Abschiedsserie
Judith Minder liebte als Kind die Sprache, heute ist sie Logopädin

Der in Pension gehende az-Redaktor Peter Siegrist trifft in einer Abschiedsserie ehemalige Schüler. Den Auftakt macht Judith Minder. Aus der ruhigen Schülerin wurde eine junge Frau, die erwachsenen Patienten hilft, wieder zu sprechen.

Peter Siegrist
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Mit Bildern unterstützt die Logopädin Judith Minder eine Patientin beim Wiedererwerb der Sprache nach einem Schlaganfall.Peter Siegrist

Mit Bildern unterstützt die Logopädin Judith Minder eine Patientin beim Wiedererwerb der Sprache nach einem Schlaganfall.Peter Siegrist

Peter Siegrist

Judith Minder, 23, sitzt im Regionalspital Zofingen mit einer Patientin an einem Tisch und arbeitet an einer Bildergeschichte. Vor sieben Jahren hat sie die Bezirksschule in Richtung Gymnasium verlassen. Sie war als Mädchen eine sogenannte Leseratte, eine Dauerkundin der Schulbibliothek. Und sie war, wie sie heute selbst sagt, eine «ruhige Schülerin». Die junge Frau hat ihre Liebe zur Sprache und zum Lesen zu ihrem Beruf gemacht. Seit diesem Sommer arbeitet sie als Logopädin und unterstützt beispielsweise Patienten nach einem Schlaganfall beim Wiederaufbau ihrer eigenen Sprache.

Du bis 2007 in meiner letzten Klasse gewesen. Ich erlebte dich damals als zielstrebig und mehrheitlich angepasst. Was hast du für Erinnerungen an die Schulzeit?

Wir hatten in der Klasse viele «starke Persönlichkeiten» und daneben Schüler, die genau das suchten, um mitzugehen. Daher empfand ich die Klasse als äusserst bunt. Für die Lehrer waren wir wohl eine Herausforderung.

Abschiedsserie: az-Redaktor Peter Siegrist trifft ehemalige Schüler Redaktor Peter Siegrist, 64, hat von 1971 bis 1974 an der Primarschule Buchs, von 1980 bis 2007 an der Bezirksschule Reinach unterrichtet. 2000 trat er mit einem Teilpensum in die az-Redaktion ein. 2007 erhöhte er sein az-Pensum auf 100 Prozent. Bevor Siegrist Ende November in Pension geht und sich als Fotojournalist selbstständig macht, hat er sechs seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler besucht und erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Abschiedsserie: az-Redaktor Peter Siegrist trifft ehemalige Schüler Redaktor Peter Siegrist, 64, hat von 1971 bis 1974 an der Primarschule Buchs, von 1980 bis 2007 an der Bezirksschule Reinach unterrichtet. 2000 trat er mit einem Teilpensum in die az-Redaktion ein. 2007 erhöhte er sein az-Pensum auf 100 Prozent. Bevor Siegrist Ende November in Pension geht und sich als Fotojournalist selbstständig macht, hat er sechs seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler besucht und erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Chris Iseli

Ich sagte jeweils «anstrengend». Etwas ist mir geblieben: Wenn es im Klassenzimmer mit einigen schwierig wurde, setztest du oft dein verschmitztes Lächeln auf.

Ich glaube, ich habe viel mit Humor genommen. Und wahrscheinlich hat mich auch eine gewisse Naivität geschützt, ich liess nicht alles Negative an mich heran. Ich befand mich auch in der Schule in einem guten Umfeld.

Ich war zu eurer Bez-Zeit schon zur Hälfte Lehrer – zur Hälfte Journalist. Habt ihr das wahrgenommen?

Das hat mich geprägt. Ich habe gelernt, die Zeitung bewusst zu lesen. Begriffe wie Lead und Layout, Blocksatz waren für mich keine Fremdwörter. Dein Unterricht hat auch meinen Schreibstil geprägt, das spürte ich während der Kantizeit. Wir mussten genau hinschauen.

