Rolf Häfeli ist Träumer und Realist zugleich. Als Kind drehte er mit der Filmkamera in seinem Wohnort Schöftland Verfolgungsjagden, heute lockt er Besucher weit über den Kanton hinaus in seinen Kinokomplex Cinema 8.

Als ich Rolf Häfeli das erste Mal begegnete, erzählte er mir von seinen Plänen, ein solches Kino im Suhrental zu realisieren. Wir lebten noch in einer analogen Welt, ohne Handys, Internet. Ich hörte ihm zu und lächelte insgeheim über sein Projekt. Doch: Er hat seine Vision verwirklicht und das hat mich beeindruckt. Deshalb wählte ich ihn aufgrund meines Weggangs von der az als letzten Interviewpartner.

Rolf Häfeli, hätten Sie als Kind gedacht, einmal als stattlicher Kinobetreiber beim Aussichtspunkt «Blick zur Heimat» zu stehen?

Rolf Häfeli: Nicht im Traum!

Was sehen Sie, wenn Sie übers Tal hinweg schauen?

Natur, Wiesen, Wälder und heute, bei diesem schönen Wetter, die Berge. Das ist eine eindrückliche Kulisse. Das Suhrental ist eine spannende und interessante Region, um hier zu leben.

Ihr Werbeslogan für Schöftland?

Eine attraktive Zentrumsgemeinde, auch wegen Cinema 8 (grinst). Im Ernst, Schöftland bietet vieles: gute Infrastruktur, nahe Anbindung an die A1, ideale Einkaufsmöglichkeiten, innovatives Gewerbe. Eigentlich alles, was eine Stadt auch hat.

Wie stark hat sich Schöftland verändert?

Massiv. Sehen Sie all diese neuen Gebäude und Wohnhäuser, sie entstanden in den letzten Jahren. Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren stagnierte die Gemeinde, danach begann sie rasant zu wachsen. Als ich ein Kind war, standen am Höhenweg einige wenige Häuser. Ich weiss das, weil ich damals Werbeprospekte verteilt habe. Die vielen Wohnungen haben neue Einwohner angezogen. Dadurch dass das Land immer knapper wird, ellbögeln die Leute mehr. Schliesslich wollen sie sich Platz verschaffen.

Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Ich möchte dies nicht bewerten. Jede Region wächst, das war schon vor Tausenden von Jahren so. Schöftland wächst mit den Menschen, die hier leben wollen. Früher standen im Suhrental wenige Häuser. Dann wurden Mühlen gebaut und Leute siedelten sich an. Aber das ist der Lauf der Zeit, alles verändert sich, alles ist in Bewegung. Dabei ist es wichtig, ein gutes Gleichgewicht zu halten.

Machen Sie das in Ihrem Leben?

Ich versuche es. Durch mein Kinoprojekt kam vieles zu kurz. Ich hatte den Blick nicht mehr frei, um links oder rechts zu schauen. Kürzlich war ich im Wald und staunte über die Schönheit und darüber, wie man alles dreidimensional wahrnimmt. Das ist wie Kino, nur ist es die reale Welt. In Zukunft werde ich öfters in den Wald gehen.

Welchen Wandel beobachteten Sie in wirtschaftlicher Hinsicht in der Region?

Viele Industrieunternehmen und Firmen, die hier ihre Waren produzierten, sind verschwunden: Bally, Fehlmann, Sulzer. Die meisten Firmen, nicht nur in dieser Gegend, sind ins Ausland abgewandert und stellen ihre Produkte nur noch zum Teil in der Schweiz her. Das ist schade, denn dadurch geht viel Fachwissen verloren.

Haben Sie nostalgische Gefühle, wenn Sie die Veränderungen in Schöftland wahrnehmen?

Ich staune manchmal. Und ich bin mir reuig, dass ich nicht mehr gefilmt habe, etwa Häuser, die jetzt nicht mehr stehen. Diese Entwicklung hätte man unbedingt festhalten müssen, es wären wichtige Zeitdokumente gewesen.

Aber Sie haben doch Filme gedreht?

