Gontenschwil

Kirchgemeinde wird 400-jährig – Blick in die Geschichte, als noch der Berner Landvogt zuständig war

Nach der Errichtung der Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil (1619) musste die zu kleine alte Kirche 1622 dem heutigen Bau weichen. Von 1622 stammen auch die acht Glasscheiben von Hans Ulrich I. Fisch. Im Bild jene der Berner Obrigkeit: zwei löwenartige Bären mit Reichsapfel und Schwert, dazu Reichsadler und Berner Wappenschilde.

Jubiläum der Kirchgemeinde

Nach der Errichtung der Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil (1619) musste die zu kleine alte Kirche 1622 dem heutigen Bau weichen. Von 1622 stammen auch die acht Glasscheiben von Hans Ulrich I. Fisch. Im Bild jene der Berner Obrigkeit: zwei löwenartige Bären mit Reichsapfel und Schwert, dazu Reichsadler und Berner Wappenschilde.

Die Eingliederung der Zetzwiler Reformierten in Gontenschwil führte zum Bau einer neuen Kirche.

Die Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil feiert dieses Jahr ihr 400-jähriges Bestehen. Diverse über einen grossen Teil des Jahres verstreute Anlässe vermitteln einen Einblick in Geschichte und Gegenwart der Gemeinde. Überdies sollen sie aufzeigen, wie sich die Gemeinde ihre Zukunft vorstellt. «Unser Kirchenfest», schreibt diese auf dem Programm-Flyer, «soll der Bevölkerung zeigen, mit welchen Mitteln wir in der Vergangenheit arbeiteten und die Gegenwart behandeln.» Das Leitmotiv, das letztlich über allem steht, lautet: «Wir bauen Brücken – miteinander – zueinander.»

Vernissage am Freitag

Als «Brückenbauwerk» wird die 400 Jahre alte Verbindung Gontenschwil – Zetzwil verstanden. Aber auch die gesamte Christenheit, lassen die Autoren durchblicken, sei mit geistigen Brücken verbunden. Eine Sonderausstellung im Dorfmuseum, deren Vernissage am Freitag, 1. März stattfindet, soll dies und den Wandel der Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil in den letzten 400 Jahren dokumentieren. Dabei richtet sich der Blick einerseits auf die Veränderungen an Gebäuden und Einrichtungen, andererseits auf den Wandel, dem die kirchlichen Werte, Bräuche und Moralvorstellungen unterworfen waren.

Einst von Pfeffikon abhängig

Im frühen Mittelalter waren die Gontenschwiler Gläubigen nach Pfeffikon kirchgenössig. Die Grosspfarrei Pfeffikon umfasste eine ganze Reihe von Siedlungen im Bereich des heutigen aargauisch-luzernischen Grenzgebietes. Der Perimeter erstreckte sich von Mullwil bis Beinwil am See und von Gontenschwil bis Gunzwil. Durch Schenkungen der im oberen Wynental begüterten Grafen von Lenzburg kam die Pfarrei im Hochmittelalter ans Stift Beromünster, deren Schirmherren die Lenzburger bis zu ihrem Aussterben 1173 waren.

Wie auf dem Online-Portal der Reformierten Kirche Aargau nachgelesen werden kann, existierten in der Pfarrei Pfeffikon zwei von der dortigen Mutterkirche abhängige Filialkapellen, eine in Beinwil am See, die andere in Gontenschwil. Letztere taucht gegen Ende des 13. Jahrhunderts in einem Zinsurbar erstmals auf. Anfänglich war sie dem Heiligen Jakobus, später der Heiligen Maria geweiht. Trotz der Abhängigkeit von Pfeffikon muss es in Gontenschwil zum 1340 bereits einen Kirchmeier, ein eigenes Jahrzeitbuch und einen eigenen Friedhof gegeben haben. Die Gontenschwiler Kirchgenossen wünschten sich auch einen eigenen Leutpriester. Im Streit mit dem Stift Beromünster kam es dann Ende des 15. Jahrhunderts zu einem von bernischen und luzernischen Boten vermittelten Schiedsspruch, nach dem der zuständige Kaplan verpflichtet wurde, von Pfeffikon nach Gontenschwil umzuziehen. Offenbar waren in Gontenschwil immer wieder Menschen gestorben, ohne die letzte Ölung erhalten zu haben, weil der Hilfspriester aus dem eine Wegstunde entfernten Pfeffikon zu spät angerückt war.

Eigenständig nach Reformation

Die in Bern 1528 eingeführte Reformation zerschnitt faktisch das Band zwischen Gontenschwil und Pfeffikon. Gontenschwil lag im Berner Aargau, das Stift Beromünster und die Kirche Pfeffikon dagegen im Herrschaftsgebiet der katholisch gebliebenen Stadt Luzern. Der in Gontenschwil wirkende Priester Daniel Schatt, ein Benediktiner aus dem Kloster Muri, weigerte sich, zum neuen Glauben überzutreten, und wurde des Amtes enthoben. Gegen die von Bern geplante neue Grosspfarrei mit Gontenschwil als kirchlichem Zentrum setzten sich Reinach und Menziken erfolgreich zur Wehr. In Reinach wurde schleunigst eine neue reformierte Kirche errichtet und schon 1529 fertiggestellt.

Zuwachs erhielt die Kirchgemeinde Gontenschwil dagegen sukzessive aus Zetzwil, dessen Bewohner teilweise nach Kulm und Birrwil kirchgenössig gewesen waren. 1619 erfolgte die Gründung einer neuen Kirchgemeinde Gontenschwil-Zetzwil. Die endgültige Eingliederung der Zetzwiler Gläubigen erfolgte gemäss dem historischen Abriss auf dem Portal der Reformierten Kirche des Kantons Aargau aber erst 1636.

Das renovationsbedürftige vorreformatorische Gontenschwiler Kirchengebäude wurde 1576 noch einmal eneuert. 1622 wurde die zu klein gewordene Kirche dann auf Veranlassung des von 1616 bis 1632 für die Herrschaft Lenzburg zuständigen bernischen Landvogtes Michael Freudenreich bis auf den Turm und Teile der nördlichen Langhausmauer abgebrochen. In weniger als einem halben Jahr wurde der heute noch bestehende spätgotische Bau realisiert. Aus der Zeit des Kirchenbaus von 1622 stammen auch die acht vom Aarauer Künstler Hans Ulrich I. Fisch (1583–1647) angefertigten Wappenscheiben. Gestiftet wurden diese von der Berner Obrigkeit, der Stadt Lenzburg, Landvogt Michael Freudenreich, Untervogt Felix Hilfiker, Gemeindevorsteher Johann Ulrich Moser, den Mitgliedern der Kirchenbaukommission und weiteren Honoratioren aus der Herrschaft Lenzburg.

«400 Jahre Kirchengeschichte Gontenschwil-Zetzwil», Ausstellung im Dorfmuseum Gontenschwil, geöffnet März bis Juni jeden ersten Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr, Internationaler Museumstag; 10.30 bis 17 Uhr; Vernissage: Freitag, 1. März, 19 Uhr, Kirchgemeindehaus, nach dem Apéro Besichtigung der Ausstellung im Dorfmuseum. Kirchenfest 2019, offizieller Festakt mit Buchvernissage: Samstag, 14. September, 16 Uhr, Kirche Gontenschwil.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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