Urs Heinz Aerni moderierte nicht eine klassische Lesung, aber auch nicht einen Slam-Poetry-Abend als Wettkampf, bei dem es um eine Flasche Whisky geht. Der Schaumwein diente zum Anstossen auf den Geburtstag der Bibliothek.

Kühlen Keller aufgeheizt

Die rund 40 Gäste kamen in den Genuss unterschiedlicher Texte von Schreibenden mit je eigenen Temperamenten, und wer sich auf die Texte einliess, vergass das Frieren im kühlen Keller. Daniela Dill machte den Anfang mit einem «kafkaesken» Text über die Befruchtung der Hirnzellen, auf dass die Inspiration sich einstelle. Goethe? Gotthelf? Oder doch Kafka? Dill: «Jeden lass ich an mich ran, wenn er mich begeistern kann.»

Die Autorin, auswendig rezitierend, fesselte das Publikum mit ihren Texten, darunter eine traumatische Ferienerinnerung und Gedanken zum «Projekt Kind» ohne «Befruchtungsmanagement», die schmunzeln liessen. Ihr zweiter grosser Text zeigte, wie sie sich – nicht auf die schnelle Pointe setzend – ernsthaft-poetisch Gedanken über das Menschsein macht.

Witz über WSB-Station

Slam-Poeten bedienen sich im Alltag. Simon Chen ist nicht der Erste, der sich über die Stationen der WSB («Obermuhen, Mittelmuhen, Muhen …») lustig macht. Dass man in Schöftland dem Dorf Schöftle sagt, animierte ihn zu einer witzigen Nummer, indem er die Verkürzung auf andere Wörter anwendet: Engle, Holle, Legole, Le. Der Text über einen Mann, der ein Bibliotheksbuch kaufen will, mutiert zu einer Beziehungsgeschichte und zeigt den Schauspieler im Autor.

Ein Anliegen sind ihm die Klassiker, bloss müsste man sie etwas aktualisieren, Schullektüren zusammenlegen, um Synergien zu nutzen: Dantons Tod in Venedig. Und die Dienstwaffe im Haus erspart den Sensenmann.

Als Zugabe Frauen-Kolumnen

Mit einem sprachlichen Feuerwerk wartet Tanja Kummer auf: Als sie mit konjugierter Linolsäure angereicherte Milch konsumiert, konjugiert sie jedes Verb durch, und der Volkslieder- und Schlagertitelverschnitt entbehrt nicht sozialkritischer Spitzen.

Das Publikum erklatscht sich Zugaben. Während die beiden Frauen je eine Kolumne lesen, bringt Chen eine wortschöpferische Ode ans Wasser und beweist damit sein Reimvermögen. Und dass es Texte gibt, die man hören muss.