Gontenschwil

Julia ist auf der Walz – und landete per Zufall im Wynental

Kevin Sollberger beschäftigt die deutsche Wandergesellin Julia während zweier Wochen in Gontenschwil.

Kevin Sollberger beschäftigt die deutsche Wandergesellin Julia während zweier Wochen in Gontenschwil.

Julia, die fremde Bäckerin: Brötchen gebacken hat sie schon in vielen verschiedenen Backstuben, quer durch ganz Europa. Seit dreieinhalb Jahren ist sie auf Wanderschaft und jetzt, durch eine Reihe von Zufällen, in Gontenschwil gelandet. Bei Bäckermeister Kevin Sollberger.

Julia ist 27 Jahre alt und folgt einer Uralt-Tradition, die in unseren Breitengraden immer mehr in Vergessenheit gerät: dem Leben als Wandergeselle. Die gelernte Bäckerin stammt aus Norddeutschland – aus der Nähe von Hannover – und lebt schon seit über drei Jahren nach den Regeln der sogenannten Walz. Vorgaben gibt es zahlreiche: «Es gibt keinen Nachnamen auf Wanderschaft», sagt Julia gleich bei der Begrüssung. Deshalb: «die fremde Bäckerin». Ein Handy hat sie nicht dabei, fürs Reisen und Übernachten darf sie kein Geld ausgeben, nebst Arbeitskleidern darf sie ausschliesslich ihre Kluft tragen und während dreier Jahre und eines Tages darf sie sich nicht näher als 50 Kilometer von ihrem Zuhause aufhalten. Wer kontrolliert das? «Ehrensache», so die Bäckerin.

Um überhaupt auf Wanderschaft gehen zu können, gilt es gewisse Voraussetzungen zu erfüllen. «Frei sein, keine Kinder, nicht verheiratet, schuldenfrei, keine Vorstrafen und unter 30-jährig», erklärt Julia. Das Wichtigste sei der Gesellenbrief – der Fähigkeitsausweis des jeweiligen Berufs. Das Ziel dieser Tradition: «Es ist nochmals eine zusätzliche Lehrzeit», sagt die 27-Jährige. Während dieser Zeit lerne man neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Leute und Kulturen kennen und man sammle Lebenserfahrung. Bezahlt wird man mit dem ortsüblichen Fachlohn. Vom Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung war die Wanderschaft zudem eine der Voraussetzungen für die Zulassung zur Meisterprüfung.

Traditioneller Ohrring

Drei Jahre und einen Tag muss die Tippelei – so wird die Wanderschaft auch genannt – mindestens dauern. Weshalb Julia aber schon länger unterwegs ist, hat Gründe. «Ich habe noch ein paar Ziele, bevor ich wieder nach Hause gehe», sagt sie. In Griechenland und Italien wolle sie mal noch arbeiten und «jemanden losbringen».

Das heisst, einen Gesellen oder eine Gesellin beim Start der Wanderschaft begleiten. Auch das hat Tradition. Niemand muss alleine losziehen. Der Jungreisende wird von einem Altgesellen abgeholt und anschliessend während zweier bis dreier Monate in die Geheimnisse der Walz eingeführt. Zudem stellt dieser sicher, dass sich der Junggeselle an alle Regeln hält. «Verhalte dich immer so, dass der Nächste gerne gesehen wird», sagt Julia. Der Altgeselle ist denn auch die Person, die das traditionelle Ohrloch sticht. Oder besser gesagt: schlägt. «Mit Hammer und Nagel wird ein Loch in das Ohrläppchen geschlagen», erklärt Julia und zeigt ihren Ohrring, der die Form einer Bretzel hat.

Verliebt auf Wanderschaft

Das Losbringen einer jungen Wandergesellin ist der Grund, warum Julia nicht länger als zwei Wochen in Gontenschwil bleiben will. Obwohl die Bäckerei Sollberger sie gerne länger bei sich behalten hätte. «Man merkt, dass sie fremde Backstuben gewohnt ist», so Bäckermeister Kevin Sollberger. Am Freitag macht sich Julia mit ihren sechs Kilogramm Gepäck auf den Weg ins 600 Kilometer entfernte Münster, per Anhalter versteht sich, um bei der Abschiedsfeier einer Losgeherin dabei zu sein.

Wohin es sie danach verschlägt, ist offen. Höchstens drei Monate darf sich ein Geselle am gleichen Ort aufhalten. Julia hat sich während ihrer Zeit auf der Walz verliebt – in einen anderen Wandergesellen. «Er selber war vier Jahre unterwegs und ist seit einem halben Jahr wieder zu Hause», sagt sie. Sie wisse, dass er auf sie warte. Das Heimweh habe sie denn auch nie geplagt, zu viele Eindrücke galt es zu verarbeiten. Wenn sie voraussichtlich nächsten Sommer wieder sesshaft wird, freut sie sich, dass sie dann auch mal wieder Gastgeberin sein kann und Freundschaften, die länger dauern, pflegen kann.

«Ich bin ja auch nicht normal»

In der Schweiz wollte Julia eigentlich in Basel anheuern. Dort hat sie aber keine Arbeit gefunden. Per Autostopp ist sie auf dem Weg Richtung Zürich bis nach Baden gekommen. Auch dort hat sie nichts gefunden. Auf der Badener Stadtverwaltung kannte jemand die Kirschstängeli der Bäckerei Sollberger. Es wurde Julia empfohlen, ins Wynental zu reisen, um beim Bäckerweltmeisterinnen-Lehrmeister nach Arbeit zu fragen. So kam sie mit einem fremden Chauffeur an einem Abend Anfang November im dunklen Gontenschwil an. Bäckermeister Kevin Sollberger war eben daran, mitten im Dorf Berliner zu backen.

Dieser staunte nicht schlecht, als Julia mit ihrer Kluft vor ihm stand und in typischer Gesellen-Manier nach Arbeit fragte. «Ich war überrascht, dass es jemanden hierhin, nach Gontenschwil-City, verschlägt», sagt Sollberger und lacht. An einen Ort, an dem jeder mal gewesen sein müsse. Für ihn sei sofort klar gewesen: «Auf dieses Abenteuer lassen wir uns ein.» Da haben sich zwei gefunden. Der Piratenbeck – wie sich Sollberger seit einiger Zeit nennt – und die deutsche Wandergesellin. In der Backstube hat Julia das erste Mal Grittibänzen gebacken, Vermicelles verarbeitet und Kirschstängeli hergestellt: Alles Spezialitäten, die sie bisher noch nicht gekannt hat. «Bei einem Piraten habe ich noch nie gearbeitet», sagt die Wandergesellin. Julia fühlt sich wohl bei den Sollbergers. Sie finde es toll, dass die Bäckerei etwas ausgefallen sei. «Ich bin ja auch nicht ganz normal», sagt sie und zwinkert.

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Autor

Melanie Eichenberger

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