Sie ist der perfekte Gast. Sie braucht kein Bett, blockiert nicht das Bad und murrt nicht über das Essen. Sie macht ihre Gastgeber glücklich und zufrieden, sie regt an: Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Ein Gast aus Holz, jahrhundertealt, stets ein angedeutetes Lächeln im Gesicht. Normalerweise steht die Marienstatue im Kölliker Pfarreizentrum. Weil dieses aber renoviert wird, zieht die Figur Monat für Monat weiter. Von einem Wohnzimmer ins nächste.

Gerade steht Maria in der Aarauer Telli, hoch oben in einer der «Staumauern». Könnte sie über ihre Schulter blicken, würde sie die ganze Stadt vor sich ausgebreitet sehen. So aber schaut sie in das bescheidene Daheim von Heilpraktiker Frank E. Meier (56), einst Physiotherapeut beim FC Zürich, heute Einsiedler inmitten Hunderter Nachbarn aus 55 Nationen.

Impuls aus dem Herzen

Als er von Marias Reise hörte, zögerte Frank Meier nicht lange und rief beim Sekretariat in Schöftland an. Ein Impuls aus dem Herzen sei es gewesen, und glücklich sei er über ihr Kommen. «Ich habe eine grosse Freude, dass Maria und Jesus bei mir Herberge suchen», sagt Meier. «Es ist eine grosse Ehre für mich.»

Maria sei für ihn etwas ganz Besonderes. Ihre Bescheidenheit, ihre Kraft, ihre Stärke. «Maria hilft mir, zu Gott zu beten. Sie nimmt mich an der Hand, sie lehrt mich, zuzuhören und Ja zu sagen zu Gottes Wort.» Damit meint Meier nicht die Figur an seinem Fenster, sondern das Geistliche, Spirituelle. «Das Holz symbolisiert das nur.» Trotzdem gehe auch von der Figur etwas Besonderes aus. «Vor ihr haben unzählige Menschen geweint, und ihr wurden so viele schöne Geschichten erzählt. Dieses Schwere und dieses Schöne, das bewegt mich», sagt Meier.

Ein Gefühl, das die Seelsorgerin Margrit Muoth teilt. Bei ihr war Maria vor dem Umzug in die Telli zu Gast, stand in der Nähe des Esstisches. «Auch wenn man ihre Geschichte nicht kennt, so spürt man doch, wie viel sie schon gehört und gesehen, wie vielen sie Trost gespendet hat.» Für sie sei es ein sehr schönes Erlebnis gewesen, die Statue in der Stube zu haben. «Ihre mütterliche Ausstrahlung und ihr liebevolles Lächeln hinterlassen einfach ein gutes Gefühl.»

Zum Selbstläufer gemausert

Beat Niederberger, Leiter der Pfarrei Schöftland-Kölliken, ist vom Echo auf Marias Reise überrascht. «Es haben sich unerwartet viele Leute gemeldet, die Maria gerne beherbergen möchten.» Was erst eine Verlegenheitslösung war, habe sich zum Selbstläufer gemausert, zu einer Erfolgsgeschichte: «Die Statue ist für die Gastgeber etwas ganz Wertvolles, alle erzählen uns wunderschöne Geschichten über die Zeit mit ihr.» Bei vielen wecke die Statue Kindheitserinnerungen, einen Kirchenmusiker und seine Frau habe sie sogar zum Komponieren eines Marien-Liedes inspiriert.

Die Befürchtungen der Denkmalpflege, die wertvolle Statue könnte auf ihrer Reise Schaden nehmen, teilt Niederberger nicht. Im Gegenteil: «Diese Statue ist eine Begleiterin, sie ist zum Leben da und nicht fürs Museum.» Die Leute, die die Statue beherbergen, würden sie mit äusserster Vorsicht behandeln. Niederberger ist sich sicher: «Unsere Maria war noch nie besser geschützt als jetzt.»

Mitte August werden Maria und das Jesuskind ins Pfarreizentrum zurückkehren. Und mit ihr das dicke, rote Reisetagebuch, in das die Gastgeber ihre Erlebnisse, Gedanken und Wünsche notiert haben.