Wynental
Jugend-Debatte: Wie frei können Freiräume sein?

In Oberkulm diskutierten Fachpersonen über Jugendkultur – und erinnerten sich dabei an die eigene Jugend

Von Peter Weingartner
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Jugendliche wollen nicht als Klienten von Jugendarbeitern wahrgenommen werden, sie wollen selber bestimmen. Eine Gruppe Jugendliche im Zentrum von Reinach.

Jugendliche wollen nicht als Klienten von Jugendarbeitern wahrgenommen werden, sie wollen selber bestimmen. Eine Gruppe Jugendliche im Zentrum von Reinach.

Rahel Plüss

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir dein Sozialarbeiter!», sagte Meinrad Dörig von der Regionalen Jugendarbeit Wynental an der Podiumsdiskussion im Oberkulmer Wynenschulhaus. Der Spruch aus dem jugendunruhigen Zürich der Achtzigerjahre bringt das Dilemma der Jugendarbeit auf den Punkt: Jugendliche wollen nicht als Klientel von Jugendarbeitern wahrgenommen werden. «Wenn jemand von aussen kommt und fragt, ‹Was wollt ihr?›, kommt das nicht gut an», sagte Nicolas Siegrist, Mitglied der Betriebsgruppe Kulturkantine 13, dem Jugendkulturhaus der Regionalen Jugendarbeit Wynental. Freie Räume freilich nähme man schon. Wo aber hört die Freiheit auf? Beim Lärm, bei einer Sauerei? Suchtmittelkonsum? Da gebe es viele Vorurteile, meinte Siegrist.

Workshop: Gemeinsam für ein attraktives Tal

Mit einem Workshop will man die Bedürfnisse der Jugend und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in der Jugendförderung eruieren. Die Regionale Jugendarbeit Wynental (RJAW) ist eine soziokulturelle Fachstelle für Jugendfragen und Jugendkultur. Dem Verein gehören aktuell neun Gemeinden aus dem Wynental plus Birrwil an. Neben der Fachstelle betreibt die RJAW ein Jugendkulturhaus in Menziken. Nun wurden ihr die Räumlichkeiten in der ehemaligen Kantine der Alu Menziken aber gekündigt – wegen Reklamationen aus der Nachbarschaft. Auch sonst steht der Verein im Gegenwind. Oberkulm überlegt sich, aus Kostengründen aus dem Verbund auszutreten, Teufenthal hat per Ende 2016 gekündigt. Das Interesse der Jugendlichen aus dem eigenen Dorf wird als zu gering eingeschätzt, der Nutzen für die Gemeinde infrage gestellt.

Vor diesem Hintergrund lädt die RJAW heute Donnerstagabend alle Institutionen und Vereine, die mit Jugendlichen zu tun haben, um 19 Uhr zu einem Workshop in die KulturKantine13 ein. Unter dem Titel «Jugendförderung – gemeinsam für ein attraktives Tal» will man die Bedürfnisse der Jugend im Tal ergründen und gemeinsam skizzieren, wie der Austausch, respektive die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen und Gruppierungen in Zukunft gestaltet werden kann. (rap)

Sozialwissenschaftler und Theologe Dominik Schenker haut in die gleiche Kerbe: «Jugendarbeit soll Selbstwirksamkeit und Lernerfahrungen ausserhalb der Schule ermöglichen.» Und die Identifikation mit der Region, was für die Region langfristig wichtig sei. Für Jürgen Wehmann, Sozialarbeiter und Begleiter der Präventionskommission, ist klar: «Jugendliche suchen Räume, wo sie sich ausleben könne.» Früher, so war den Erinnerungen der Podiumsteilnehmer zu entnehmen, seien das beispielsweise Garagen gewesen. Oder der Waldrand.

Wehmann meint, dass die Auseinandersetzung mit Erwachsenen durch Begegnungen zu einem Lernfeld für die Entwicklung gehöre: «Lassen wir die Jugendlichen nicht alleine.» Auch heute geschehe vieles, was man unter Jugendkultur versteht, von der Öffentlichkeit unbemerkt, in privaten Räumen: Musik machen, Filme. Und auch Dummheiten. «Man lernt im Risikobereich, auch beim Konsum», sagte Dörig.

Dominik Schenker meint, es sei heute schwieriger, etwas Eigenes zu machen: «Es gibt weniger unbespielte Räume.» Und die Toleranz sei gesunken. Man telefoniert früher der Polizei, statt eine Sache persönlich mit dem Nachbarn zu regeln. Das weiss auch Polizist Dieter Holliger: «Die Bevölkerung reagiert.» Im öffentlichen Raum habe sich die Lage (Thema Littering) dank dem Kontrolldruck durch Polizeipräsenz verbessert. Er kann auch von guten Gesprächen mit Jugendlichen berichten: «Ein weniger verkrampftes Verhältnis zum Staat seitens der Jugendlichen wäre wünschenswert.»

In der Diskussion wurde gesagt, dass es wichtig sei, mit Jugendlichen etwas zu planen und zu entwickeln, statt einfach etwas hinzustellen. Die Herausforderung sei es, eine Balance zu finden zwischen unterstützen und gängeln. Und was die Räume angeht: Einer reicht nicht, um den Interessen möglichst vieler Gruppen gerecht zu werden. Eine Frage der finanziellen Mittel, sagte Dörig und meinte nicht nur Steuergelder: Jugendkultur dürfe auch für die Jugendlichen etwas kosten.