Woran erinnerst du dich?

Einmal hast du eine Eule aus der Sammlung vor uns hingestellt, und wir mussten sie ganz genau beschreiben. Hinschauen und die richtigen Worte finden. Oder auf einer Wanderung um einen Bergsee hast du uns gezeigt, wie man bei Landschaftsfotografien auf einen Vordergrund achten soll.

Judith: Warum hast du eigentlich in den Journalismus gewechselt?

Die Veränderungen in der Schullandschaft und in der Schulpolitik drängten mich dazu, mit 50 Jahren einen alten Traum zu verwirklichen und das Fotografieren und Schreiben zum Beruf zu machen.
Judith: Ich verstehe das. Ich habe im Studium erfahren, wie stark sich in der Schule auch das Menschenbild gewandelt hat. Da begreife ich, dass es für langjährige Lehrer schon schwierig werden kann.

Sind dir, Judith, die Veränderungen der letzten Jahre auch bei dir selber bewusst geworden?

Ich glaube, so grosse Veränderungen wie zwischen 12 und 24 macht man später kaum mehr durch. Ich war doch mit 16 in vielem eine ganz andere Person als heute. Aber ich bin immer noch ein rationaler, überlegter und ruhiger Mensch. Und wenn ich etwas angefangen habe, dann ziehe ich es auch durch.

Nach der Bez hast du ohne konkreten Berufswunsch an die Kanti Beromünster gewechselt und bereits nach drei Jahren, mit 19, die Matura gemacht. Wann klärte sich der Berufswunsch?

Der Wunsch nach einem sozialen Beruf bestand schon immer. Lehrerin stand einmal an erster Stelle. Später favorisierte ich einen Beruf mit Menschen in der Einzelsituation. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, vor eine Klasse zu stehen und zu unterrichten.

So bist du Logopädin geworden?

Sprache fasziniert mich. Wie vielfältig Logopädie ist, realisierte ich erst während des Studiums an der Uni Fribourg.

Was macht deinen Beruf so interessant?

Gegenwärtig ist es die Arbeit mit Erwachsenen. Zu Beginn des Studiums dachte ich vor allem an Logopädie im schulischen Bereich, bis ich dann den klinischen Bereich kennen lernte.

Logopädie im Spital? Woran leiden deine Patienten?

Meine erwachsenen Patienten sind zum Beispiel in der Rehabilitation nach einem Schlaganfall oder sind demenzkrank und haben beispielsweise Schluckstörungen.

Du ziehst also die Logopädie im Spital der Schule vor, weshalb?

Bei der Arbeit mit Erwachsenen geht es um Probleme der Sprache, der Artikulation, der Stimme und des Schluckens. Diese Arbeit finde ich gegenwärtig sehr spannend.

Judith Minder erinnert sich an ihren Klassenlehrer: «Mit seinen Leidenschaften belebte er den Unterricht» «Peter Siegrist kam jeweils mit schnellen, bestimmten Schritten ins Schulzimmer. Besonders seine Leidenschaft für die Zeitung zeigte sich im Deutschunterricht. Wir lernten, eine Situation für die Leser sachlich und trotzdem packend zu beschreiben. Zum Schluss unserer Bezirksschulzeit wurde sogar ein Artikel über unseren Ausflug zum Igludorf oberhalb Engelberg gedruckt. Die Idee unserer Klasse, eine letzte spezielle Schulreise im Winter zu machen, wurde von Herrn Siegrist tatkräftig unterstützt. Mit unseren Arbeitsleistungen im Dorf oder zu Hause kam die Finanzierung zustande. Die Naturverbundenheit von Peter Siegrist machte sich auf vielen Schulreisen in die Berge bemerkbar. Dort verhalf er uns mit Tricks und Tipps zu besonderen Erinnerungsfotos. Herr Siegrist war ein vielseitiger Lehrer, der mit seinen Leidenschaften den Unterricht belebt hatte.»

