Reinach

Maler, Pfarrer, Clown wollte er werden – doch er wurde zur Marke msu.

Ein Lieblingsplatz von Martin Suter (msu.) liegt am Waldrand des Stierenbergs mit Blick übers Tal.

Ein Lieblingsplatz von Martin Suter (msu.) liegt am Waldrand des Stierenbergs mit Blick übers Tal.

Martin Suter hat mit 65 die Redaktionsleitung des «Wynentaler Blattes» abgegeben und sein Pensum reduziert. Der Ur-Wynentaler blieb dem Blatt 40 Jahre lang treu. Dabei wollte er eigentlich gar nie Journalist werden.

Wenn im Oberwynental von msu. die Rede ist, wissen die meisten, wer hinter diesem Kürzel steckt. Es heisst dann nicht: «Martin Suter vom Wynentaler Blatt hat unseren Anlass besucht», sondern «Der msu. vom Wynentaler war da.»

Das Kürzel msu. ist übers Verbreitungsgebiet des «Wynentaler Blattes» hinaus zum festen Begriff geworden, zur Marke: Über vierzig Jahre hat msu. aus und über die Region Wynental, Seetal und das Michelsamt berichtet, hat recherchiert und manche gefreute, manchmal auch ungefreute Geschichten zutage gefördert.

Die Kolumnen «Streiflicht» am Dienstag, «Stimmen und Standpunkte» am Freitag werden von den WB-Lesern wahrgenommen, wie Reaktionen in Leserbriefen zeigen. Msu. hat diese Rubriken ins Leben gerufen. Hier nimmt er ausserhalb des klassischen Nachrichtentextes Stellung zu Ereignissen und Entwicklungen. Frei von der Leber weg, meist kommentierend, weist er auf Vorkommnisse und Zusammenhänge in der Region hin. Und manch einen Primeur hat er schon untergebracht. Ausdrücke wie, «sprich …» oder «im Klartext …» gehören zu diesen msu-Erklärstücken.

Msu. der Bewahrer

«Martin Suter ist ein Ur-Wynentaler», sagt Gemeindeammann Heiz, «er ist stark mit der Region verwurzelt, kennt jeden und sieht die Zusammenhänge.» Er habe den Eindruck, dass msu. in den letzten Jahren weniger bissig gewesen sei, vermehrt rückwärts geschaut und auf Traditionen hingewiesen habe. «Stimmt», sagt Suter, «ich bin im guten Sinn alt geworden und hänge zum Teil am Alten, ich bin ganz gern ein Bewahrer.» In diesen 40 Jahren seines Schaffens habe er vieles kommen und wieder verschwinden sehen, da relativiere sich, was sensationell, interessant oder zukunftsweisend sei. «Aber die Gesellschaft ändern, das können auch wir Journalisten nicht.»

Hans Baumann, der Verleger des «Wynentaler Blattes», empfindet die Zusammenarbeit mit seinem Redaktor seit 1974 als eine gute Zeit. «Martin Suter war stets loyal, er hat immer gespürt, was wichtig ist.» Suter habe ein Flair zum Schreiben, sagt Baumann, er habe kaum jemanden gekränkt, nie jemanden verletzt.» Msu. hat die lange Leine des Verlegers geschätzt, «wenn ich mir durchaus manchmal mehr Diskussionen gewünscht hätte.» Baumann war es auch, der Suter zum Weiterarbeiten mit reduziertem Pensum aufforderte.

Vom Setzer zum Schreiber

Suter ist dem «Wynentaler Blatt» 40 Jahre treu geblieben, obwohl in seiner Kindheit Journalist nie auf der Traumberufeliste stand. Lokomotivführer und Pilot auch nicht.

«Maler, Pfarrer oder Clown wollte ich werden», sagt msu. Maler, weil man aus Altem etwas Schönes machen kann, Pfarrer, weil das eine Respektsperson war und Clown, weil er allen Freude bereiten könne. Gelernt hat msu. dann Schriftsetzer in der Druckerei Baumann in Menziken. «Bereits während der Lehre habe er Vereinsabende besucht und berichtet. Mit dem Mofa hin und zurück, dann im dunklen Keller den Film entwickeln und «aufatmen, wenn etwas drauf war». Nach der Lehrzeit arbeitete Suter in Glattbrugg als Setzer und schrieb gelegentlich für den «Anzeiger von Glattbrugg».

1973 kam das entscheidende Telefon aus Menziken. Seniorchef Manfred Baumann bot Suter die Stelle auf der WB-Redaktion an. So wurde msu. mit 23 Jahren Journalist und Leiter des «Wynentaler Blattes».

«Jeden Tag fehlten mir 4 bis 6 Stunden, so schnell ging die Zeit vorbei», erinnert sich msu. Er schätzte die Vielseitigkeit, denn Regionaljournalismus pflügt querbeet. Die Nähe zu den Lesern, der «gspürige Journalismus» habe ihn die ganze Zeit geleitet. Selbst als Tageszeitungen wie das «Aargauer Tagblatt» ihn abwerben wollten, blieb er dem WB treu. «Hier konnte ich am Rädchen drehen und etwas bewirken». Er konnte sich nicht vorstellen, in einer Redaktion mit über 60 Journalisten zu arbeiten, er wollte als Gesamtleiter sein Blatt selber gestalten.

Msu. hat die Regionalisierung der Tageszeitungen erlebt. In 1970er-Jahren war er unangefochtener Platzhirsch, jetzt traten plötzlich an Presseorientierungen Journalisten von Tageszeitungen oder Radio auf. Eine unangenehme Störung? «Nein, ein bisschen ambivalent schon.» Das WB vertrete aber seit je den Standpunkt, in der Region eine Ergänzung zur Tageszeitung zu sein. «Noch etwas mehr Hintergrund, mehr Bilder.»

Die Plage der Mailbox endlich los

Jetzt hat Martin Suter die Leitung der Redaktion abgegeben. Mit 50 Prozent ist er zur Hauptsache für die Kolumnen zuständig. Und das passt ihm, von 100 auf 0 wäre keine Lösung. Was besonders freut, ist, dass er die Mailbox, «die man zu keiner Stunde leerbringt», los ist. Früher habe er am Morgen das Postfach geleert und bis um 10 Uhr die Eingänge redigiert und platziert. «Ab zehn Uhr konnte ich Interviews führen, auf Reportage gehen.» Post gabs erst wieder am nächsten Morgen. «Hast du die Mailbox heute nicht permanent im Griff, dann hast du schon verloren.»

Künftig hat Martin Suter mehr Zeit zum Fischen, zum Arbeiten im Garten, aber auch zum unbeschwerteren Schreiben. Sprich: Nach 40 Jahren Journalismus den Griffel zur Seite legen, das geht schlicht nicht.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1