Eigentlich wollten die Bauarbeiter defekte Wasserleitungen unmittelbar beim Chor der Stiftskirche St. Michael in Beromünster sanieren. Doch sie mussten ihre Schaufeln und Pickel vorerst ruhen lassen und den Archäologen das Feld überlassen.

Bereits vor Baubeginn sei klar gewesen, dass Bodenfunde vorhanden seien, sagt Fabian Küng, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kantonsarchäologie. Damit durch die Bauarbeiten keine «archäologischen Befunde» zerstört werden, haben die Archäologen für das Baufeld eine Untersuchung durchgeführt.

Wie erwartet sind die Forscher vor einigen Wochen auf ein ausgedehntes Gräberfeld gestossen. Sie stellten fest, dass dieses in die Zeit vor dem Bau der 1036 erneuerten Stiftskirche fallen muss.

Geschichtlicher Brennpunkt

Das bedeutende Chorherrenstift St. Michael in Beromünster sei ein geschichtlicher und kulturhistorischer Brennpunkt von nationaler Bedeutung, schreibt die Denkmalpflege in einer Medienmitteilung. Die Forschung gehe davon aus, dass das Stift zwischen 920 und 980 nach Christus entstanden sei.

Die erste Anlage sei um das Jahr 1036 zugunsten der heute noch bestehenden Stiftskirche abgetragen worden. Unter den gegebenen Voraussetzungen war daher zu erwarten, dass mithilfe der Grabung ins Hochmittelalter zurückgeblickt werden kann.

«Überraschend ist nun, dass die fast tausendjährige Stiftskirche zu den jüngsten angetroffenen Elementen gehört: Die meisten der aufgedeckten Strukturen fallen in die Zeit vor dem Bau der 1036 erneuerten Stiftskirche», so die Denkmalpflege.

Kaum bekannte Stiftsanlage

Im Rahmen der Grabungen wurden zahlreiche Bestattungen eines ausgedehnten Friedhofs aus dem ersten Jahrtausend entdeckt. Dabei weisen die gut erhaltenen Gräber auf die erste vor dem Jahr 1000 bestehende Stiftsanlage hin. An privilegierter Lage seien hier Frauen, Männer und auch Kleinkinder bestattet worden.

Durch die Grabung lässt sich zudem die frühe bauliche Entwicklung des Stifts neu beurteilen: Während der Nutzung des genannten Friedhofs wurde eine mächtige Umfassungsmauer errichtet, welche den Hügel gleichzeitig terrassierte.

Die Breite des Mauerzugs von eineinhalb Metern weist auf eine hoch aufragende Ummauerung hin, welche der Vorgängeranlage des heutigen Stifts Schutz bot. Diese erfuhr eine Erweiterung noch vor dem zirka 1036 erfolgten Bau der heutigen Stiftskirche: Die Mauer wurde niedergelegt, die Stiftsterrasse vergrössert und der Friedhof ausgedehnt. Spätestens beim Bau der Stiftskirche wurde der Friedhof aber aufgegeben.

Aufarbeitung der Funde

Fabian Küng, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Denkmalpflege und Archäologie Luzern sagt, dass gegenwärtig die Aufarbeitung der Dokumentation und der Funde laufe. Bei Notgrabungen wie im Beispiel Beromünster bleibe es mangels personeller Engpässe meistens bei der Spurensicherung vor Ort. So bleibe auch in diesem Fall eine eigentliche Auswertung der gewonnenen Informationen aus.

Auch die Einbettung des Befundes ins historische und kulturgeschichtliche Umfeld oder die Untersuchung der geborgenen Skelette erfolge später.

Skelette bleiben eingelagert

Die geborgenen Skelette würden ins Depot der Kantonsarchäologie überführt, sagt Küng, damit sie der Wissenschaft auch in Zukunft als Zeitzeugen erhalten blieben. «Gerade die menschlichen Skelette sind wertvollste Informanten ihrer Zeit. Sie geben unmittelbar Auskunft zu Lebensweise und sozialen Verhältnissen.»

Das sei insbesondere für die schriftlosen Epochen und Lebensbereiche wichtig, mit denen sich die Archäologie ja eben befasst. Und da die Wissenschaft ständig Fortschritte mache, sich für andere Aspekte interessiere und mit neuen Methoden jeweils neue Möglichkeiten zum Erkenntnisgewinn schaffe, würden die Skelette auch nach einer allfälligen ersten Untersuchung nicht wiederbestattet, sondern weiter als Zeugen und Informationsträger aufbewahrt.