Judith Minder erinnert sich an ihren Klassenlehrer: «Mit seinen Leidenschaften belebte er den Unterricht» «Peter Siegrist kam jeweils mit schnellen, bestimmten Schritten ins Schulzimmer. Besonders seine Leidenschaft für die Zeitung zeigte sich im Deutschunterricht. Wir lernten, eine Situation für die Leser sachlich und trotzdem packend zu beschreiben. Zum Schluss unserer Bezirksschulzeit wurde sogar ein Artikel über unseren Ausflug zum Igludorf oberhalb Engelberg gedruckt. Die Idee unserer Klasse, eine letzte spezielle Schulreise im Winter zu machen, wurde von Herrn Siegrist tatkräftig unterstützt. Mit unseren Arbeitsleistungen im Dorf oder zu Hause kam die Finanzierung zustande. Die Naturverbundenheit von Peter Siegrist machte sich auf vielen Schulreisen in die Berge bemerkbar. Dort verhalf er uns mit Tricks und Tipps zu besonderen Erinnerungsfotos. Herr Siegrist war ein vielseitiger Lehrer, der mit seinen Leidenschaften den Unterricht belebt hatte.»

Peter Siegrist

Wie gehst du vor?

Wenn möglich immer mit dem Patienten gemeinsam. Ich stelle fest, was für die Person wichtig ist, entwerfe schrittweise logopädisches Vorgehen. Die Arbeit ist komplex, weil Bereiche wie Anatomie, Neurologie und Pädagogik zusammenspielen müssen.

Treibt dich das Helfersyndrom an?

Helfen allein ist es nicht. Aber ich kann mit meiner Kompetenz andern Menschen deren Leben wieder ein Stück weit erleichtern. Wichtig dabei ist immer das Zuhören.

Zuhören? Du sollst doch die Patienten wieder zum Reden bringen?

Klar, aber ich kann sprachlich eingeschränkten Menschen vorerst einmal einen geschützten Rahmen bieten, damit sie überhaupt wieder reden. Zuhören kann ich gut. Nur so kann ich eine therapeutische Beziehung aufbauen und gezielt an einem Sprachproblem arbeiten.

Ist die Beziehung Teil des Erfolgs?

Der Patient kann nur etwas von der Therapeutin annehmen, wenn eine Beziehung besteht.

Wann freust du dich bei deiner Arbeit besonders?

Wenn eine Patientin sich freut, weil sie bemerkt, jetzt verstehen sie die Menschen wieder besser.

Als Erstbezlerin hast du geschrieben: «Ich übe jedes Fach häppchenweise.» Wie ist das heute?

Ich finde es lustig, zu lesen, wie ich mich mit 12 selber einschätzte. Aber es ist noch heute so, wie schon als Schülerin gehe ich etappenweise im Leben vorwärts. Häppchenweise, wie ich als Kind sagte. Bei der Arbeit mit Patienten ist es gleich, Fortschritte kommen meist häppchenweise.

Wie soll es weitergehen, hast du bestimmte Ziele?

Heute kann ich mir die geteilte Arbeit in einer Klinik und an einer Schule vorstellen. Es ist aber auch möglich, dass ich noch ein Masterstudium anhänge, um später einmal in der Ausbildung tätig zu sein.

Spielst du noch Altblockflöte?

Musik als Ausgleich ist mir immer noch wichtig, wenn ich auch nur für mich spiele. Allerdings treibe ich heute mehr Sport. Joggen und Wandern, mit Vorliebe auch in den Bergen.

Was möchtest du in deinem Leben gern erreichen?

Ein konkretes Ziel habe ich nicht. Denn das Leben ist voller Überraschungen, denen ich gerne offen entgegengehe. So kann ich meiner vorhin genannten Strategie des häppchenweisen Vorwärtsgehens treu bleiben. Wichtig erscheint mir, dass ich jeden Abend sagen kann, dass ich an diesem Tag etwas Sinnvolles geleistet habe.

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