Menziken
«Missgeburt»: Dieser Mann findet ein anstössiges Lied aus dem Jahr 1663

An der Universitätsbibliothek Bern ist eine Liedflugschrift über ein entstelltes Kind aufgetaucht.

Katja Schlegel
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Eberhard Nehlsen Liedflugspezialist: «Liedflugschriften spiegeln das Leben der frühen Neuzeit in seiner ganzen bunten Vielfalt wider.»

Eberhard Nehlsen Liedflugspezialist: «Liedflugschriften spiegeln das Leben der frühen Neuzeit in seiner ganzen bunten Vielfalt wider.»

zvg

Der Anblick der Kreatur war so fürchterlich, dass sich die Geschichte im ganzen Land verbreitete. Auf den Marktplätzen und in Wirtschaften kletterten die Männer auf Brunnentröge und Tische und sangen über die Köpfe der verschreckten Zuhörer, hört her ihr Christenleut, was da in Menziken Schlimmes passiert ist, und die Leute reckten die Hälse und lechzten, schlugen sich die Hände vors Gesicht, so schrecklich hörte es sich an, und daheim sanken sie darnieder und beteten und flehten, bis die Knie schmerzten.

Es soll am 13. August 1663 geschehen sein, dass in Menziken ein fürchterlich entstelltes Kind geboren wurde, das Kind von Rudolf Stachel und Maria Fuchs, diese liederlichen Leute, verheiratet wohl, aber verrucht und gottlos. Bereits ein paar Monate zuvor, im Mai 1663, hatte die Region die Geschichte über den Büchsenschmied Christen Berchtold aus Rued erschüttert, der drei seiner Kinder mit einem Beil im Schlaf erschlagen hatte.

Beide Geschichten wurden in Versform niedergeschrieben und als sogenannte Liedflugschriften verbreitet. Für wenig Geld wurden diese kleinformatigen Heftchen im 16. und 17. Jahrhundert von einfachen Händlern auf den Märkten verkauft.

Eine Sensationslust wie heute

Die Geschichten über die «Missgeburt» und den «Beil-Mörder» sind vor ein paar Monaten wieder aufgetaucht. Gefunden hat sie der deutsche Liedflugschriften-Spezialist Eberhard Nehlsen, Lehrbeauftragter am Institut für Musik an der Uni Oldenburg. Nehlsen stiess im Herbst bei der Durchsicht von Aufzeichnungen zu den Lieddrucken aus den Beständen der Universitätsbibliothek Bern über die Ortsnamen «Mantzigken bey Reinach» und «Rued Lentzburger-Ampts». Und weil Nehlsen ab und zu in der Region zu Besuch ist, liessen ihn diese Namen stocken und genauer hinschauen.

«Die Lieddrucke wurden von geschäftstüchtigen Druckern produziert und von ihnen selbst oder von Kolporteuren auf Märkten, in Wirtshäusern oder öffentlichen Plätzen vertrieben», sagt Nehlsen. Um möglichst viele Lieder zu verkaufen, sparte man schon damals nicht mit süffigen Adjektiven und schauerlichen Zeichnungen. Mit der Sensationslust von damals war es nicht anders als heute: je blutrünstiger, je versauter, desto besser, desto grösser der Absatz. Und so werden auch die Menziker Begebenheiten in aller Deutlichkeit ausgewalzt, bis es auch den härtesten Kerl vor Graus schüttelt:

«Der ganze Leib aussehen thut
natürlich wie ein rothes Blut
ganz lind zu greiffen an
jedoch kein Augen, Nas noch Mund
an ihme man nicht sehen kund.»

So geht es weiter. Der Sänger erzählt von einem mit drahtigem Flaum bewachsenen Köpfchen, dazu am Bauch ein Stück Fleisch, ein langer Nabel, steinhart und ungestalt. Auf der linken Seite habe das Kind einen Arm samt Hand gehabt, daran aber nur vier Finger, und die Beine kurz und dick, wie Pfeiler, und ohne Füsse daran.

Und die Moral von der Geschicht

Der Reiz dieser Liedflugschriften ist noch heute gross. «Sie spiegeln das Leben der frühen Neuzeit in seiner ganzen bunten Vielfalt wider», sagt Nehlsen. Die Bandbreite der Lieder ist gross; manche berichteten von der Liebe oder trinkseligen Abenden, viele von aktuellen Ereignissen wie Kriege, von führenden Gestalten in der Politik, von Naturkatastrophen, von Unglücksfällen und Missgeburten, sensationellen Ereignissen aller Art. Dazu kamen die geistlichen Lieder, die von biblischen Geschichten, dem christlichen Lebenswandel oder den Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen handelten.

Wie glaubhaft diese Geschichten sind, ist laut Nehlsen ganz unterschiedlich: «Ein Teil der besungenen Ereignisse beruht zweifellos auf tatsächlichen Begebenheiten, beispielsweise Umweltkatastrophen, Unglücksfälle, Morde und andere Straftaten.» Andere Ereignisse seien aber so blumig ausgemalt, dass der wahre Kern fast verschwinde, wieder andere seien frei erfunden, beispielsweise Lieder über Geistergeburten, eine menschliche Hand die aus einem Amboss wächst oder Möbel, die Blut schwitzen. «Sie alle haben aber einen gemeinsamen Nenner», so Nehlsen: die Interpretation der Ereignisse als Strafe oder Mahnung Gottes. «Und die Aufforderung an die Zuhörer, Busse zu tun und von Sünden abzulassen.»

So ist das auch im Menziker Lied: Das arme Kindlein sei erst begraben worden, so wird gesungen, nachdem es herumgezeigt worden war, um allen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Für die Gottesfürchtigen war es ein gefundenes Fressen, das Kind sei das Beispiel dafür, was passiert, wenn man die Gebote bricht. Es sei eine Warnung Gottes, so die Moral der Geschichte.

«Ihr lieben Christen Weib und Mann
lasst euch die Gschicht zu Herzen gahn
ruft Jesum Christum an
dass Er uns stäts heüten woll
vor allem Leib und Angesehl.»

Die Geschichte über den Rueder Beil-Mörder lesen Sie nächste Woche in der az.

Die Vorgänger der heutigen Zeitung wurden oftmals anonym herausgegeben

Ereignisse aller Art wurden ab Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert auch in Versform gedruckt und vertrieben. Noten für die Melodien waren nicht notwendig, die Verse wurden auf gängige, allgemein bekannte Melodien gepackt. In der Schweiz spielten Lieder über die Geschichten der Eidgenossenschaft eine grosse Rolle, daneben decken sie aber auch die ganze Bandbreite des Alltags ab. Oftmals wurden Liedflugschriften anonym herausgegeben, die Angaben zu Drucker und Ort waren nicht selten frei erfunden. Manche Schriften erreichten eine Auflage von bis zu 5000 Stück. Heute bewahrt die Universitätsbibliothek Bern Hunderte dieser Liedflugschriften auf, ein Grossteil ist aber noch nicht katalogisiert. Dieses Jahr aber soll die weitere Erschliessung und Digitalisierung der Liedflugschriften in Angriff genommen werden. (ksc)

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