Schöftland

Kantischüler: «Ein Lokal würde sich hier gar nicht lohnen»

Der Bahnhof verbindet Raphael Dobmann mit seinen im ganzen Kanton wohnhaften Freunden. aline wüst

Der Bahnhof verbindet Raphael Dobmann mit seinen im ganzen Kanton wohnhaften Freunden. aline wüst

Raphael Dobmann braucht kein Freizeitangebot in der Gemeinde. Er hat ein Generalabonnement und fährt gerne mit dem Zug nach Aarau, wenn er sich vergnügen will. Dort spielt er beispielsweise gerne Theater.

Halten tut den 18-jährigen Kantischüler Raphael Dobmann wenig in Schöftland, es treibt ihn allerdings auch nicht weg, wie er sagt. Sein Tor zur Welt ist das Generalabonnement in seiner Hosentasche. Und obwohl Schöftland ein Kopfbahnhof ist, führen die Schienen weg – zum Beispiel nach Aarau.

Erfolg in Schöftland

Raphael wohnt zwar bei seinen Eltern in Schöftland, sein Leben spielt sich aber in Aarau ab. In Schöftland sei nicht viel los. «Aber rein vom wirtschaftlichen Standpunkt her, würde sich ein Lokal speziell für Jugendliche hier im Dorf doch gar nicht lohnen,» sagt er. Darum verstehe er gut, dass es nichts gäbe. Zudem seien die Schöftler ja mit dem Cinema8 und dem Härdöpfuchäuer gut bedient.

Der Kantischüler ist keiner der rumjammert, er nimmt seine Freizeitgestaltung selber in die Hand. Gemeinsam mit einem Kollegen gründete er eine Improvisationstheater-Gruppe an der Kanti in Aarau. Beim Impro-Theater entsteht das Stück, im Gegensatz zu klassischem Theater, erst auf der Bühne, und das Publikum lenkt die Geschichte durch Zwischenrufe. Die Truppe probt jede Woche in Aarau.

Seinen ersten Erfolg feierte der 18-Jährige allerdings bei einem Auftritt im Härdöpfuchäuer in Schöftland. Er habe ein bisschen Angst gehabt, wie das sonst eher zurückhaltende Chäuer-Publikum auf das wilde Theater reagieren würde, erzählt er. Seine Befürchtungen waren unbegründet. «Ich lernte das Chäuer-Publikum von einer ganz anderen Seite kennen», sagt er und fügt an: «Der Abend war grossartig!»

Ab ins Ausland

Ab Herbst schlüpft er etwas weniger enthusiastisch in die Rolle des Soldaten. «Meine schlimmste Vorstellung ist, im Militär weitermachen zu müssen», sagt er. Es ist um ihn zu fürchten, denn Raphael ist schlau, interessiert, wortgewandt – einer der es versteht, die Menschen um sich zu scharen. «Ich stehe gerne im Mittelpunkt und noch lieber im Scheinwerferlicht», gibt er zu. Dies werde manchmal als etwas arrogant interpretiert.

Seine Kollegen würden dies allerdings dementieren, verteidigt er sich. Eine Charaktereigenschaft, die er allerdings nie besitzen wolle, sei Genügsamkeit. «Es geht doch immer weiter.» Herausforderungen nimmt Raphael gerne an. Er will Englisch studieren und dann am liebsten als Gymnasiallehrer oder in der Werbung im Ausland arbeiten. Nach dem Militär werden aber zuerst die Koffer gepackt für einen Sprachaufenthalt in Spanien.

Jugend fällt auf

Die Strecke von Schöftland nach Aarau fährt Raphael fast täglich. Auf seinen Fahrten erlebt er einiges. «Vor Kurzem sah ich zwei etwa 13-jährige Mädchen. Sie hielten in der einen Hand ein Bier und in der anderen eine Zigarette – es war zehn Uhr morgens.» Mit «traurig», kommentiert er das Gesehene und fragt sich, ob das die zukünftige Generation sei. Raphael glaubt jedoch nicht, dass die Jugend den Bach runter gehe und ihre Sitten verrohen. Doch vielleicht sei etwas dran, dass viele Jugendliche ein klein wenig vom Kurs abkommen. Grundsätzlich finde er aber, dass die Jungen doch schon immer aufgefallen seien.

Raphael spricht über seine Generation, als ob er selber gar nicht so richtig dazugehören würde. Darauf angesprochen erklärt er, dass in seinem Umfeld kein Konflikt zwischen Jung und Alt bestehe: «Ich habe die Erwachsenen nie als Feindbild betrachtet.»

Mehrsprachiges Fluchen

Vor Kurzem sind dem 18-Jährigen zum ersten Mal Abstimmungsunteralgen ins Haus geflattert. Es geht um die Umfahrung Mellingen, was für ihn nicht weltbewegend sei. Aber er wolle in Zukunft sicher von seinem Stimm- und Wahlrecht gebrauch machen. Wenn die Abstimmungen so ausgehen, wie in den vergangenen Jahren bei der Minarett- und der Ausschaffungsinitiative, werde er zwar enttäuscht sein. Er stelle es sich überhaupt schwierig vor Ausländer zu sein in der Schweiz.

Die Haltung vieler Schweizer sei sehr abwehrend und verschlossen – vor allem in einem Dorf. Er selber habe es als bereichernd empfunden, mit Kindern aus anderen Kulturen in die Schule zu gehen. Auch aus ganz praktischen Gründen: «Ich konnte damals auf alle möglichen Sprachen fluchen», erinnert sich Raphael lachend.

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