«Überrascht sind wir nicht, diese Schliessung zeichnet sich seit Jahren ab.» Das sagte der Reinacher Gemeindeammann Martin Heiz bereits Ende Januar, als sich die Schliessung des KV-Standortes in Reinach abzeichnete. Entsprechend gefasst reagiert Heiz nun auf den definitiven Entscheid: In eineinhalb Jahren, per Ende Schuljahr 2019/20, wird Reinach das KV endgültig verlieren. Die Reinacher Schüler – aktuell sind es 75 – werden künftig in Aarau die Berufsschule besuchen. «Der Entscheid des Regierungsrates ist nachvollziehbar, auch wenn es für Reinach einen Verlust und eine weitere Lücke im Bildungsangebot bedeutet», so Heiz. Bei aller Wehmut sei es letztlich aber ein vernünftiger Entscheid: «Man kann nicht immer vom Sparen reden und gleichzeitig über solche Entscheide klagen.»

Auch Renate Gautschy, Vizepräsidentin des Schulvorstands des KV Lenzburg Reinach, ist nicht glücklich mit dem Entscheid: «Seit Jahren wurde dieses Dossier ‹gelagert›, bei den Schulen wurden Millionen investiert und jetzt will man von einer sinnvollen Massnahme sprechen, sogar von einer Sparmassnahme.» Dafür könne sie kein Verständnis aufbringen, so Gautschy. «Das ist nicht nachhaltig und schon gar nicht wirtschaftlich. Es wurde entschieden, damit entschieden ist.»

100 Jahre nach der Eröffnung

Mit der kaufmännischen verliert Reinach zum zweiten Mal eine Berufsschule. Bereits vor 25 Jahren wurde die gewerblich-industrielle Berufsschule geschlossen. Damals war der Widerstand gewaltig; nicht nur seitens der Schulen, auch verschiedene Politiker weibelten in Aarau für die Erhaltung des Standorts. Um die gewerblich-industrielle Berufsschule zu retten, fusionierte sie 1994 mit dem KV die gesamte Administration. Doch alle Bemühungen waren vergebens: 1995 wurde die 1902 gegründete gewerblich-industrielle Berufsschule geschlossen – nach fast 100 Jahren.

Und nun wird dieses Schicksal auch das Reinacher KV ereilen, just im Jahr nach dem runden Jubiläum: Diesen Frühling nämlich ist es genau 100 Jahre her, dass die kaufmännische Schule ihren Betrieb mit 50 bis 60 Teilnehmern pro Kurs aufnahm. Wie Peter Steiner in der Reinacher Dorfgeschichte schreibt, war sie vom Kaufmännischen Verein Wynental (gegründet im November 1918) eröffnet worden.

Den Unterricht erteilten in erster Linie Bezirkslehrer, bis 1961 erstmals ein Hauptlehrer angestellt wurde. Bis 1976 war die Kaufmännische Berufsschule im Zentralschulhaus untergebracht, bis sie ein eigenes Schulhaus im ehemaligen Bürogebäude der IFF (heute Frutarom) an der Kirchenbreitestrasse bezog. Die Raumverhältnisse waren aber von Anfang an eng und wurden immer prekärer (1990 zählte die Schule 162 Schülerinnen und Schüler). Lindern sollte das Problem ein eigenes KV-Schulhaus. 1992 wurde aber ein bereits gesprochener Baukredit in einer Referendumsabstimmung gekippt. Das KV zog schliesslich in das Gebäude im Oberdorf, an der Hauptstrasse 80, schräg gegenüber dem Museum Schneggli.

Das Blatt wandte sich rasch, aus der Raumnot wurde bald Schülernot. Nur dank der Fusion mit der KV Handelsschule Lenzburg per Schuljahr 2000/01 konnte der Standort im Wynental gerettet werden.