Muhen

Kampf dem Kunstrasen: Referendum gegen Fussballfeld ist eine kleine Sensation

Urs Fäh ist pensionierter Kunststoff-Laborant und hat ernste Bedenken hinsichtlich eines Kunststoffrasens.

Urs Fäh ist pensionierter Kunststoff-Laborant und hat ernste Bedenken hinsichtlich eines Kunststoffrasens.

Die Müheler Irene und Urs Fäh bringen das Thema «Fussballfeld» mittels Referendum an die Urne – eine kleine Sensation.

Am 23. November gings für den FC Muhen um die Wurst. Die Müheler Wintergmeind entschied an jenem Abend, ob das Fussballfeld vergrössert werden und der Rasen durch Kunstrasen ersetzt werden darf. Kosten: 3,8 Millionen Franken. Für den Fussballverein stand viel auf dem Spiel. Würde sein Spielfeld nicht pünktlich auf die Saison 2019/20 die vom Schweizerischen Fussballverband geforderten Masse aufweisen, würde er keine Verbandsspiele mehr austragen können. Er wäre nicht mehr im Wettbewerb mit anderen Verbandsmitgliedern, könnte also auch nicht mehr aufsteigen (siehe Text unten).

Der Aufmarsch der FC-Mitglieder und -Sympathisanten an der Gmeind war entsprechend gross. Der Antrag wurde grossmehrheitlich angenommen. Dass auch über den Antrag einer Votantin abgestimmt wurde, man solle über die Punkte «Vergrösserung» und «Kunstrasen» separat abstimmen können, ging nach der Gmeind praktisch vergessen. Er wurde ja auch abgelehnt.

Die Dame, die damals das Wort ergriffen hatte, ist Irene Fäh (68). Sie und ihr Mann Urs waren beim Studieren der Anträge stutzig geworden. «Unsere Gemeinde hat so gut wie kein Finanzpolster, wir fanden diesen Betrag überrissen», sagt sie heute. Irene und Urs Fäh sitzen in ihrer Stube am Esstisch, vor ihnen die Unterlagen ihres Erfolgprojekts. Sie haben geschafft, was vor ihnen noch kaum jemandem gelungen ist: 20 Prozent der Müheler zu überzeugen, ihr Referendum gegen den Gmeind-Entscheid zu unterschreiben.

600 Unterschriften kamen zusammen, 543 wären nötig gewesen. An der 20-Prozent-Hürde – viele Gemeinden schreiben nur 10 Prozent vor – scheitern in Muhen gewöhnlich die Referendumskomitees. Nun hoffen die Fähs auf den nächsten Erfolg: Ein Nein zum Spielfeld-Projekt am 10. Februar. «Wir gönnen dem Fussballclub ein neues Spielfeld und sind absolut dafür, dass der Platz saniert wird», sagt Irene Fäh. «Wir finden aber auch, dass die Gemeinde sparsamer mit ihrem Geld umgehen muss. 3,8 Millionen Franken können wir uns nicht leisten, immerhin bauen wir gerade für 23 Millionen Franken ein neues Schulhaus.»

Umweltsünder Kunstrasen

Am schwersten auf dem Magen liegt den beiden aber der geplante Kunstrasen. Der 70-Jährige Urs Fäh arbeitete jahrelang als Laborant in der Kunststoffbranche. «Kunststoff geht im Freien mit der Zeit kaputt, bedingt durch UV-Licht und Ozon. Dadurch entsteht Mikroplastik, das in die Suhre gelangt, die gleich neben dem Feld fliesst.» Und im Kunstrasen sei noch viel mehr Plastik drin, als von Auge sichtbar: «Das Fundament besteht aus Polymermaterial, auch davon gelangt ein Teil als Mikroplastik in den Boden.»

Die beiden hätten es begrüsst, wenn der Gemeinderat von sich aus über die Variante «Spielfeldvergrösserung mit Beibehaltung Naturrasen» hätte abstimmen lassen. «Das würde 800 000 Franken weniger kosten», sagt Irene Fäh. Als sie an der Gmeind selbst den Antrag stellte, hatte dieser keine Chance. Davon liess sich das Ehepaar nicht entmutigen. Urs Fäh ging von Tür zu Tür, unter dem Arm den Unterschriftsbogen. «Ich wollte allen Mühelern nochmals die Möglichkeit geben, über das Thema abzustimmen», sagt er. Als er am ersten Tag nur mit einer Handvoll Unterschriften zurückkam, erkannte er, welch schwieriges Vorhaben er sich aufgebürdet hatte. «Wir wohnen zwar schon 38 Jahre in Muhen, sind aber in keiner Partei, keinem Verein und konnten nicht in kurzer Zeit viele Helfer mobilisieren», so Urs Fäh.

Doch dies war auch nicht notwendig. Denn zahlreiche Müheler, so stellten sie fest, denken über das «Projekt Fussballplatz» wie die Fähs. Nachdem in der Zeitung über die Unterschriftensammlung berichtet wurde, baten andere sie um Unterschriftenbögen, um selber zu sammeln – was innert der 30 vorgeschriebenen Tage zu sensationellen 600 Unterschriften führte. Persönliche Anfeindungen hätten sie vom Gegenlager bis heute keine erfahren. «Die Emotionen spürt man», so Urs Fäh, «aber es läuft alles im geordneten Rahmen.»

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