Teufenthal
Mehr als 100 Gedichte: Brigitte Fuchs will mit Worten bleibende Werte schaffen

Sie sei keine Schnellschreiberin, sagt Brigitte Fuchs aus Teufenthal. Jedes Wort müsse sitzen. Nun hat sie ein neues Buch mit mehr als 100 Gedichten geschrieben.

Peter Weingartner
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«Gedichte dürfen nicht zu erzählend oder gar erklärend sein», findet Brigitte Fuchs.

«Gedichte dürfen nicht zu erzählend oder gar erklärend sein», findet Brigitte Fuchs.

wpo

«Windige Zeiten / Mit dem Lenkdrachen steigen / Wünsche zum Himmel» – dieses Haiku hat Brigitte Fuchs Anfang März nach einem Spaziergang beim stillgelegten Landessender Beromünster geschrieben. Nicht als Reaktion auf die aktuelle Corona-Krise. Vielleicht beeinflusst davon? Auszuschliessen ist das nicht.

Andeutungen ermöglichen Umdeutungen

Das gefällt der Autorin an der Lyrik: «Sie darf nicht zu plakativ sein, soll erst die Seele und dann den Verstand bezaubern, immer etwas Geheimnisvolles für sich behalten und dadurch ihren Reiz auch nach mehrmaligem Lesen nicht verlieren. Gedichte dürfen nicht zu erzählend oder gar erklärend sein», sagt sie und streicht den Wert des Angedeuteten heraus, das Interpretationsspielraum zulässt. Stimmungen, Wörter, Klänge, Beobachtungen, Bilder, Erlebnisse: Daraus schöpft Brigitte Fuchs. «Manchmal dauert es lange, bis etwas beiläufig hochkommt», sagt sie. Sie kann sich aber auch hinsetzen und sich meditierend in eine kreative Stimmung zu versetzen versuchen.

«Kunstwerke auf kleinstem Raum»

Ihre Gedichte entstehen – im Gegensatz zu den kurzen, 17-silbigen Haikus – nicht spontan. Ein Satz, ein Anfang oder ein Schluss, das könnten spontane Eingebungen sein, doch dann beginnt erst die Arbeit. Liegen lassen, wieder hervorholen, bearbeiten: «Ich bin keine Schnellschreiberin.» Irgendwann habe sie dann das Gefühl, dass der Text richtig ist, kompakt, fertig eben. «Jedes Wort muss hundertprozentig sitzen», sagt sie.

Als «Kunstwerk auf kleinstem Raum» bezeichnet Brigitte Fuchs ein gelungenes Gedicht. Sie vergleicht ihre Arbeit mit der eines Töpfers, der eine Skulptur macht: «In überschaubarer Zeit etwas schaffen, das im besten Fall nach vielen Jahren noch gültig ist.»

Gedichte sind auch Musik

Natürlich weiss Brigitte Fuchs, dass die Welt nicht nach Gedichten schreit, obwohl sie eigentlich gut in die schnelllebige Zeit passen würden. Sie selber liest häufiger Gedichte als Prosa, freut sich an neuen, treffenden Bildern, an komponierten Stücken, die in einem kurzen Text «die ganze Welt beinhalten».

Kompositionen? Da liegt die Musik nahe. Und Brigitte Fuchs hat ihrem neuen Buch den Titel «Musik von weit her» gegeben. Sie gliedert die gut 100 Texte auch in sieben verschiedene musikalische Tempi, von Adagio über Allegro und Grave bis Burlesco.

Mit Freude Gültiges schaffen

Die Programmkommission der Solothurner Literaturtage zeigt sich beeindruckt von ihren Gedichten, «in denen Alltägliches, Naturbeobachtungen, ‹kleine› Erkenntnisse, gekonnt verdichtet, mit hinterfragenden Redeweisen verfremdet, mit poetischem Geschick und unfehlbaren Tempo erzählt werden». Es geht Brigitte Fuchs in ihren Gedichten nicht darum, die Lust der Leute an Unterhaltung zu befriedigen. Ihr Anspruch: Etwas Bleibendes, Gültiges schaffen. Und das mit Freude am sprachlichen und formalen Gestalten.

Das Gedicht «Funkstille» kann man durchaus aktuell und allgemeingültig als Bild für die Situation des Menschen lesen: «Letztlich bringt es uns näher das Kentern/in seichtem Gewässer wir stellen und ans/Rednerpult aus angehäuften Kieselsteinen/um die Leere zu benennen während der/Leuchtturm Eselsbrücken an den Himmel/zeichnet reihum lesen wir uns Texte vor/Entwürfe voller Andacht und Sorge möglich/dass wir sie wieder flott bekommen unsere/Papierschiffe kann sein, dass der Wind sich/dreht morgen vielleicht übermorgen.»