Bevor Giovanni Arcadio an den Schweizer Meisterschaften antreten darf, wird er auf Herz und Nieren geprüft. Oder gar auf mehr. «Ich muss mich dem Lügendetektor stellen», sagt der Oftringer. Verkabelt wird er etwa eine Viertelstunde lang ausgefragt. «Kein Problem für mich», sagt der 56-Jährige, «ich habe nichts zu verbergen.» Die Hauptfrage ist klar: «Sie werden wissen wollen, ob ich keine verbotenen Substanzen zu mir nehme.»

Giovanni Arcadio betreibt seit 31 Jahren Natural Bodybuilding. Wer sich in jener Sparte des körperbetonten Sports misst, spricht sich gegen Medikamentenmissbrauch aus. Wer hängen bleibt in einer Dopingkontrolle, wird lebenslang gesperrt. «Mich interessiert, wo die Grenzen des Natural Bodybuildings sind, wie weit man den eigenen Körper bringen kann mit Training und Ernährung», sagt Giovanni Arcadio.

Sechs Jahre ist es her, seit er letztmals Wettkämpfe bestritten hat. Unsportlich war er in der Zwischenzeit aber nicht. 2017 trainierte er als Fitnessinstruktor den Uerkner Schwinger Patrick Räbmatter für den Unspunnen-Schwinget. «Was ich in dieser kurzen Zeit mit ihm erreicht habe, hätte ich alleine nicht geschafft», sagte «Räbi» damals.

2012 gewann Arcadio die Schweizer Meisterschaften, wo er sich als Zweiter für die Weltmeisterschaften qualifizierte. An der WM in Atlantic City (USA)gewann er den Titel. «Die Gedanken daran motivieren mich noch heute sehr», sagt der Aargauer, der es nun noch einmal wissen will. Im Jahr 2017 verbrachte er mit seiner Familie Ferien an der Ostküste der USA und erfuhr, dass 2018 die WM an der Westküste stattfinden würde. «Nach Los Angeles wollte ich schon immer mal, da ist das Mekka des Bodybuildings. Wenn da eine WM ist, muss ich hin», dachte Arcadio.

Das Umfeld zieht mit

Bald sprach er den Gedanken auch bei seiner Familie aus, die ihm ihre Unterstützung zusicherte. «Das Umfeld ist das wichtigste, wenn nicht alle mitziehen, geht es nicht», so der Angestellte bei Müller Martini. Arcadio spricht damit auch seinen Arbeitgeber an, der ihm derzeit Ferien und den Abbau von Überstunden gewährt. Denn das Training, das der Familienvater absolviert, ist hart. Täglich zweimal ist er im Physical Fitness in Zofingen anzutreffen.

Cardiotraining auf dem Laufband steht nebst Gewichte stemmen auf dem Programm. Mindestens einmal pro Woche lässt sich Giovanni Arcadio mit dem Körperanalysegerät durchchecken. 72 Kilogramm, 9 Prozent Körperfettanteil und weitere aufschlussreiche Werte förderte die Apparatur, die auch allen anderen Fitnesscenterbesuchern zur Verfügung steht, am Dienstag zutage. «Ich bin voll im Fahrplan», sagt der Bodybuilder. Wohl fühlt er sich auch beim Blick in den Spiegel. Verbessert habe er seinen Schwachpunkt, die Beinmuskulatur, «da ist mittlerweile alles viel definierter.»

Endspurt steht an

Noch bleiben Giovanni Arcadio gut zehn Tage, um sich für die Schweizer Meisterschaften in Topform zu bringen. Wichtiger Baustein dazu ist die strenge Diät, die er seit Juli hält. Ein paar Reiswaffeln mit Honig und einen doppelten Espresso zum Frühstück, nach dem Training einen Eiweissshake, zum Mittagessen Gemüse und Poulet plus Nahrungsergänzungsmittel über den Tag verteilt – der Speiseplan eines Bodybuilders lässt vor Wettkämpfen keine Schlemmereien zu. «Ich merke, dass mit zunehmenden Alter bei allem noch mehr Disziplin gefragt ist», betont er.

Gestern stand die Musikauswahl mit seinem langjährigen Coach Hans Meyer an für seine Einsätze an den SM, wo Giovanni Arcadio bei den Masters ab 45 Jahren antritt. «Ich werde einige Fältchen mehr haben als andere», meint er und lacht. Kaschieren könnten – und müssen – die auch die braune Farbe nicht, die der Oftringer mit Physical-Fitness-Inhaber Marc Esslinger aussuchte und vor dem Wettkampf mit einem Roller auftragen lässt.

Weiterentwickelt hat sich nicht nur Giovanni Arcadio persönlich, sondern auch die Swiss Natural Bodybuilding-Szene. Die Teilnehmerzahlen an den Schweizer Meisterschaften nehmen stetig zu, die Konkurrenz wächst. «Der Umgang untereinander ist freundschaftlich geblieben», betont der Aargauer. So könne er auch akzeptieren, wenn am Ende in seiner Kategorie ein anderer zuoberst auf dem Treppchen steht, «wenn er besser gewesen ist als ich», sagt Arcadio und lacht.

Sechsmal war er schon Zweiter an einer SM. Am 20. Oktober in Unterägeri will er den Sieg schaffen: «Ich bin voller Tatendrang für den Endspurt der Vorbereitungen und überzeugt, dass ich Erster werden kann, ich habe knallhart gearbeitet dafür.» Das Funkeln in Giovanni Arcadios Augen spricht Bände. Es braucht keinen Lügendetektor, um zu spüren, dass diese Aussagen stimmen.