Geschichte

Kirche Menziken wurde gebaut, weil jene in Reinach überfüllt war

Kirchenpflegepräsident Arnold Schori vor dem Eingang in die Kirche. Lee

Kirchenpflegepräsident Arnold Schori vor dem Eingang in die Kirche. Lee

Die Kirchgemeinde Menziken-Burg gibt es seit 125 Jahren – trotz holprigem Anfang. Damit die Kirche gebaut werden konnte, spendeten Bürger freiwillig Geld in einen Fonds.

Die Sonne scheint durch die bunten Glasfenster auf den Altar, pünktlich um 10 Uhr ertönen die klaren Glockenschläge aus dem Kirchturm in Menziken. «Als ich ein kleiner Junge war, durfte ich jeweils dem Sigristen helfen, die Glocken ein- und auszuschalten», erinnert sich Kirchenpflegepräsident Arnold Schori. So auch im Jahre 1956, als in der Schweiz wegen des ungarischen Volksaufstandes für Demokratie und Unabhängigkeit jede einzelne Glocke läutete.

Als der Menziker später in den Konfirmationsunterricht ging, schmückte eine Holzverkleidung die Wände rings um die Sitzbänke. Heute zeugen feine Risse im Putz davon, dass sie herausgerissen wurden, genau wie die Bänke vor dem Altar, wo die Schüler jeweils den Predigten lauschten. Es hat sich viel verändert in der reformierten Kirche Menziken – und doch beschleicht einen das Gefühl, als sei hier die Zeit still gestanden.

Neues Gotteshaus in Menziken

Seit über 125 Jahren thront die reformierte Kirche Menziken stolz auf dem sogenannten «Schiltermielihübel» in Menziken – bereits vor 155 Jahren wurde sie das erste Mal in einem Dokument erwähnt. So steht es in der Jubiläumsschrift 100 Jahre Kirchgemeinde Menziken-Burg. Man schrieb das Jahr 1860: Die Menschen aus den Dörfern Menziken, Leimbach, Burg und Beinwil strömten sonntags in die Kirche nach Reinach und quetschten sich in den engen Holzbänken aneinander. Die letzten Besucher fanden meistens keinen Platz mehr und mussten den Worten des Pfarrers im Stehen lauschen.

Das Bild aus dem Jahr 1925 zeigt den Waagplatz und die Menziker Kirche. zvg

Das Bild aus dem Jahr 1925 zeigt den Waagplatz und die Menziker Kirche. zvg

An Festtagen war es noch schlimmer: «Dann finden viele auch stehend keinen Platz und müssen wieder heimkehren», steht es in einem Schreiben des «Reformirten Kirchenrathes» an die Kirchenpflege Reinach. «Diesem Übelstand sollte abgeholfen werden», forderte der Kirchenrat. Neben der Kirche in Reinach müsse für die insgesamt 7000 Kirchgänger ein weiteres Gotteshaus in Menziken gebaut werden. Die Idee fand bei den betroffenen Gemeinden grösstenteils Anklang, mit Ausnahme in der Kirchgemeinde Reinach, für die eine Trennung höchstens ökonomische Einbussen mit sich gebracht hätte. Doch die finanziellen Mittel waren knapp.

Trotzdem hatte die Idee einer eigenen Kirchgemeinde Fuss gefasst und die Gemeinden Burg und Menziken, die fortan die neue Kirche besuchen sollten, machten sich tatkräftig an die Planung. Sie gründeten einen Fonds, in welchen die Bürger freiwillig Geld für den Bau einer neuen Kirche einzahlen konnten. Über 100 Personen schrieben sich daraufhin mit Beträgen von 10.- bis 1500.- Franken in das «Goldene Buch» der «Stiftungsurkunde der Kirche Menziken» ein.

Unter den grosszügigen Geldgebern fand sich auch ein Verein von Frauen und Töchtern, und bei einem Spender namens Friedrich Hübscher, der 100 Franken für den Bau der Orgel bezahlte, stand gar der Vermerk «Katholik». Obwohl mit den Spenden eine beträchtliche Summe für die damalige Zeit zusammenkam, wurde die Regierung in Aarau nur gemächlich aktiv: Erst im Jahr 1888 diskutierte der Regierungsrat über den Neubau der Menziker Kirche und kam zum Entschluss, dass eine neue Kirche errichtet werden könne.

Für Menziken blieb keine Zeit

Nach dem Dekret, welches der Grosse Rat 1890 vollzog, sputete man sich im oberen Wynental: Die Baukommission setzte sich zusammen und versprach «auf Sitzungsgelder, auf Honorierung für anderweitige Bemühungen, selbst auf Rückvergütung von Reiseauslagen» zu verzichten. Sie arbeiteten gratis. Als Architekt wurde der kantonale Hochbaumeister Robert Ammann ausgewählt, der als Bauernsohn auf dem Trolerhof in Menziken aufgewachsen war. Er erschuf die Kirche auf Papier im neugotischen Stil, schlank, mit Spitzbogenfenstern. Unzählige Arbeiter setzten seine Ideen anschliessend um, die Kirchgemeinde bezahlte ihnen zwischen 1.50 und 1.80 Franken pro Tag. Die Glocken für den Kirchturm liess man in der Glockengiesserei H. Rüetschi in Aarau giessen.

Bereits Ende September 1889 sollte der Kirchenturm mitsamt Glocken fertig sein, doch das Ausbleiben der Architekten-Pläne verzögerte den Bau. Der kantonale Hochbauzeichner habe für den Staat so viel zu tun gehabt, dass für Menziken keine Zeit blieb, heisst es in einem Schreiben der Baukommission.

So konnte die Kirchengemeinde erst im Juli des nächsten Jahres ihre erste Versammlung in der Kirche durchführen. Am 7. September 1890 fand die offizielle Einweihung statt.

Rivalitäten mit Reinach

Übrig blieb nur ein Wermutstropfen: Die Baukosten, die sich zu einem Schuldenberg anzuhäufen drohten. Um die Schulden zu begleichen, sollte auch die Kirchengemeinde Reinach in die Taschen greifen und einen Teil ihres Kirchengutes auslagern. Doch die Gemeinde weigerte sich, es kam gar zu einem kleinen Prozess, bei dem sich die Reinacher schliesslich jedoch geschlagen geben mussten und etwas widerwillig ihren Anteil bezahlten.

Heute sei von der Rivalität zwischen den Kirchgemeinden Menziken und Reinach nichts mehr zu spüren, sagt Kirchenpflegepräsident Arnold Schori. Im Gegenteil: «Wir arbeiten bereits ab und zu zusammen und werden dies weiterhin öfters tun», sagt Arnolf Schori, «nicht bei jedem Gottesdienst, aber sicher bei einzelnen Veranstaltungen.»

Grund sei das Problem, welches zurzeit viele Kirchen zu spüren bekommen: der Mitgliederschwund. Im letzten Jahr waren es doppelt so viele Menschen, die aus der Menziker Kirche aus- statt eintraten. Trennte man sich vor 155 Jahren aufgrund Platzmangels von der benachbarten Kirchgemeinde Reinach, nähert man sich nun wegen Mitgliederschwundes wieder an.

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