Nicole Hunziker bekommt während ihrer Studienzeit jährlich 3000 Franken. Sie erhält es von Gottlieb Lüscher, der vor 28 Jahren gestorben ist. Das Geld kann die 23-Jährige gut gebrauchen. Schliesslich steckt sie in der Ausbildung zur Primarlehrerin. Mit dem Ausbildungsbeitrag aus dem Stipendienfonds von Gottlieb Lüscher finanziert sie ihr Leben. «Ohne den Zustupf wäre es schwierig.» Wer dieser Wohltäter war, das weiss die Studentin nicht so genau.

Sie habe gehört, dass er ein Arzt gewesen sei, der sein ganzes Vermögen den Studenten vermachte, sagt sie. Stimmt nicht ganz. Aber Nicole Hunziker ist nicht die Einzige, die wenig weiss über den ehemals bekannten Müheler. Auch auf der Gemeindeverwaltung weiss beim ersten Nachfragen niemand etwas über das Leben von Gottlieb Lüscher. Beim zweiten Anlauf sagt Gemeindeschreiber Alfred Müller dann, dass Lüscher auch das Altersheim mit einer Million unterstütze. Dort hängt sogar eine Urkunde, die daran erinnert.

Lüscher lancierte «Kaffee Zaun»

Irgendwie ist dieser Gottlieb Lüscher vergessen gegangen. Einer, der ihn noch nicht vergessen hat, ist der 90-jährige Fritz Hunziker aus Muhen. Er weiss, dass Lüscher als armer Bauernbub im Dorf aufwuchs. Zu Fuss nach Kölliken in die Bezirksschule ging, weil er kein Velo hatte und später als ETH-Student fast jedes Wochenende von Zürich nach Muhen reiste - ebenfalls zu Fuss.

«Er war sparsam, half seinen Eltern, wo er konnte», erzählt Hunziker. In Rekordzeit soll Lüscher sein Chemie- und Physikstudium abgeschlossen und doktorierte haben. Später wurde er Direktor der Berner Firma Haco. Er machte das pharmazeutische Unternehmen zu einer Nahrungsmittelgruppe, indem er es mit der Erfindung eines billigen Verfahrens zur Herstellung von Würze vor dem Konkurs rettete.

Im Auftrag von Migros-Gründer Duttweiler kopierte der Haco-Chef Lüscher fortan Produkte für die Migros. Zuerst die Ovomaltine (Eimalzin) und später den koffeinfreien Kaffee Zaun - als Gegenstück zum Markenprodukt Kaffee Hag. Lüscher starb 78-jährig im Jahr 1984 in Gümligen. In seiner Todesanzeige schrieb der Verwaltungsrat, der heute weltweit tätigen Haco-Gruppe, vom Verlust einer «aussergewöhnlichen Führungspersönlichkeit» und beschrieb Lüscher als liebenswürdigen und bescheidenen Menschen.

So hat ihn auch der 90-jährige Fritz Hunziker in Erinnerung. Einmal als Lüscher schon sehr alt war, sei er nochmals nach Muhen gekommen. «Er hat überhaupt nicht den Akademiker rausgehängt», erzählt Hunziker. Die Vermutung liegt nahe, dass Lüscher den Betrag von 200 000 Franken für die Müheler Studenten, in Erinnerung an seine von Entbehrung geprägte Studienzeit stiftete.

Schwierigkeit Studenten zu finden

Das Geld des Stipendienfonds ist übrigens, genauso wie Lüscher selbst, auch in Vergessenheit geraten. Erst als jemand auf der Gemeinde um Unterstützungsbeiträge für eine Ausbildung anfragte, erinnerte man sich dort an den Nachlass. Seit 2003 ist die Vergabe des Geldes geregelt. Bis zu sechs Personen profitieren jährlich davon. Einzige Bedingung ist der Heimatort Muhen.

«Die Studenten zu finden, ist sehr schwierig», sagt Gemeindeschreiber Müller. Schliesslich könnte jemand im Kanton Graubünden wohnen und Anspruch auf einen Ausbildungsbeitrag haben, aber den Stipendienfonds gar nicht kennen.