«Menziken–Schilten retour»
Literarische Busreise als Hommage an Hermann Burger

Ein ehemaliger Lehrer und sein Schüler erinnern sich im alten Schulhaus an gemeinsame Jahre und an eine Persönlichkeit, die sie beide beeinflusst hat: Hermann Burger. Sie planen eine Busreise.

Rahel Plüss
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Der einstige Schüler Markus Kirchhofer (li.) und sein ehemaliger Lehrer Jannis Zinniker diskutieren im alten Schulzimmer über Hermann Burger. Rahel plüss

Der einstige Schüler Markus Kirchhofer (li.) und sein ehemaliger Lehrer Jannis Zinniker diskutieren im alten Schulzimmer über Hermann Burger. Rahel plüss

Rahel Plüss

«Wir standen in der blassgrün gestrichenen Turnhalle auf dem spleissigen Riemenboden und ich fragte den Lehrer, warum er eigentlich schon frei habe, ich hätte erst in einer Stunde mit ihm gerechnet.» Hermann Burger (1942–1989), der Menziker Autor und Urheber dieser Worte ist seit vielen Jahren tot.

Auch die besagte Turnhalle in Schiltwald steht schon lange nicht mehr – sehr wohl aber das Schulhaus. Und auch der Lehrer ist wohlauf. «Das Pult fehlt», konstatiert Jannis Zinniker und schaut sich im Schulzimmer prüfend um. «Eine Uhr hatten wir auch noch nicht, aber der Wandschrank, der ist noch derselbe.» Zinniker hatte hier zwischen 1967 und 1973 als junger Primarlehrer unterrichtet. Heute ist er 72 und lebt in Baden.

Ort der Inspiration für «Schilten»

Zinniker, sein eigener, erster Gedichtband war gerade erschienen, hatte Hermann Burger Mitte der 1960er-Jahre an einer Tagung auf der Lenzburg kennen gelernt. Die beiden gehörten einer losen Gruppe von Schriftstellern an, die sich in unregelmässigen Abständen zum Austausch traf. Und so kam es, dass Hermann Burger den Lehrer hin und wieder besuchte, mal in der Schulstube, mal in der Lehrerwohnung im Dachgeschoss. «Angemeldet hat er sich kaum», erinnert sich Zinniker. «Meist ist er einfach plötzlich aufgetaucht.»

Hermann Burger, 1977. Schreiben als Existenzform: Hermann Burger ist in Menziken aufgewachsen. Nach der Matur an der Alten Kanti Aarau studierte er zunächst vier Semester Architektur, dann Germanistik und Kunstgeschichte an der Uni Zürich. Nach seiner Promotion im Jahr 1973 und seiner Habilitation war er ab 1975 als Privatdozent für deutsche Literatur an der ETH Zürich sowie als Feuilletonredaktor beim Aargauer Tagblatt tätig. Für ihn war Schreiben stets eine «Existenzform» und nicht bloss Tätigkeit. Er starb 1989 durch Suizid.

Hermann Burger, 1977. Schreiben als Existenzform: Hermann Burger ist in Menziken aufgewachsen. Nach der Matur an der Alten Kanti Aarau studierte er zunächst vier Semester Architektur, dann Germanistik und Kunstgeschichte an der Uni Zürich. Nach seiner Promotion im Jahr 1973 und seiner Habilitation war er ab 1975 als Privatdozent für deutsche Literatur an der ETH Zürich sowie als Feuilletonredaktor beim Aargauer Tagblatt tätig. Für ihn war Schreiben stets eine «Existenzform» und nicht bloss Tätigkeit. Er starb 1989 durch Suizid.

Werner Erne

Heute ist Jannis Zinniker zurück in Schiltwald, das heute zur Gemeinde Schmiedrued-Walde gehört, um einen ehemaligen Schüler zu treffen: Markus Kirchhofer, ebenfalls Autor und fasziniert vom literarischen Werk Burgers. Hier erinnern sich Lehrer und Schüler an gemeinsame Jahre und diskutieren über einen Menschen, der sie beide, aber auch das Tal und seine Menschen bewegt hat. In diesem Schulhaus laufen die Fäden zusammen. Hier fand Burger Inspiration für sein bekanntestes Werk, den Roman «Schilten», der 1976 erschien.

Denn nebenan, in der Turnhalle mit dem spleissigen Riemenboden, die nur noch in der Erinnerung existiert, antwortete damals der Lehrer dem überraschten Hermann Burger auf seine Frage, warum er denn schon frei habe: «Ich musste die Kinder nach Hause schicken, heute Nachmittag findet hier eine Abdankung statt, das ist unser Wort für Leichenfeier.» Und Burger, so schilderte er 1986 das Erlebte in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung, starrte den Lehrer völlig entgeistert an: «Weisst du, dass du soeben einen Romanstoff berührt hast? Das Bestattungswesen verdrängt den Unterricht, der Friedhof hat Vortritt.»

Der Friedhof in unmittelbarer Nähe zur Schule, die Grabsteine, die sich in langen Reihen über den Köpfen der Schüler fortsetzten, wenn der Lehrer vorne im Schulzimmer stehend über seine Klasse blickte, dieses Bild faszinierte Burger und setze sich in der Erinnerung des Lehrers fest.

«Der Tod war für Hermann Burger damals schon omnipräsent», erinnert sich Zinniker. Er sehe Burger noch vor sich, wie fasziniert dieser auch vom Estrich war, vom offenen Dachstuhl mit der Glocke und dem herabhängenden Seil.

«Dieses Umfeld ist seinen Neigungen sehr entgegengekommen.» So auch etwa das Bild, wie Trudi, die Abwartin, jeweils vor der Abdankung in der Turnhalle das Harmonium aus dem Geräteraum herauswuchten musste. «Das war eine furchtbare Arbeit», so Zinniker. Und ihr Bruder sei der Totengräber gewesen.

Eine literarische Busreise

Burgers literarisches Schaffen, die Stätten seines Lebens und die Orte seiner Inspiration im Oberwynen- und im Ruedertal sind es denn auch, die Markus Kirchhofer zu einem speziellen Projekt inspiriert haben: Eine literarische Busreise auf den Spuren von Hermann Burger, eine Hommage an einen der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. «Mir geht es nicht in erster Linie um Burgers Biografie, ich möchte einem breiten Publikum einen sinnlichen Zugang zu Burgers Texten schaffen.»

So beginnt und endet die Reise, die vier Mal im Mai angeboten wird, im «Sternen» in Menziken. Zu Fuss geht es zu Burgers altem Bezirksschulhaus und zu einer Führung durch das Tabak- und Zigarrenmuseum, das sich neben Burgers Elternhaus befindet. Ein Oldtimer-Bus fährt die Literatur-Reisenden dann nach Schiltwald zum Schulhaus, dem Schauplatz von Burgers Roman «Schilten». Dort zeigt der Fotograf Werner Erne Visualisierungen zum Roman. Markus Kirchhofer ist Reiseleiter von «Menziken – Schilten retour» und liest Texte von Hermann Burger, zeigt Filmausschnitte aus «Schilten» und gibt biografische Hinweise. Die Veranstaltung ist initiiert durch den Gemeindeverband aargauSüd impuls.

Daten: Jeweils Fr und Sa, 8., 9. sowie 15., 16. Mai; 17–22 Uhr. Vorverkauf: Seetaltourismus, Lenzburg, 062 886 45 42.

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