«Muhen Nord, Muhen, Mittelmuhen, Obermuhen» – wer als Auswärtiger mit der Bahn in Muhen hineinfährt und die Namen der Haltestellen sieht, der muss erst mal schmunzeln. Warum hat ein so kleines Dorf so viele Ortsteile und Haltestellen? Warum ist es so langgezogen? Und dann dieser Name, «Muhen» – gibt es da denn so viele Kühe?

«Auf den ersten Blick kann man schon den Eindruck gewinnen, Muhen sei nur ein Durchfahrtsdorf», sagt Gemeindeammann Andreas Urech. Wer aber näher hinschaue, der werde mit positiven Überraschungen belohnt. Eine Stunde seiner Freizeit hat er für einen Rundgang durch das Dorf reserviert. Wir beginnen auf dem kleinen Platz beim Bahnhof Mittelmuhen, dort wo einst Ziegel aus der Römerzeit zum Vorschein kamen und Ende 19. Jahrhundert das imposante alte Schulhaus gebaut wurde.

Falls es im eher verzettelten Dorf ein Zentrum gibt, dann liegt es hier. So eingeklemmt zwischen Bahnlinie und dem Schulgebäude kommt aber kein richtiges Dorfkerngefühl auf, auch wenn unmittelbar daneben mit der Metzgerei Berchtold der wichtigste Dorfladen steht. Auf der Strassenseite gegenüber sieht man den grossen Stolz der Müheler: die reformierte Kirche, für die sich die Bewohner über ein halbes Jahrhundert lang eingesetzt haben und die 1961 errichtet wurde. Daneben steht der Gasthof Waldeck, der seit Ende letztes Jahr zu ist. Fürs Dorfbild sei er sehr prägend, sagt Andreas Urech. Wie es dort weitergehe, wisse man noch nicht.

Was aber fest steht: In dieser Zone wird sich in den nächsten Jahren viel ändern. Andreas Urech spricht vom Masterplan Dorfzentrum samt neuem Schulhaus mit Doppelturnhalle. 23 Millionen Franken will die Gemeinde darin investieren – bei rund 8 Millionen Steuereinnahmen im Jahr. «Ein Jahrhundertprojekt», sagt er. «Den Eindruck eines Durchfahrtsdorfs werden wir wohl nie ganz wegbringen. Aber es ist unser Ziel, dem Dorfkern ein Gesicht zu geben.» Ein erster Begegnungsplatz wurde bereits zwischen den Dorfläden und der Suhre errichtet, samt einem Spielplatz mit einem eindrücklichen Holzdrachen, gestaltet von Förster Urs Gsell.

Ein Dorf ohne Gesicht?

Hat das langgezogene Muhen überhaupt eine Identität, oder ist es wie sein Dorfzentrum gesichtslos, ein Paradebeispiel für Zersiedlung? «Muhen lebt vom Engagement und dem sehr ausgeprägten Gemeinschaftssinn seiner Einwohner», sagt Andreas Urech. Er erinnert sich daran, als eine Scheune im Dorf in Brand geriet. Ohne zu fragen, fuhren die Müheler Feuerwehrleute mit ihren privaten Traktoren und Anhängern vor. Bis tief in die Nacht hinein halfen sie, das Feuer zu löschen. Diese Einsatzbereitschaft sei charakteristisch für das Dorf und auch der Grund, warum er, der aus dem Seetal stammt, nicht mehr aus Muhen weg möchte.

Andreas Urech präsentiert sein Dorf gerne, gibt sich volksnah. Beim Gang durch die Gassen wird er immer wieder von den Bewohnern gegrüsst, kommt mit ihnen ins Gespräch. Als eine Art Dorfsheriff sieht sich der 36-Jährige aber keineswegs. In seinem Auftreten gibt er sich offen und bescheiden. «Ich bin einfach ein Gewählter mehr, meinen Stellenwert sehe ich als nicht so hoch an für die Entwicklung der Gemeinde», sagt der Ammann, der zugleich der Jüngste ist im Gemeinderat. 2013 stellte er sich zur Wahl als Alternative zur damaligen Frau Gemeindeammann Cornelia Wüthrich (SP), die sich daraufhin zurückzog. «Muhen ist halt ein SVP-Dorf», sagt er. SVP-Dorf – was heisst das? «Die Landwirtschaft und das Dorfleben stehen hier im Vordergrund.» Auf dem Land, da sei die SVP anders als in den Städten. «Die SVP Muhen macht Sachpolitik und keine Polemik.» Im Gemeinderat sitzen derzeit drei SVPler, Cornelia Wüthrich für die SP und ein Parteiloser. Andere Ortsparteien gibt es in Muhen nicht.

