«Im Januar haben wir Hochsaison auf dem Schrottplatz», lacht Karin Bertschi (21). «Zum Jahresbeginn wird aufgeräumt – da landen auch einige unliebsame Weihnachts-Gschänkli auf der Müllhalde.» Aus dem Bürocontainer blickt die Jung-Unternehmerin wie aus einem Adlerhorst über ihr im März 2010 eröffnetes Recycling-Paradies. Im Minutentakt fahren die Entsorger mit dem Auto in die grosse Halle, werfen links und rechts Altpapier, Alu-Dosen und Flaschen in die 30 verschiedenen und übersichtlich beschrifteten Behälter. «Von Elektro-Schrott bis Motoren-Öl nehmen wir alles gratis an», erklärt Karin Bertschi. Nur Verbrennungs-Materialien, Holz, Kompost und Steingut sind kostenpflichtig. Nach der KV-Lehre mit Berufsmatur im elterlichen Betrieb, der Bertschi Mulden + Container Transporte AG in Reinach, bat Vater Albert sie, ein neues Konzept und neue Ideen für den betriebseigenen Entsorgungsplatz auszuarbeiten. Denn der regionale Recyclinghof platzte aus allen Nähten.

«Ich sagte mir: Müll entsorgen soll Spass machen – es muss ja nicht immer ein Typ mit Bierbauch sein, der einen mürrisch mit einem ‹det ine!› anbrummelt.» Statt lärmigem, lautem und dreckigem Deponien-Mief sollte die Entsorgungsstelle «Stöckelschuh-tauglich» sein und eine Kinderecke haben. «Jeder verursacht Abfall. Das ist etwas völlig Natürliches in unserer Gesellschaft», meint Karin Bertschi und entwickelte nach ihren Ideen das Reinacher Recycling-Paradies. Auch Bruder Dani und Schwester Sabine, beide ebenfalls auf den Schrottplatz tätig, unterstützen ihre kleine Schwester tatkräftig. Entstanden ist ein heller und sauberer Vorzeige-Entsorgungsplatz, der kürzlich sogar mit dem Prix Evenir, dem Nachhaltigkeitspreis der Erdöl-Vereinigung, ausgezeichnet wurde. «Das hat mich natürlich sehr gefreut.» Mit ihren frischen Müll-Ideen wirbelt die junge Wynentalerin die Branche tüchtig auf.

Privatbankerin auf der Müllhalde?

Wenn die 176 cm grosse Blondine in Blazer und High Heels zwischen Bergen von Altglas, Altmetall und PET-Fläschli hindurchstöckelt, könnte man meinen, eine Zürcher Privatbankerin habe sich zufällig auf der Reinacher Müllhalde verirrt. Doch weit gefehlt. «Ich bin auf dem Schrottplatz gross geworden», lacht Karin Bertschi: «Schon als Meitli habe ich lieber alte Pneus sortiert als mit Barbies gespielt. Ich bin eben die Müll-Prinzessin!», zwinkert sie kokett. Auch in der orangen Warnjacke und Stahlkappenschuhen macht Karin Bertschi eine gute Figur. Und packt selbst tatkräftig mit an, wo immer es etwas zu tun gibt. Hier hilft sie einer älteren Dame, die richtige Entsorgungsbox für Batterien und Kaffeekapseln zu finden, dort schwingt sie sich auf den Gabelstapler und verschiebt ein paar Palette mit Altholz. Oder wühlt mit der Bagger-Schaufel in meterhohen Müllbergen. Selbst ihren blauen Opel Astra mit Jahrgang 1993 hat Karin Bertschi aus dem Müll gefischt: «Jemand wollte den Wagen bei uns entsorgen. Jetzt ist der Astra mein erstes Auto!»

Karin Bertschi weiss um die Klischees von Schrottplätzen. «Bei Branchen-Tagungen und Geschäfts-Events sind wir Bertschi-Schwestern meistens die einzigen Frauen. Die Männer fragen oft: ‹Sind Sie vom Catering?›.» Die umtriebige Blondine sorgt mit ihrem jungen fünfköpfigen Team für frischen Wind in der Entsorgungsbranche. «Das Thema Recycling ist trendy. Einige Klassen besuchen unser Recycling-Paradies sogar auf der Schulreise.» Bis im Mai sind bereits 700 Schulkinder angemeldet, Jung-Unternehmerin Karin Bertschi führt die Mädchen und Buben persönlich über den Schrottplatz. «Alle werden mit Handschuhen, Helm und Warnweste ausgerüstet. Auf dem Rundgang lernen die Kinder spielerisch die verschiedenen Materialien kennen und unterscheiden. Gerade Kinder aus fremden Kulturen erfahren hier oft erstmals, dass man bei uns in der Schweiz Rohstoffe sammelt und nicht alles auf die Strasse wirft.» Die Mädchen und Buben sind jeweils Feuer und Flamme – mit Gabelstaplern, Lastwagen und Müllkran gibt es jede Menge spannender Action auf dem Schrottplatz. Und immer auch Schoggi, Zopf und Sirup zum Znüni oder Zvieri.

Die Orgel als Hobby

In der Freizeit spielt Karin Bertschi mehrmals monatlich in der neuapostolischen Kirche Reinach zum Gottesdienst Orgel, hilft aber auch anderen Kirchen musikalisch aus. Klettern in den Bergen und Reiten sind weitere Hobbys. Die Leimbacherin absolvierte als Pilotenanwärterin die Sommer-Rekrutenschule 09 bei den Fliegertruppen in Dübendorf. «Aus gesundheitlichen Gründen gab ich nach der Unteroffiziersschule meinen Traum als Militärpilotin auf.» Der Marschbefehl für den nächsten WK ist bereits eingetroffen: «Jetzt bin ich Sekretärin bei einem Brigadier», schmunzelt die Obergefreite und erklärt überzeugt: «Die Schweizer Armee braucht es.»

Karin Bertschi meint: «Jede und jeder sollte mit der Umwelt sorgsam umgehen, aber man darf dabei den gesunden Menschenverstand nicht verlieren. Solange in China oder in den USA Abfall auf dem offenen Meer verbrannt wird, retten wir Schweizer die Welt nicht, wenn wir jedes Joghurtdeckeli sammeln.»