Kölliken
Mieter gesucht: Wollen Sie unter einem Strohdach wohnen?

Dieses alte Haus ist kein Museum – man kann ab sofort dort einziehen. Die neuen Besitzer des Wohnteils im Strohhaus suchen einen Mieter, der die Geschichte und Einzigartigkeit des alten Gebäudes zu schätzen weiss.

Barbara Vogt
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Die neuen Besitzer Helena und Eros Di Prisco (links) mit ihren drei Töchtern Anna, Lisa und Nina suchen einen Mieter für ihr Strohdachhaus. Rechts steht das alte Besitzerpaar Tatjana und Pit Strähl. emanuel Freudiger

Die neuen Besitzer Helena und Eros Di Prisco (links) mit ihren drei Töchtern Anna, Lisa und Nina suchen einen Mieter für ihr Strohdachhaus. Rechts steht das alte Besitzerpaar Tatjana und Pit Strähl. emanuel Freudiger

Es ist eine Hochzeit der besonderen Art: Die zwei Gebäudeteile des Strohdachhauses an der Hauptstrasse vereinen sich nach Jahren des Getrenntseins wieder.

Vor Jahren wurden Wohnhaus und Scheune des 200-jährigen Strohdachhauses aufgeteilt. Der eine Teil wurde eine Garage, der andere blieb ein Wohnteil. Garagist Eros Di Prisco aus Muhen kaufte den Garagenteil vor Jahren, um seinen Betrieb dort zu führen. Für das Wohnhaus interessierte er sich damals kaum. Einsam und verlassen stand dieses jahrelang da – bis das Ehepaar Tatjana und Pit Strähl 2001 erstmals durch die mit Spinnweben verhangenen Räume liefen und wussten: Hier wollen wir leben.

Fortan lebten das Paar Strähl und Garagist Di Prisco friedlich unter einem Dach zusammen. Beinahe, denn die Gebäude waren auch von der Dachform voneinander getrennt: Das Wohnhaus ist mit Strohdach gedeckt, die Garage mit Ziegeln.

Dann entschieden sich Tatjana und Pit Strähl, ihren Wohnteil zu verkaufen. Garagist Eros Di Prisco griff zu. Jetzt gehören ihm Garage und Wohnteil. «Das Strohdachhaus ist wieder eine Einheit, ein Herzstück», freuen sich Tatjana und Pit Strähl.

Heimelige Atmosphäre

Als Eros Di Prisco vom Verkauf des Wohnteils hörte, begann er mit einem Kauf zu liebäugeln. Er und seine Frau schauten sich die 350 Quadratmeter grosse Wohnfläche an – und waren Feuer und Flamme: «Der Charme des Hauses nimmt einen gefangen», sagt Helena Di Prisco. «Durch das viele Holz in den Räumen und das Strohdach herrscht eine heimelige Atmosphäre im Haus.»

Das Strohdachhaus in Kölliken ist eines der wenigen im Aargau, das bewohnt wird. Im Kanton gibt es nur noch acht Häuser, die mit Schilf oder Stroh gedeckt sind. Die meisten werden als Museen oder kulturell genutzt.

Vorerst vermieten

Die Familie Di Prisco zieht nicht in ihr Strohdachhaus ein, sondern bleibt in ihrem Haus in Muhen wohnen. Das Ehepaar hat drei kleine Mädchen, die Schule und Kindergarten besuchen. Der Wegzug in eine andere Gemeinde wäre deswegen problematisch. «Wer weiss, vielleicht gehen wir später mal in dieses Haus oder unsere drei Mädchen gründen darin eine Wohngemeinschaft», sagt Helena Di Prisco mit einem Augenzwinkern. Vorerst vermieten die neuen Besitzer das Strohdachhaus. Sie vermuten, dass das Haus durch das spezielle Wohngefühl Liebhaber anzieht.

Die Familie Di Prisco fürchtet sich nicht vor kostspieligen Unterhaltsarbeiten. Da das Strohdachhaus denkmalgeschützt ist, werden die Besitzer bei Sanierungen von der kantonalen Denkmalpflege unterstützt. Ausserdem hat das alte Besitzerpaar Strähl das Haus umfassend saniert. Da kam es auch zu gruseligen Szenen, erinnert sich Tatjana Strähl: «Als der Holzboden erneuert wurde, sprangen den Arbeitern Ratten entgegen.»

Nach Bauernhaus eine Wohnung

Ende Oktober ziehen Tatjana und Pit Strähl aus dem Strohhaus. Die schönen Räume zu verlassen, stimmt das Paar traurig. «Aber wir haben gute Nachfolger, da fällt der Abschied leichter», sagen sie. Etliche Interessenten wollten das Haus kaufen, aber die Strähls gaben es nicht irgendwem: «Wir wünschten uns Besitzer, die das Besondere des Hauses schätzen, es mit Sorgfalt pflegen.»

Das Leben von Tatjana und Pit Strähl geht in zwei Richtungen: in die Region Zürich und ins Tessin. Dort haben sie bereits seit längerem ein Haus. In Zürich suchen sie sich eine Wohnung. Das werde nicht einfach, nachdem sie so lange in einem Bauernhaus gelebt haben, findet das Paar.

In all den Jahren hat sich beim Ehepaar Strähl Material angesammelt. Alles wollen sie nicht mitnehmen, deshalb veranstalten sie am kommenden Wochenende einen Flohmarkt, an dem sie ihr Sammelsurium und Trouvaillen zum Verkauf anbieten: Dekomaterial, Geschirr, Möbel aus Haus und Garten.

Ein Gegenstand bleibt im Haus, ein altes schwarzweisses Bild vom Strohdachhaus. Seit Ewigkeiten hängt es im Flur. Dort soll es auch bleiben.

Flohmarkt Am 18. und 19. Oktober, zwischen 10 und 16 Uhr vor dem Strohdachhaus Kölliken

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