Krimi
Der neue Krimi von Peter Weingartner: Plötzlich wird die Geschichte berührend

Der Trienger Peter Weingartner ist nicht nur freier Mitarbeiter bei der AZ, sondern vor allem auch Autor. Er blickt in seinem dritten Krimi mit Fahnder Anselm Anderhub hinter die Kulissen einer Landluzerner Familie. Schockierendes kommt ans Tageslicht.

Arno Renggli
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Peter Weingartner (67) im Wauwiler Moos. Dort wird in seinem neuen Krimi eine Leiche gefunden.

Peter Weingartner (67) im Wauwiler Moos. Dort wird in seinem neuen Krimi eine Leiche gefunden.

Bild: Eveline Beerkircher (26. Oktober 2021)

Pressant hat er es nicht, Peter Weingartner. Zumindest nicht mit der Krimihandlung in seinem neuen Roman «Familienspiel». Da muss er zuerst seiner Lust am Spiel mit Sprache und Gedanken frönen, zudem der scharfen Beobachtung von Menschen und ihrem Umfeld. Auch dem kulturellen und geografischen. Lokalkolorit nennt man, was daraus entsteht. Auch über Altersheime, Nussgipfel, Jassen oder Winkelzüge im Spannungsfeld von Landwirtschaft, Behörden und Zonenplanungen lässt sich trefflich schreiben.

Dies alles beherrscht der 67-Jährige so gut, dass man im Flow des Lesegenusses den eher verspätet anziehenden Krimifall gerne in Kauf nimmt. Zumal man nicht nur aufgrund des Klappentextes ahnt, dass da schon noch gemordet werden wird.

Wenn Tante Paula netterweise stürbe...

Früh zeichnet sich ab, dass es in der Verwandtschaft der ledigen Paula Bühler Geldinteressen und Energie zu Übeltaten gibt. Paula will vor allem eines: auf keinen Fall ins Altersheim! Und lässt sich vom Gatten einer ihrer Nichten nach Strich und Faden ausbeuten. Letztere macht nur schlechten Gewissens bei der Abzocke mit. Diese ruft andere Verwandte auf den eifersüchtigen Plan. Auch geht es um Häuser und Grundstücke, die sich lukrativ abreissen bzw. neu nutzen liessen. Leider hat Paula den «Schleiss», wie man lebenslanges Wohnrecht nennt. Doch falls sie netterweise stürbe, dann...

Dann ist sie tatsächlich tot. Und der Krimifall da. Es ermittelt Anselm Anderhub von der Kripo Luzern, wie schon in den beiden ersten Krimis Weingartners. Dank seiner Frau Trudi war ihm die Bühler-Sippe schon bekannt. Mit dem Gespür des erfahrenen Polizisten hat er sie unter Beobachtung genommen. Ohne den Mord – denn ein solcher ist Paulas Tod natürlich und dieser Tod somit unnatürlich – dann verhindern zu können. So weit, so schön erzählt von Weingartner, der aus fast jedem Satz ein Spiel um Worte und Gedanken macht und auch den ironischen Grundton durchzieht. Etwa wenn Anderhub nach Genuss von fettem Schweinefleisch und folgenden Magenbeschwerden konstatiert:

«Der Gaumen denkt nicht an den Magen. Und wenn der Magen sich meldet, will der Gaumen von nichts gewusst haben. Und da wäre ja noch das Hirn. Servelat! Das kommt grundsätzlich immer zu spät.»

Doch dann ändert sich der thematische Fokus: Erwähnte Nichte wurde vor drei Jahrzehnten als ganz junge Frau vergewaltigt. Das Kind, dabei gezeugt, nahm man ihr nach dessen Geburt weg, sie wurde sozial geächtet und alles mitsamt Täterschaft aus Rücksicht auf familiäre und lokale Interessen unter den Teppich gekehrt. Jetzt, nach so langer Zeit, wirkt ihr eine Chance, die erwachsene Tochter kennen zu lernen. Daraus schöpft sie auch die Motivation, die damaligen Täter doch noch zur Rechenschaft zu ziehen. Diese wollen das nicht. Und ihr schurkischer Gemahl will vor allem in Ruhe Paulas Erbe verprassen.

Plötzlich ist Spannung fast unerträglich

Vielleicht ist dies der Teil des Buches, wo die ausschweifend verspielte Erzählweise stört: Die Story ist plötzlich so berührend, dass man unbedingt erfahren möchte, wie es weitergeht. Aber Spannung, die man von einem Krimi erwartet, besteht ja auch darin, dass die Geduld der Leserschaft strapaziert wird. Auch als im Wauwiler Moos eine Leiche gefunden wird, muss man sich gemeinsam mit Anderhub gedulden, um zu erfahren, wer da umgebracht worden ist.

Dies ist dann nicht ganz so überraschend, und am Ende werden die Täter der damaligen sowie der heutigen Verbrechen überführt. Hier zeigt Weingartner, dass er das Erzähltempo durchaus auch zu beschleunigen weiss. Interessant ist zudem, dass auf die Schurken sehr unterschiedliche Konsequenzen warten. Auf den einen die Strafe, auf den anderen eher so etwas wie Vergebung. Kann man daraus ableiten, dass der Autor die Schwere der Verbrechen entsprechend unterschiedlich gewichtet? Man lese und entscheide selber. Es lohnt sich ohnehin. Dieses Jahr war Weingartner mit dem Vorgänger-Roman «Gansabhauet» für den 1. Schweizer Krimipreis nominiert. Mit «Familienspiel» müsste er nächstes Jahr eigentlich gewinnen.

Lesung: 17. November, 19.30 Uhr, Forum Triengen; www.untertor.ch

Peter Weingartner: Familienspiel. Edition 8, 335 S., 26.–.

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