Junge Frau, blonde Haare, blaue Jeans – und alleine inmitten von acht Männern. Es war das Kandidatenfoto der Kulmer SVP, das der politischen Karriere von Karin Bertschi (damals 26) so richtig Schub gab. Einer Frau, die sich mit geschicktem Selbstmarketing bereits einen Namen gemacht hatte. Als Recycling-Unternehmerin, als «Müll-Prinzessin» («Schweizer Illustrierte»). 2016 schaffte Bertschi mit sensationellem Resultat die Wahl in den Grossen Rat.

Doch das «Prinzesschen», so einige ihrer Parteikollegen, hatte in der Partei nicht nur Freunde: Schon sechs Tage nach der Wahl drohte sie abzustürzen, weil ruchbar wurde, dass sie in den Bezirk Baden umziehen werde. Das tut sie jetzt auch, im Juni oder Juli, nach Wettingen, wo sie (heute 29) mit ihrem Mann Sigi Ladenbauer (45) an traumhafter Lage ein Haus gebaut hat. Die Frau, der der SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati «Wählerbetrug» vorgeworfen hatte, konnte 2016 den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen.

Drei Monate später wurde bekannt, dass sie wegen Begünstigung und falschem Zeugnis vorbestraft ist (90 Tagessätze bedingt und 3000 Fr. Busse). «Eine ganz blöde Geschichte», erklärte Bertschi. Sie hatte den Namen einer Verwandten nicht preisgegeben.

All das tat dem Aufstieg von Karin Bertschi keinen Abbruch. Höhepunkt war wohl ihr Auftritt an der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz im August 2017. Man sah sie immer wieder an Podien mit Prominenten, in Boulevardmedien, im TV. Parallel dazu schlug sie sich als Newcomerin im Grossen Rat besser, als das viele ihrer Parteikollegen wahrhaben wollten, reichte mehrere durchaus interessante Vorstösse ein. Der Sprung nach Bern, die Wahl in den Nationalrat, schien möglich. Die ehrgeizige Wynentalerin liebäugelte ernsthaft damit, tat sich aber schwer mit der Aussicht auf noch mehr politisches Ellbögeln. Im Oktober 2018 gab sie den Verzicht auf die Kandidatur bekannt. Es war der Beginn ihres Rückzugs aus der Politik. «Angesichts meiner starken beruflichen Beanspruchung sehe ich mich schweren Herzens gezwungen, mein politisches Engagement zu reduzieren», begründet sie jetzt ihren Rücktritt aus dem Grossen Rat per Ende Juni. Nein, die Politik sei ihr nicht zu langweilig («sie ist sehr spannend und lehrreich»). Nein, sie sei nicht schwanger, und ja, sie könne sich vorstellen, in ein paar Jahren wieder in die Politik zu gehen.

Der SVP wird sie vorerst fehlen – und ebenso all ihren überdurchschnittlich vielen Fans.

Karin Bertschi – von der Müllkönigin zur SVP-Hoffnungsträgerin:

Karin Bertschi: Von der Müllkönigin zur SVP-Hoffnungsträgerin

Talk-Täglich-Sendung vom Dezember 2017.