Reinach
Kibrom Kidanemariam aus Eritrea macht Flüchtlinge im Aargau Job-bereit

Der Eritreer Kibrom Kidanemariam berichtigt als Integrations-Coach in Reinach oft falsche Vorstellungen der Schweiz. Für die Stiftung Lebenshilfe unterstützt der 35-Jährige die Teilnehmenden bei der Suche nach Lehrstellen, Praktikumsplätzen oder Arbeitsstellen.

Flurina Dünki
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Kibrom Kidanemariam ist Coach im Integrationsprogramm für Flüchtlinge.

Kibrom Kidanemariam ist Coach im Integrationsprogramm für Flüchtlinge.

Britta Gut

Er hatte es sich ausgemalt, dieses Europa. Zeit dafür hatte Kibrom Kidanemariam genug. Drei Jahre lang war er im Sudan und in Libyen unterwegs gewesen, nachdem er 2008 Eritrea verlassen hatte. Am schönsten muss er sich den nördlichen Kontinent ausgemalt haben, während er von Schleppern im Pick-up durch die Wüste gekarrt wurde. Stehend und eingequetscht zwischen anderen Migranten, während der Wagen 100 Stundenkilometer schnell durchs Nirgendwo brauste. «Man musste sich an den anderen festkrallen. Wer runterfiel, wurde liegen gelassen.»

Der 35-jährige Mann sitzt in der Werkstatt des Integrationsprogramms Jubiar (Jugend Bildung Arbeit) in Reinach. Die Stiftung Lebenshilfe führt dieses im Auftrag des Migrationsamts durch. Die Teilnehmenden (aus dem ganzen Kanton) werden begleitet bei der Entwicklung beruflicher Ziele und werden bei der Suche nach Lehrstellen, Praktikumsplätzen oder Arbeitsstellen unterstützt. Kidanemariam ist einer von drei Coaches, die Flüchtlinge mit Arbeitserlaubnis begleiten. Ziel des Programms ist, dass die Teilnehmer am Ende ein Praktikum, eine Lehrstelle oder eine Anstellung erhalten (AZ vom 16.9.2020).

Ein falsches Bild von Europa im Kopf

Neun Jahre ist es her, seit er in die Schweiz kam. Und erst einmal enttäuscht wurde. Zwar gab es hier viel Arbeit. Aber diese niederschwelligen Jobs, für die man keine Sprachkenntnisse brauchte? Fehlanzeige. Wie sollte man da je etwas verdienen, wenn man dereinst eine Arbeitsbewilligung hat? «Wenn man in Eritrea aufwächst, hat man ein falsches Bild von Europa», sagt er. «Wegen Sprache und Bildung wird man erst einmal gebremst im Drang, mit Geldverdienen loszulegen.» Da würden viele resignieren, würden sich nach ein paar erfolglosen Versuchen auf dem Arbeitsmarkt damit abfinden, von der Sozialhilfe leben zu müssen.

Der Mann hat viel Zeit damit verbracht, die Situation zu analysieren. Seine und die anderer Flüchtlinge. Hat oft erzählt bekommen, wie es ist, wenn man es aus dem Regime Eritreas geschafft, hier in der Schweiz aber nichts erreicht hat. Dass sie in der Schweiz keine Ausbildung machen, sondern etwas arbeiten wollen und Schulden, die im Zusammenhang mit der Flucht entstanden sind, möglichst schnell abarbeiten wollen.

Die Hürde Schweiz war seine Motivationsspritze

Entsprechend ist Kidanemariam in der «Jubiar»-Werkstatt sowohl technischer als auch Karriere- und Lebensberater. Selber hat er nicht resigniert ob der europäischen Herausforderung. «Ich hatte Glück, ein Bruder von mir war bereits in der Schweiz. Er sagte mir bereits, dass man ohne Sprache nichts erreicht und es viele gibt, die deswegen keinen Job haben.» Die Enttäuschung über das reale Europa wurde also etwas abgefedert. Die Hürde, deren Erklimmen Jahre dauert und an der viele scheitern, wurde zu seiner Motivationsspritze. «Ich muss das packen», habe er sich gesagt.

«Eine Chance, meinen Landsleuten zu helfen»

So habe er in der Asylunterkunft in Birr jedes Angebot von Freiwilligen genutzt, Deutsch zu lernen, und am Abend alleine weitergelernt. In der Stiftung Lebenshilfe konnte er eine Lehre zum Fachmann Betriebsunterhalt machen. Als «Jubiar» vor drei Jahren startete, war er erst Verantwortlicher für den Praxisbereich, machte dann eine Coachingausbildung und ist jetzt mit zwei Schweizerinnen im Coachingteam. «Die Stelle war eine Gelegenheit, meinen Landsleuten zu helfen, die während Jahren schlecht wegkamen in den Medien», sagt er. «Manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht.» Nebenbei hatte er gar Zeit, in der Schule für Berufsfindung seine eritreische Frau kennen zu lernen, mit der er heute drei Kinder hat.

Einfach nicht aufgegeben, das ist alles

«Manch einer im Integrationsprogramm hat mir gesagt, dass er sich nicht mit mir identifizieren kann. Dass ich’s geschafft habe, weil ich gescheiter oder gebildeter bin.» Der Mann lacht. «Ich war früher ein sehr schlechter Schüler, dem alles andere wichtiger war.» Nein, er habe einfach nicht aufgegeben, das sei alles. Sein wichtigstes Coachingprojekt steht ihm übrigens noch bevor: Seine Frau möchte gerne Detailhandelsangestellte werden.