Jeder zehnte heisst Lüscher

Unsere Tour geht weiter, vom Schulareal in Richtung Strohdachhaus.
10 Prozent der Telefonbucheinträge Muhens lauten auf den Nachnamen Lüscher. Haben die Müheler sogar einen eigenen Nachnamen? Gemeindeammann Andreas Urech sagt jedenfalls: «Wenn Sie von jemandem mal den Namen nicht wissen, ist Lüscher sicher ein vielversprechender Tipp.»

Das Strohdachhaus aber, das wird nicht von Lüschers, sondern vom Ehepaar Moser unterhalten. «Mit viel Herzblut», sagt Andreas Urech. Das älteste – es stammt aus dem 17. Jahrhundert – und markanteste Gebäude Muhens dient heute als Dorfmuseum.

Muhen wird modern

Wir kommen wir vorbei am Gasthof Bären, dann am Restaurant Bahnhof – den alle «Schnägg» nennen, niemand weiss genau warum – und kommen dann zum Bahnhof Muhen. Dort fallen die vielen neuen, modernen Wohnhäuser auf. «Dieses wurde 2010 gebaut anstelle der alten Gärtnerei Schaffner», sagt Andreas Urech und fügt hinzu: «Ich weiss dies so genau, weil ich vorher hier gewohnt habe.» Die Mischung moderner und alter Bauten entlang der Müheler Hauptstrasse springt ins Auge. Experten sagen: Wer Zersiedlung vermeiden will, lässt am besten die Baulücken im Dorf füllen und zwar verdichtet. Muhen scheint seine Hausaufgaben zu machen: Schulraum, Zonenplan – mit keinem Thema ist man spät dran.

3860 Menschen lebten Ende Mai in Muhen. Die Gemeinde plant für einen Zuwachs von bis zu 4200 Einwohnern. Dafür wird auch neues Land entlang der Hügel erschlossen. Mit seinem Auto nun führt Andreas Urech über eine neu gebaute Strasse bei Untermuhen vor einem Feld, dass die Gemeinde kürzlich für über drei Millionen Franken verkauft hat. Bauland gibts in Muhen ab 500 Franken pro Quadratmeter zu kaufen. Im Immobilienportal comparis.ch gibt es in Küttigen zum Beispiel vergleichbare Angebote für doppelt so viel Geld.

Autobahn 1 als eine Art Grenze

Dass Muhen so in die Länge gezogen entstanden ist, sei gemäss Andreas Urech kein aktuelles Zersiedlungsphänomen, sondern geschichtlich bedingt: Die Seitentäler zwischen der Suhre und den bewaldeten Hügeln wurden Schritt für Schritt bevölkert, Ober- und Untermuhen entstanden wie voneinander getrennt. «Und es gab lange einen Zwist zwischen beiden Dorfteilen», sagt er. Eine scherzhafte Unterscheidung gäbe es heute noch.

Auf dem Hügel in Obermuhen angekommen, geniessen wir die Aussicht aufs Dorf und bis weit übers Tal nach Kölliken. Auffallend ist natürlich die Autobahn, die das Dorf Muhen wie einmauert. «Die Autobahn ist wie eine natürliche Grenze zum urbanen Raum Aarau», so Andreas Urech. Von der A1 in Richtung Süden – da ist man auf dem Land. Auch deshalb sei Muhen Anfang März aus der Projektgruppe Zukunftsraum Aarau getreten. «Wir haben das Potenzial einer Fusion oder einer weiteren Zusammenarbeit für uns nicht gesehen», sagt er.

Auch wenn das vermeintliche Durchfahrtsdorf auf den ersten Blick zersiedelt und charakterlos erscheint: Vom Hügel her betrachtet stellt man fest, dass Muhen vom landesweit aktuellen Thema Zersiedlung eher verschont geblieben ist. Die Felder zwischen der Suhre und Kölliken blieben Ackerland, auch nach der Eröffnung der Autobahn vor fast 50 Jahren. Muhen hat eine direkte Verbindung an die A1 – etwas, auf das Aarau oder Olten neidisch sein können. Einen Bauboom habe es deshalb im Dorf aber nie gegeben, sagt Andreas Urech, auch weil der Kanton die Ackerfelder als Siedlungstrenngürtel schütze. Industriebetriebe anlocken war für die Gemeinde deshalb kein Thema.

«Ich liebe dieses Dorf»

Unser Rundgang durchs Dorf endet beim Waldhaus. Wir probieren das frische Wasser vom Brunnen, der nur wenige Meter von der Quellfassung entfernt steht. Daneben sehen wir die Bänke und den Spielplatz, den der Förster selber gestaltet hat, einfach weil er Freude daran hatte. «Da ist Muhen gesegnet. Wir haben viele Leute, die gerne etwas zum Dorfleben beitragen», sagt Andreas Urech. «Ich muss sagen, ich liebe dieses Dorf!» Das Ländliche, die guten Leute – deswegen sei er Gemeinderat geworden. Muhen hat den FC-Aarau-Fan Andreas Urech überrascht, gepackt und nicht mehr losgelassen.