Schöftland
Lotte Lauper: Mit ihr zog die Musik ins Alterszentrum

Lotte Lauper ist oft aufgetreten, nun steht ihr Flügel im Alterszentrum – nur selten hat die Pianistin dort Publikum. Im Februar bezog die 92-jährige Klavierspielerin ihr Zimmer im Alterszentrum in Schöftland.

Aline Wüst
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Seither steht im Gemeinschaftsraum ein Steinway-Flügel. Der ist so schwarz und glänzend, dass sich die Hände der Klavierspielerin darin spiegeln, wenn sie Chopin spielt. Lauper hat ihn sich zum 70. Geburtstag geschenkt. «Ein Glück», sagt sie, «dass ich ihn ins Altersheim mitnehmen durfte.»

Ein Klavier stand auch in Laupers Elternhaus in Schöftland. Es gehörte ihrem Vater. Klavierstunde nahm der Vater allerdings nie. Er improvisierte und imponierte seiner Tochter. Klimpern durfte sie im Vorschulalter aber nicht. Noch nicht. «Das Klavier war immer abgeschlossen», erinnert sich Lauper.

Mit sieben bat sie dann um Klavierstunden, zwei Jahre erhielt sie Unterricht. Schon bald schickte sie der Lehrer weiter nach Aarau. Zu begabt war seine Schülerin – er konnte ihr nichts mehr beibringen.

War der musikalische Vater stolz auf die talentierte Tochter? «Stolz ist ein Wort, das ich nicht mag», sagt sie. «Bei Auftritten war ich einfach froh, wenn es geraten ist.»

Das morgendliche Konzert

Lotte Laupers Liebe zum Klavierspielen wuchs. Ein anderes Instrument gab es für sie nie. Obwohl es den Vater wenig begeisterte, für seine Tochter war klar, dass sie ein Klavierstudium machen will. Dürfe sie das nicht, erklärte sie ihm, werde sie aufhören zu essen. Mit 20 Jahren hatte sie das Klavierlehrerinnendiplom. Sie habe immer «geübt wie verrückt». Meistens spielte sie auswendig. Die Pianistin hat Unterricht erteilt und ist oft aufgetreten. In Winterthur und Wien und natürlich in Aarau, dort häufig auch mit dem Orchesterverein. Nervös war sie jedes Mal.

Nun spielt sie nicht mehr vor Publikum. Übt aber trotzdem jeden Morgen an ihrem Flügel. Wer will, darf zuhören. Die meisten wollen nicht. Nur Ernst Heinimann von den Alterswohnungen setzt sich manchmal auf einen der vielen Stühle in der Aula und lauscht den Melodien der Klavierspielerin. Vielleicht wird sie bald einmal den Altersheim Gottesdienst musikalisch begleitet. Sie hat das noch nie in ihrem Leben gemacht. Nicht weil sie nicht wollte. «Man hat mich nie gefragt.» Dafür hat sie an einigen Hochzeiten gespielt, an die Musik an ihrer Hochzeit erinnert sie sich allerdings nicht.

Die späte Liebe

Lotte Laupers Liebe war eine späte: Im Alter von 48 Jahren heiratete die Pianistin. Er war Metzger, führte ein eigenes Geschäft in Aarau. Ein attraktiver Mann sei er gewesen. Vielen Frauen habe er gefallen. Seine erste Frau ist früh gestorben. «Sie war eine reizende Person», sagt Lotte Lauper. Ihr Ehemann brachte drei Kinder mit in die Ehe. Deren Mutter war Lauper nie. «Ich war die Frau vom Papi.» Zu einer Tochter hat sie noch heute ein enges Verhältnis. Lotte Lauper und ihr Mann sind oft verreist. Nach Israel, Ägypten und Südamerika beispielsweise. Sie hätte gerne noch mehr von der Welt gesehen, am liebsten Thailand. Dazu kam es nicht. Ihr Mann starb früh.

Lotte Lauper geht so langsam an ihrem Rollator, dass sich ihre Perlenkette dabei nicht bewegt. Beim Flügel angekommen, tauscht sie Alltags- gegen Klavierbrille, setzt sich vorsichtig hin und beginnt zu spielen – kräftig und konzentriert. Sie freut sich über die zwei klatschenden Hände. Bedankt sich, als ob das einsame Klatschen dem Applaus eines Konzertsaals ebenbürtig wäre.

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