Bezirksgericht Kulm

Junger Straftäter will lieber Gefängnis statt stationäre Therapie

Tim stand unter anderem wegen Drogenhandel vor Gericht. (Symbolbild)

Tim stand unter anderem wegen Drogenhandel vor Gericht. (Symbolbild)

Tim ist erst 21 und notorisch kriminell. Eine stationäre Therapie könnte helfen, sagt der Gutachter. Doch Tim will stattdessen ins Gefängnis. Ein schwieriger Entscheid für das Gericht.

Am 9. Januar 2014 klickten wieder einmal die Handschellen. Tim (Name geändert) hatte im Raum Lenzburg und im Wynental mit Drogen gehandelt und dabei teilweise mit einem befreundeten Paar zusammengearbeitet. Dann gab es Streit. Der 21-Jährige schlug in rasender Wut mit einem Brecheisen auf den Salontisch des Paars ein und bedrohte die beiden. Das Paar alarmierte die Polizei.

Tim landete in Untersuchungshaft. Nicht zum ersten Mal: Der cannabis- und kokainabhängige Freiämter beschäftige in den vergangenen Jahren die Staatsanwaltschaften Aargau, Zürich und Solothurn. Sein Vorstrafenregister liest sich wie ein langer Auszug aus dem Strafgesetzbuch: Raub, Hausfriedensbruch, Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, grobe Verstösse gegen Verkehrsregeln und Autofahren ohne Ausweis und in fahruntüchtigem Zustand.

Auch in der letzten Untersuchungshaft im Bezirksgefängnis in Zofingen kam es zu einem Zwischenfall: Tim beschimpfte einen Vollzugsangestellten, schupste und bedrohte ihn.

Tim will keine fremde Hilfe

Diese Woche stand Tim einmal mehr vor Gericht, diesmal wegen der erneuten Drogen-Delikte sowie der Zwischenfälle mit dem Brecheisen und im Bezirksgefängnis Zofingen. Dazu kam eine Anklage wegen Schwarzfahrens und unerlaubten Waffenbesitzes: Der Angeklagte besass eine Schlagrute und einen Handschuh mit Schlagkissen.

Vor dem Bezirksgericht Kulm gab Tim fast alles zu. Mit kurzen Haaren, T-Shirt und Ketten an den Füssen stand er gebeugt vor dem Gesamtgericht. Reue zeigte er kaum, beteuerte jedoch, sein Leben in den Griff bekommen zu wollen. «Ich will jetzt ein geregeltes Leben; zurück auf den Bau, weg von den Drogen, und ich will Aggressionen mit Boxen oder Kung-Fu abbauen.» Jetzt solle sich alles ändern, und zwar ohne Hilfe.

Sowohl der Staatsanwaltschaft als auch Gerichtspräsident Thomas Müller zweifelten jedoch, dass Tim sein Leben ohne Hilfe in den Griff kriegt. Aus früheren Verurteilungen habe er nichts gelernt. Laut psychiatrischem Gutachten dürfte Tim, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet, zudem wieder straffällig werden. Auch Gewaltdelikte seien nicht ausgeschlossen. Der Gutachter rät zu einer Sucht- und Psychotherapie als Ersatzmassnahme zur Haft; zuerst stationär, dann ambulant.

Zum Zeitpunkt des Gutachtens im September 2014 war Tim dazu noch motiviert, jetzt aber nicht mehr, wie er vor Gericht mehrmals betonte. «Ich habe kein Vertrauen mehr in stationäre Therapie. Ich war seit meinem elften Lebensjahr in vielen Heimen und Anstalten, die mir nicht helfen konnten.» Er bevorzuge eine Freiheitsstrafe.

Der dritte Weg

Das Gericht stand deshalb vor einer schwierigen Entscheidung: Eine Haftstrafe, die laut Gutachten kaum eine nachhaltige Resozialisierung bringt, oder eine stationäre Therapie, die teuer ist und Tim nicht will. Eine denkbar schlechte Basis für eine Therapie.

Beides sei nicht ideal, hielten denn auch Staatsanwaltschaft und Verteidiger in ihren Plädoyers fest. Letzterer sprach sich für eine dritte Variante aus: Eine teilbedingte Strafe mit einer möglichst langen Probezeit sowie einer anschliessenden ambulanten Therapie. «Das ist die vernünftigste und für die Gesellschaft erträglichste Variante.» Auch die Staatsanwaltschaft bezeichnete dies als gangbaren Weg.

Das Bezirksgericht folgte dem weitgehend: Tim wurde zu 2 Jahren Haft verurteilt, 18 Monate davon bedingt mit einer Probezeit von drei Jahren. Hinzu kommt eine Busse von 500 Franken. Gleichzeitig wurden bedingte Haftstrafen früherer Urteile widerrufen; dh. Tim muss diese nun absitzen.

Zudem muss sich Tim nach der Entlassung einer ambulanten Therapie zur Behandlung seiner Sucht und der Persönlichkeitsstörung unterziehen, eng kontrolliert von der Bewährungshilfe. Gerichtspräsident Müller redete ihm ins Gewissen: «Wenn Sie sich nicht an die Weisungen der Bewährungsaufsicht halten, dann haben Sie ein Problem.»

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