Als Kind ja! An unseren freien Nachmittagen drehten ich und meine Freunde Verfolgungsjagden durch Schöftland und andere Filme. Ich hatte einen Super-8-Filmprojektor und durfte die Filme manchmal in der Schule zeigen. Damals musste man die Filme noch einschicken, um sie entwickeln zu lassen. Anders als heute musste ich tagelang darauf warten. Ich «vergibelte» jeweils fast.

Ja daran kann ich mich erinnern! Ich musste meine Filmrollen auch immer ins Labor bringen und sie dort entwickeln lassen. Ich wusste nie, ob die Bilder wirklich was wurden. Heute ist das anders, ein Klick, und man sieht das Produkt.

Diese Erwartung, dass alles sofort möglich ist, finde ich nicht gut. Man wird sofort ungeduldig, wenn etwas nicht klappt. Vorfreude und Spannung gehen in der heutigen schnelllebigen Zeit verloren. Diese Unruhe wirkt sich auf unsere innere Balance aus.

Aber Sie haben auch ein Handy in Ihrer Hosentasche.

Ja, ohne können wir nicht mehr leben. Ich will nur sagen, dass wir bewusster mit den «Social Media» umgehen sollten. Wir sollten vermehrt Acht auf das Gegenüber geben und mehr miteinander reden. Ich finde es bedenklich, wenn ich sehe, wie Leute an einem Tisch sitzen und die ganze Zeit auf ihren Handybildschirm starren.

Sie sagen, Sie leben manchmal in einer Traumwelt.

Mich fasziniert die Technik, wie eine Dampflokomotive funktioniert oder ein Film zustande kommt. Ich pröble fürs Leben gerne, das tat ich schon als Junge und tue es heute noch. Ich kann nie ruhig bleiben, ich muss immer an irgendetwas «herumhirnen» oder herumtüfteln. Ich muss kreativ sein.

1984 schloss Ihre Grosstante ihr Kino in Schöftland. Das brach Ihnen schier das Herz, auch wenn Sie erst neun waren.

Ich liebte das Kino und konnte es nicht fassen, als alles herausgeräumt wurde. An einem Sonntagnachmittag sah ich den letzten Film im Kino, einen Asterixfilm. 1999 eröffnete ich dann mein erstes Kino in Schöftland.

Ich erinnere mich noch an Ihr erstes Open-Air-Kino: Der Projektor stand in einer Schreinerei, die Leinwand war an einer Hauswand befestigt. Davor standen wacklige Stühle. Sie wollten damals für die Zeitung nicht aufs Bild und weil ich meinen Hund dabei hatte, sagten Sie: «Ach setzen wir an meiner Stelle doch den Hund auf den Stuhl.»

Ja daran erinnere ich mich (lacht). Den Zeitungsartikel habe ich heute noch. Haben Sie den Hund auch noch?

Nein er ist längst gestorben. Apropos Vergänglichkeit: Die Zahl 8 spielt bei Ihnen eine wichtige Rolle. Auch Ihr Kino heisst «Cinema 8».

Sozusagen als Hommage an das Filmformat Super 8. Das war meine erste Berührung mit dem Film. Die 8 steht für mich aber auch als «Die stehende Unendlichkeit». Die Menschen, die Welt – wir stehen nie still. Es geht immer alles weiter. Auch nach dem Tod wird es weitergehen. Nur wissen wir vermutlich nicht wie.

Wie gerne leben Sie in Schöftland?

Da ist mein gesamtes Leben. Es ist wie ein Land, in dem ich mich und meine Umwelt sich bewegen. Wussten Sie, dass es in der Schweiz nur zwei Gemeinden mit den Endungen «Land» gibt: Saland und Schöftland? Zwar gibt es noch Landquart, dann hört es aber auch schon auf. Das fiel mir während der Bauarbeiten des Kinokomplexes auf. Dieser ist wie ein Flughafen gestaltet: Die Besucher starten und landen und begeben sich im Kino in andere Welten. Doch ist nicht auch unser Leben ein Flughafen? Ein ständiges Gehen und Kommen? Jeder lebt in einem Land, in seinem Land, und alle Länder befinden sich unter einem Himmel.