Wynen- und Seetal
Keine Schnellzüge für die Täler: Kantonales Sparprogramm macht Strich durch die Rechnung

In einer Interpellationsantwort erklärt der Regierungsrat, welche Probleme mit kürzeren Reisezeiten im Wynen- und Seetal entstünden.

Flurina Dünki
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Die Wynen- und Suhrentalbahn (hier an der Station in Teufenthal) wird nicht schneller durchs Wynental fahren.

Die Wynen- und Suhrentalbahn (hier an der Station in Teufenthal) wird nicht schneller durchs Wynental fahren.

Kim Wyttenbach

In einer halben Stunde (statt knapp 40 Minuten) durchs ganze Wynental nach Aarau flitzen – das schwebt EVP-Grossrat Uriel Seibert vor. Auch die S9 sähe er gerne schneller durchs Seetal fahren. Der 27-jährige Schöftler hat sich schon in der Vergangenheit in der Politik für die Verbesserung von öV-Verbindungen eingesetzt.

Mit einer Interpellation, die er im November eingab, hoffte er unter anderem, die Reisezeiten im Wynen- und Seetal in der Zukunft verkürzen zu können (AZ vom 6. 11.). Jetzt hat der Regierungsrat dazu Stellung genommen.

Mit seinem Vorstoss wollte Seibert vom Regierungsrat drei Fragen beantwortet haben. Erstens wollte er wissen, welche Massnahmen vorgesehen sind, um das öV-Angebot in den beiden Tälern zu optimieren. Aus seinem Vorstoss-Text ist herauszulesen, dass er eine Förderung des öffentlichen Verkehrs auf den Verbindungen Menziken–Aarau (S14) und Beinwil am See–Lenzburg (S9) durch den Kanton vermisse.

Dichterer Takt gescheitert

«Ein Angebotsausbau bei der S9 und bei der S14 wäre technisch möglich, ist bisher aber an der Finanzierung gescheitert», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort. Ein Ausbau des Bahnangebots wurde zwar vor ein paar Jahren vom Kanton ins Auge gefasst (Mehrjahresprogramms öffentlicher Verkehr 2013).

Am Abend, wenn die Seetalbahn statt alle 30 Minuten nur noch stündlich fährt und die WSB statt viertel- nur noch halbstündlich, hätte man zusätzliche Verbindungen planen wollen. Ebenso am Wochenende. Das kantonale Sparprogramm machte dem jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Jedoch, so der Regierungsrat, seien auf beiden Bahnachsen die Bahninfrastruktur und das Bahnangebot in den letzten Jahren merkbar verbessert worden. Auf beiden Strecken werde die Dichte des Angebots, wie sie sich der Kanton einst per Richtplaneintrag zum Ziel gesetzt hatte, bereits erreicht.

In seiner zweiten und dritten Frage wollte Seibert vom Regierungsrat wissen, was zur Verkürzung der Reisezeit unternommen werde und ob Schnellzüge, die nicht an allen Haltestellen halten, infrage kämen. Die Fahrzeit von Beinwil am See nach Luzern dauere heute 27 respektive 28 Minuten, diejenige von Menziken nach Aarau 37 (bzw. 39) Minuten.

Das Problem hierbei ist gemäss Interpellationsantwort, dass die beiden Bahnen nur einspurig geführt werden. Beide Strecken haben Kreuzungsstellen, an denen die Züge aus entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeifahren können. Dazu muss das Timing exakt stimmen. Die Seetalbahn fährt zwischen bestimmten Haltestellen etwas langsamer (Zeitpuffer), damit Verspätungen allenfalls aufgeholt werden können.

Eine schnellere Fahrt der Bahn (oder der Einsatz von Schnellzügen) würde mehr Kreuzungsstellen erfordern, was teuer kommt. Der Regierungsrat spricht von «grossen Folgekosten beim Infrastrukturausbau» wie Doppelspurausbauten und neue Kreuzungsstellen. Das vorhandene Angebot der Seetalbahn reiche zudem aus, um langfristig die zusätzlichen Fahrgäste transportieren zu können.

Nicht schneller, dafür länger

Im Wynental hingegen werden aufgrund des Bevölkerungswachstums künftig mehr Pendler und Schüler mit der WSB fahren (die AZ berichtete). Eine schnellere Fahrt kommt für den Regierungsrat aber ebenfalls wegen des erforderlichen Baus zusätzlicher Kreuzungsstellen nicht infrage.

Ein Schnellzug (Regioexpress) könne zwar auf den WSB-Geleisen fahren, wegen der neuen Kreuzungspunkte (und evtl. gar einer nötigen zweiten Spur) würde die Variante aber nicht weiter verfolgt. Stattdessen weist der Regierungsrat auf die neuen, 60 Meter langen Zugskompositionen (statt 40 Meter ) hin, die im Wynen- und Suhrental jetzt zum Einsatz kommen. Der erste Zug mit neuer Länge wurde am 18. Januar angeliefert.

Es fahren kaum Lenzburger ins Tessin: Kanton verzichtet auf Werbung für schnelle Zugverbindung

Eine halbe Stunde sparen Reisende aus der Region Lenzburg von Juni 2019 bis Dezember 2020 auf ihrer Reise ins Tessin. Der Grund: Wegen einer SBB-Baustelle ist die direkte Verbindung von Zug nach Arth-Goldau gesperrt, die Züge müssen via Rotkreuz ausweichen – als Folge davon gibt es dort bessere Anschlüsse in den Süden für die Züge aus dem Raum Lenzburg, Aarau und Freiamt.

Doch nur für eine begrenzte Zeit. Deshalb fordern die Lenzburger CVP-Grossrätin Sabine Sutter-Suter und ihre Freiämter Ratskollegen Herbert Strebel (CVP), Stefan Huwyler (FDP) und Arsène Perroud (SP) in einer Interpellation vom Kanton, er solle für die attraktive Ad-interim-Verbindung intensiv Werbung machen und mit einem Monitoring beobachten, wie sich die Reisetätigkeit dank dem neuen Angebot entwickle. Mit den Resultaten könne der Aargau bei den SBB Druck für langfristig bessere Anschlüsse an die Neat aufbauen.

Doch die jetzt vorliegende Antwort des Regierungsrates zeigt: Aus dem Aargau will kaum jemand ins Tessin reisen. «Mit der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels haben sich die Reisezeiten aus dem Kanton Aargau wie auch auf der gesamten Nord-Süd-Achse bereits stark reduziert», schreibt der Kanton.

Doch der Nachfragesprung sei deutlich geringer ausgefallen als erwartet: Mit 600 Reisenden pro Tag liege der Mehrverkehr auf der Gotthard-Achse unter den Erwartungen der SBB. Deshalb erachte der Regierungsrat die vorgesehenen Werbemassnahmen der SBB zu den vorübergehend besseren Verbindungen als angemessen. Eine weitere Werbeaktion sei aus Kosten-Nutzen-Überlegungen nicht verhältnismässig.

Immerhin: Der Regierungsrat «nimmt positiv zur Kenntnis, dass die Region Initiativen ergreift», die zeitweilig schlanke Neat-Verbindung bekannter zu machen. Dies werde positiven Einfluss auf die Entscheide zur geplanten Bestellung eines Versuchsbetriebs für Zusatzleistungen ab Dezember 2020 haben. (twi/sga)

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