiterhin deutlich unter dem kantonalen Durchschnitt von 2543 Franken.

«Ich bin nicht gegen Fusionen, aber wenn schon, dürfte sie nicht bloss zwei Gemeinden umfassen», meint Ursel Rapolani. Das Argument, es sei schwierig, Personen für den Gemeinderat zu finden, kontert sie lachend: «Ich würd’s machen!» Von 284 Attelwiler Einwohnern sind 226 stimmberechtigt. Reitnau hat 1281 Einwohner; 858 davon sind stimmberechtigt.

Rappenspalter?

«Ein Völkli für sich» seien die Attelwiler sagt Samuel Häfliger aus Reitnau am Stammtisch der «Schmiedstube», wo seit einem Monat Wild Trumpf ist. Immerhin gastronomietechnisch habe Attelwil die Nase vorn. Rappenspalter seien die Attelwiler, Chnuupesager, «zu wenig fremdes Brot gegessen».

Stephan Müller, Gemeindeammann von Wiliberg, schmunzelt nur und denkt sich seine Sache. Ohne Schulhaus und Gemeindehaus, ohne Investitionen könne man schon sparen, sagt Häfliger. Er ist für die Fusion, obwohl sie für ihn nur einen ersten Schritt darstelle: «In 50 Jahren haben wir noch eine Gemeinde im Suhrental, doch das muss wachsen, das lässt sich nicht forcieren.»

«Der Vertrag ist nicht gut ausgehandelt worden», sagt Peter Baumann, Mitglied der Finanzkommission Attelwil und Unternehmer (Schreinerei). Er zeichnet mitverantwortlich für ein Flugblatt mit dem Titel «Nein zum einseitig ausgehandelten Fusionsvertrag Reitnau/Attelwil».

Unausgegorene Vorlage?

Die Verunsicherung der Attelwiler Landwirte – sie haben am 31. Oktober die Plakate an den Dorfeingängen aufgestellt – bezüglich Pachtvergabe des Bürgerlandes könnte gemäss Baumann behoben werden. Bei den Fusionen im benachbarten luzernischen Triengen (mit Winikon, Kulmerau, Wilihof) sei eine Regelung zugunsten der Bauern der «alten» Gemeinde getroffen worden.

Die Selbstständigkeit ermögliche Attelwil auch, eigene Projekte wie eine Altersresidenz zu verfolgen, wenn Attelwiler Finanzvermögen für Attelwil eingesetzt werden könne, sagt Baumann. Dazu gehört auch das Geld, das ein Verkauf des Schulhauses bringen könnte. Zum Argument, es gäbe Engpässe bei der Besetzung von Ämtern und Kommissionen, meint er, man sollte den Jungen die Chance geben, sich zu engagieren.

Eins zeigt der Augenschein in Attelwil: Streit will man nicht; Gräben eröffnen, wo die Gemeinden doch praktisch zusammengebaut sind, schon gar nicht. «Lassen wir die gute Zusammenarbeit mit Reitnau so bleiben, wie sie heute besteht», ist auf dem Flugblatt der Fusionsgegner zu lesen.

Abstimmungskampf lanciert

Mit Flugblatt und Plakaten ist die Urnenabstimmung lanciert. Nach den Gemeindeversammlungen, an denen beide Gemeinden Ja sagten zur Fusion, scheint das Rennen in Attelwil offener denn je zu sein. Zumal Ursel Rapolani in ihrem Leserbrief deutlich darauf hinweist, dass man die Attelwiler Einwohner nicht unterschätzen sollte: Sie hätten «nicht nur einen Kopf auf dem Hals, damit es nicht rein regnet». Einen Kopf hat auch der Adler im Attelwiler Wappen, das nun, wo die Fusionsgegner Flagge zeigen, als Fahne einige Hausfassaden ziert. Dazu kommt das Herz: emotionale Bindungen, Wurzeln, Heimatort, Lokalpatriotismus. Käthi Reinhards 18-jähriger Sohn jedenfalls ist stolz, Attelwiler zu sein.

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