Der eben 65 Jahre alt gewordene Mann versteht die Welt nicht mehr. Bösartig findet er das. Da hat man ihn kurz vor der Auflösung der 50er-Zone ausgangs Holziken Richtung Safenwil geblitzt. 82 statt 50 km/h. Nach Abzug der Sicherheitsmarge 27 km/h zu viel. Grobe Verletzung der Verkehrsregeln nennt sich das Delikt. Er kenne die Strecke seit 50 Jahren, sagt der Mann, nennen wir ihn Heinrich. «Ein paar Meter» vor der Tafel sei er geblitzt worden. Schikanös.

Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs insistiert: Wie kurz vor der 80er-Tafel das genau gewesen sei, will sie wissen. «Vielleicht 20, 30 Meter», sagt Heinrich.

Geblitzt wurde Heinrich um 15.36 Uhr auf dem Weg zur Arbeit in Zofingen. «Sie hatten keine Chance, rechtzeitig da zu sein», sagt die Gerichtspräsidentin und nimmt Bezug auf Heinrichs Aussage, er hätte um 15.45 Uhr mit der Arbeit beginnen müssen.

Google Maps misst

Yvonne Thöny Fäs bittet Heinrich nach vorne. Man begutachtet Fotos von der Situation: Pflästerung, Bushüsli, Bushaltestelle, Einmündung einer Strasse, Einfahrt Reithalle. Und dann konsultiert die Gerichtspräsidentin Google Maps: «Das müssen rund 170 Meter sein von der Haltestelle, wo geblitzt wurde, bis zur Tafel.» Ob er an der Einsprache gegen den Strafbefehl festhalten wolle, fragt sie und bietet ihm die Chance zum Rückzug. Heinrich, einen Moment verunsichert, hält an der Einsprache fest.

Die Befragung scheint zu Ende zu sein, da weist Heinrich auf «ein technisches Problem beim Töff» hin. Die digitale Anzeige seiner 1000-Kubikzentimeter-Maschine sei «unbrauchbar»; je nach Lichtverhältnissen könne man die Geschwindigkeit nicht ablesen. Das sei auch bei jenem Überholmanöver im Bündnerland so gewesen, das ihm eine bedingte Geldstrafe eingebracht habe. Die würde nun fällig, wird er schuldig gesprochen, weil er sich in der Probezeit nicht bewährt hat. Der Antrag der Staatsanwaltschaft: unbedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 90 Franken, also 3600 Franken, plus Strafbefehlsgebühr, zusammen knapp 5000 Franken.

Strafmass erhöht

Yvonne Thöny Fäs geht in ihrem Urteil über das Strafmass der Staatsanwaltschaft hinaus. Sie erhöht den Tagesansatz aufgrund der finanziellen Situation leicht auf 110 Franken. Das ergibt 4400 Franken. Hingegen senkt sie die Anklagekosten von 1400 auf 800 Franken.

Keine Schikane

Von «schikanös» könne keine Rede sein; vielmehr sei eine Kontrolle an dieser Stelle sinnvoll, wegen der Einmündung von Quartierstrassen, Rad- und Wanderwegen und der Reithalleneinfahrt, wo mit «trägem Verkehr zu rechnen» sei. Und das Wissen um die schlechte Lesbarkeit der Tempoanzeige müsste Heinrich erst recht vorsichtig werden lassen. 

«Ich werde mit dem Messband nachmessen gehen», sagt Heinrich nach der Gerichtsverhandlung, die nicht in seinem Sinn verlaufen ist. Bevor er, eventuell mit Anwalt, weitere Schritte in Erwägung ziehe, müsse er erst darüber schlafen.