Beromünster
Landessender wird zur Supernase der Schweiz

Der denkmalgeschützte Mast hat eine neue Aufgabe bekommen – er spürt jetzt Schadstoffe in der Luft auf.

Rahel Plüss
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Der ehemalige Landessender wird Ort der Luftüberwachung. samuel schumacher

Der ehemalige Landessender wird Ort der Luftüberwachung. samuel schumacher

Samuel Schumacher

Es gibt kaum einen besseren Ort, um das gesamte Mittelland zu überblicken, als von der Spitze des ehemaligen Landessenders Beromünster aus – vorausgesetzt, das Wetter stimmt. Wäre man am Mittwoch oben gewesen, man hätte nicht einmal bis zum Boden hinunter sehen können. Dichter Nebel hing über dem Blosenberg, Sicht gleich null. Für die neue Aufgabe des 217 Meter hohen Mastes kein Hinderungsgrund. Er blickt durch den Nebel hindurch, beobachtet das Geschehen in der Luft auf weite Distanz. Ohne Augen, dafür mit der Nase. Gewissermassen.

Der denkmalgeschützte, ehemalige Landessender Beromünster erfasst neu die Luftbelastung im ländlichen Mittelland. Am Mittwoch wurde die lufthygienische Messstation des Bundes eingeweiht. Sie ist Teil des nationalen Beobachtungsnetzes für Luftfremdstoffe (Nabel) und wird betrieben vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa).

Bis 15 000 Liter Atemluft täglich

«Luft ist ein wichtiges Lebensmittel.» Martin Schiess, Abteilungsleiter Luftreinhaltung und Chemikalien beim Bafu machte im Rahmen der Einweihung eine eindrückliche Rechnung: «Ein Mensch braucht am Tag etwa ein Kilogramm Nahrung, drei bis vier Liter Wasser und 10 000 bis 15 000 Liter Luft. Im Gegensatz zum Wasser, das man auch in der Flasche kaufen kann, lässt sich die Atemluft nicht ersetzen.» Grund genug, um für saubere Luft besorgt zu sein und die Vorgaben zur Luftreinhaltung zu kontrollieren.

Was früher günstig war für die Verbreitung von Radiosendungen über Mittelwelle bis ins Ausland, erweist sich heute als Vorteil für die Luftmessung. Dank der Lage auf einer nicht bewaldeten Kuppe und weit weg von Strassenverkehr und Industrie kann die Messstation am Fuss des Turms eine Mischung verschiedener Schadstoffquellen im Mittelland erfassen. Lukas Emmenegger, Abteilungsleiter Schadstoffe bei der Empa, erklärte es so: «Wir lassen hier gewissermassen die Wettervorhersage rückwärts laufen. Wir schauen, wo die Luftteilchen herkommen und wo sie mit Schadstoffen beladen werden.» Dazu zeigte er eine Animation, die tatsächlich einem Niederschlagsradar glich – sogenannte Footprints, also Herkunftsmuster der Luftmassen.

Proben auf verschieden Höhen

Neben der Messstation auf dem Boden ermögliche der Mast Luftproben auf verschiedenen Höhen. Dadurch würden zusätzliche Untersuchungen zu Luftqualität und zum Transport von Schadstoffen, etwa von Treibhausgasen, möglich. «Aus lufthygienischer Sicht ist der Weg der Luftmassen frei bis nach Genf», so Emmenegger weiter. «Ein optimaler Standort mitten in der Schweiz.» Deshalb wird er auch zu weiteren Forschungszwecken im Bereich der Luftschadstoffe und Klimagase genutzt. Neben des Nabel-Messnetzes sind hier auch Forschungseinrichtungen der Universität Bern und der Empa installiert.

Die neue Messstation in Beromünster ersetzt den bisherigen Standort Lägern. Seit 1979 misst der Bund an 16 Stationen die Luftqualität und verfolgt deren Entwicklung. Die Messungen umfassen die wichtigsten Luftschadstoffe, die die menschliche Gesundheit oder die Umwelt schädigen können. Diese sind gas- oder partikelförmig oder im Niederschlag enthalten. Es wird an unterschiedlichen, typischen Standorten gemessen: an Autobahnen, in Städten, in Wohnquartieren und eben an ländlichen Standorten wie in Beromünster.

«Die langjährigen Ergebnisse zeigen, dass die Luft in den letzten Jahrzehnten zwar markant besser geworden ist», sagt Josef Hess, Vizedirektor des Bafu einleitend, «das ist aber kein Grund, aufzuhören.» Die Luft sei immer noch belastet. Feinstaub, Stickoxide, Ammoniak und Ozon stellten weiterhin eine Herausforderung dar. Martin Schiess schloss sich dem an: «Das Glas ist halb voll, es ist schon viel erreicht, packen wir den Rest.»

Landessender Beromünster

2008 stellte der Landessender Beromünster seinen Betrieb ein. Damit waren die Zeiten des Mittelwelle-Radios endgültig vorbei, die DRS Musikwelle musste fortan über modernere Verbreitungswege wie Kabel oder Satellit empfangen werden. Im Jahr darauf wurde der 215 Meter hohe Blosenberg-Turm unter Denkmalschutz gestellt. Der Sender wurde 1931 gebaut, 1937 erweitert. Seine grösste Bedeutung hatte er während des Zweiten Weltkriegs als Quelle unabhängiger Informationen für das deutschsprachige Europa. (az)