Suhrental
Letzte Praxis geschlossen: Oberes Suhrental steht nun ohne Hausarzt da

Im Oberen Suhrental gibt es keine Hausarzt-Praxis mehr. Dazu kommt: Im ganzen Suhrental sind sie rar gesät. In den bestehenden Praxen werden neue Patienten nur noch selten aufgenommen.

Christine Fürst
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Die meisten Hausärzte im Suhrental sind ausgelastet. (Symbolbild)

Die meisten Hausärzte im Suhrental sind ausgelastet. (Symbolbild)

Keystone

«Hilfe! Gibt es irgendwo einen Arzt, der zu uns nach Moosleerau kommt, um eine Hausarztpraxis zu führen? Wir stehen vor einem riesigen Problem, weil in der Umgebung niemand mehr Patienten aufnimmt. Kann das sein?»

Diese SMS schrieb eine Frau aus Moosleerau, welche für sich und ihre Familie einen neuen Hausarzt suchte, an die Aargauer Zeitung. Denn ihr bisheriger Hausarzt aus Moosleerau hat nach wenigen Jahren seine Praxis Mitte Mai geschlossen. Warum die Praxis schliesst, will der Arzt nicht sagen.

Die Moosleerberin stand mit ihrer Familie vor einem grossen Problem, weil es im Suhrental nicht ganz einfach ist, einen Hausarzt nahe des Wohnortes zu finden.

In Moosleerau selbst gibt es keinen Hausarzt mehr, auch in Reitnau, Attelwil, Wiliberg, Kirchleerau, Staffelbach und im Rueder- und Uerkental gibt es keinen.

Ein Moosleerber müsste also entweder nach Schöftland oder dann über die Kantonsgrenze ins luzernische Triengen. Daneben gibt es noch in Muhen und in Kölliken je zwei Hausärzte. Doch die meisten in der Region sind ausgelastet und können kaum neue Patienten aufnehmen.

Praxen an Kapazitätsgrenzen

Das «HausÄrzteHaus» in Schöftland ist eine Gemeinschaftspraxis, in der drei Allgemeinmediziner sowie eine Augenärztin arbeiten. Sie wurde vor sechs Jahren eröffnet. «Wir haben praktisch einen Patientenaufnahmestopp verfügt», sagt Jakob Frey, Hausarzt in der Gemeinschaftspraxis.

«Wir waren aber auch vorher alle schon ausgelastet, das heisst, durch die Fusion gab es keine neuen Kapazitäten.» Manchmal mache man noch Ausnahmen, indem man beispielsweise noch Schöftler Neuzuzüger aufnehme.

Man hofft, dass durch die gegründete Gemeinschaftspraxis einfacher Nachfolgerinnen oder Nachfolger gefunden werden können. Jakob Frey würde es begrüssen, wenn sich im Oberen Suhrental wieder ein Hausarzt ansiedeln würde.

Die verbleibenden Hausärzte bedauern laut Frey die Praxisschliessung in Moosleerau und machen sich Sorgen, wo die Patienten nun unterkommen. Das markante Bevölkerungswachstum im Suhrental sei bisher nicht durch zusätzliche Ärzte kompensiert worden.

Frey erwähnt noch ein Problem: Im Aargau ist es den Ärzten verboten, selbst Medikamente abzugeben. Das heisst, die Ärzte stellen ein Rezept aus, mit dem in der Apotheke das entsprechende Medikament abgeholt werden kann. Da es im Oberen Suhrental keine Apotheke gibt, müssen die Patienten trotzdem wieder ins Mittlere oder Untere Suhrental beispielsweise nach Schöftland fahren oder in den Kanton Luzern, wo die Selbstdispensation gestattet ist.

Medikamenten-Hauslieferdienst

Die Schöftler Lindenapotheke bietet bei Bedarf einen Hauslieferdienst von Medikamenten an. «Für uns ist dabei wichtig, dass wir den Kunden kennen und wir ihm die Anwendung des Medikaments persönlich erklären können, um Unklarheiten bezüglich der Einnahme vorzubeugen», sagt Jessica Bleisch, Verwalterin der Lindenapotheke. Diese Dienstleistung werde von Kunden genutzt, die nicht mobil sind.

Auf den 1. Januar dieses Jahres haben Amin und Ziad Jurdi die Praxis von Harald Lüthi in Schöftland übernommen, Lüthi ging in Pension. «Zu Zeiten unseres Vorgängers bestand bereits aus Kapazitätsgründen nur eingeschränkt die Möglichkeit, Neupatienten aufzunehmen», sagt Ziad Jurdi.

Weil seit der Übernahme zwei Ärzte statt nur einer praktizieren, habe man auch neue Patienten aufnehmen können. «Es zeigte sich, dass bereits nach kurzer Zeit die Kapazität mehr als nur aufgebraucht war», sagt er. Deshalb könne in der Praxis neue Patienten nur noch sehr eingeschränkt aufgenommen werden.

Gründe für den Hausärztemangel sieht Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, viele: Junge Ärzte wollen nicht mehr alleine eine Praxis führen und es wird schwieriger, Nachfolger zu finden. «Ungünstig wirkt sich auch die seit Jahren überfällige Anpassung des ambulanten Arzttarifs aus. Ein weiterer Negativfaktor ist das Verbot der ärztlichen Medikamentenabgabe im Aargau», sagt er.

Es gebe zwar Ausnahmebewilligungen für die Medikamentenabgabe, jedoch erst, wenn die Apotheke mehr als eine Stunde Fahrzeit vom Wohnort entfernt ist. Finde man keinen Hausarzt, sei oft die Notfallstation im Spital die einzige Möglichkeit.

Neue Praxis öffnet im Sommer

In Muhen gibt es noch zwei Hausarztpraxen. In der Praxis von Andrea Wilhelm werden noch Patienten aufgenommen, in derjenigen von Rudolf Widmer gilt jedoch mehrheitlich ein Aufnahmestopp. «Manchmal nehmen wir noch Familienmitglieder auf, doch eigentlich sind wir in unserer Praxis ausgelastet», sagt Praxisinhaber Rudolf Widmer. Vereinzelt wurden auch Patienten aus Moosleerau aufgenommen.

«Doch wenn es pressiert, ist der Weg nach Muhen mühsam.» Er arbeitet seit 26 Jahren in der Praxis in Muhen, die er von seinem Vater übernommen hat. Er glaubt, dass der Beruf des Hausarztes zu wenig attraktiv für Junge ist – und man zu wenig verdient verglichen mit den Fachärzten.

Einen Lichtblick gibt es: Voraussichtlich auf 1. Juli zügelt Kveti Kriz ihre jetzige Praxis von Zofingen nach Muhen an die Hauptstrasse 58.

Und immerhin hat die Moosleerber Familie nach langer Suche einen neuen Hausarzt im unteren Suhrental gefunden.

(Artikel vom 19. Mai 2015)

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