Als Paul Wälti diesen Mittwoch das Couvert aufschlitzt und ihm das zusammengefaltete, vergilbte Papier in den Schoss fällt, versteht er die Welt nicht mehr. «Lieber unbekannter Soldat», steht da in akkurater Schnüerlischrift. «Schon seit vielen Wochen stehst Du im Dienste Deines Vaterlandes. In dieser Zeit hast Du sicher schon viel erlebt und entbehren müssen. Du musst mit Deinen Kameraden an der Grenze stehen, um das Vaterland zu beschützen, damit wir ruhig in die Schule gehen und die Mutter der Arbeit nachgehen kann», steht da im ersten Abschnitt.

Der Brief ist datiert vom 18. November 1939, um das Geschriebene ranken sich Tannäste und brennende Kerzen, selbst gemalt. Am Ende des Schreibens steht, wer den Brief geschrieben hat: «Paul Wälti, 2. Sekundarschule, Reinach, Aargau». Und da dämmert es Paul Wälti langsam. Er hat den Brief geschrieben, damals als 13-Jähriger, zu Weihnachten im ersten Kriegsjahr 1939. Doch warum bekommt er ihn jetzt zugeschickt? Und vor allem: Von wem?
Aufschluss gibt das Begleitschreiben: Es stammt von der Tochter des Aktivsoldaten aus der Ostschweiz, der Paul Wältis Brief damals bekommen hat. «Es war für ihn eine einschneidende Zeit in seinem Leben gewesen», schreibt die Tochter. Leider sei ihr Vater 2009 verstorben.

«Kurz vor seinem Tod gab er mir ein Lederetui, in dem er seine liebsten Sachen aus seinem Leben aufbewahrte (Fotos, Briefe, Dokumente). Gestern kam mir dieses Etui wieder zwischen die Finger und ein Brief aus dem Jahr 1939 von einem jungen Menschen geschrieben, kam zum Vorschein. Anscheinend schätzte mein Vater das Brieflein so sehr, dass es ihn das ganze weitere Leben begleitete. Ist dies nicht schön?» Im Internet habe sie Paul Wältis Adresse gefunden, schreibt die Tochter, und deshalb schicke sie ihm dieses Brieflein nun zurück.

Dazu etwas Tabak und Socken

Paul Wälti, selber inzwischen 90 Jahre alt, kann sich nicht mehr daran erinnern, diesen einen Brief vor 77 Jahren geschrieben und mit den Tannästen verziert zu haben. «Ich weiss nur noch, dass wir im Auftrag des Generals den Soldaten ein paar Mal schreiben mussten.» Nicht seine Lieblingsbeschäftigung, das Schreiben, er habe viel lieber gerechnet oder gezeichnet. Zu den Brieflein habe man ein paar gestrickte Socken, etwas zu Essen, ein bisschen Tabak oder einen Stumpen dazugelegt, damit die Soldaten wenigstens ein bisschen schöne Weihnachten hatten.

Paul Wälti hat den Brief jetzt im Regal in der Wohnwand liegen. «Da bleibt er jetzt», sagt er. Er habe sich darüber gefreut, es habe viele Erinnerungen geweckt. Daran, wie er mit den Coupons Brot, Anken und Fleisch holen musste. Oder wie er mit einem Kollegen jeweils nach Mosen zum Bauern lief und mit einem Rucksack zurückkam, dick gefüllt mit Nahrungsmitteln. Natürlich erinnert er sich wieder an die Nachmittage im Garten, wo er den Salaten, den Bohnen und den Kartoffeln – «sogenannte Müüsli, die wuchsen nicht schneller, aber sie waren besser» – schauen musste. Viel Arbeit sei das gewesen. «Aber Hunger mussten wir nie haben.»

Jetzt sitzt Paul Wälti in seiner Stube und blickt aus dem Fenster. Noch immer wohnt er in Reinach, wie damals. «Es ist schön, zu wissen, dass jemandem dieser Brief so viel bedeutet hat, dass er ihn ein Leben lang aufbewahrt hat», sagt er. Diese Weihnacht sei mit diesem Brief, mit dieser Weihnachtsgeschichte, schon etwas ganz Spezielles.