Opiatsucht

Jetzt hat auch Schöftland ein Spital

Seit 20 Jahren führt André Stucki das Zentrum für Opiat-Abhängige in Schöftland – jetzt wollte der Kanton Aargau plötzlich eine Spitalbewilligung.

Am Schöftler Staudenrainweg gibts jetzt ein Spital – mit Direktor und Chefarzt und allem, was dazugehört. Die Pro Adicta Escape Klinik hat zwar nur vier Betten und vier Mitarbeitende, ist aber seit rund zwei Wochen im Besitz einer Spitalbewilligung. Die Beschwerde einer Patientin hat den Kanton draufgelüpft, dass dort Patienten stationär behandelt werden und machte aus dem Schöftler Behandlungszentrum für Opiatabhängige kurzerhand ein Spital. Nach 20 Jahren.

«Wie immer bei einer Regulierung gabs viel zu tun und kostete einen Haufen Geld», sagt Begründer und Patron der Institution, Psychotherapeut André Stucki. Zuerst habe er sich «gründlich geärgert». Dann aber habe er die Demarche aus Aarau sportlich angenommen und in wochenlanger Fronarbeit die nötigen Papiere zusammengetragen. Inspektionen von Kantonsarzt, Kantonsapothekerin, Spitalarchitekt und weiteren Fachleuten des Kantons folgten. Geforderte Verbesserungen wurden umgesetzt, die Betriebsbewilligung für das Spital, das eigentlich keins sein wollte, ausgestellt.

Entzug ohne «Aff»

Seit 1996 behandelt Stucki in seiner Einrichtung nach einer eigens entwickelten Methode mittels Elektrostimulation opiatsüchtige Menschen, die von ihrer Abhängigkeit loskommen wollen. «Der eigene Wille zur Veränderung, auch wenn er unter Druck zustande kommt, ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie», sagt der frischgebackene Klinikdirektor Stucki. In seinem als Familienbetrieb geführten Haus ist deshalb niemand eingesperrt, niemand macht hier einen Entzug unter Zwang. Das Haus erinnert mehr an eine Wohngemeinschaft als an eine Klinik. Die Patienten unterziehen sich jeweils während fünf Tagen einer stationären Therapie. Zwei hinter den Ohren angebrachte Elektroden vermittelten dem Stammhirn, körpereigene Opiate auszuschütten, so Stuckis Theorie. Dadurch würden die Entzugssymptome verschwinden, der «Aff» bleibe aus.

Durchschnittlich therapiert André Stucki um die 100 Patienten jährlich. Rund die Hälfte kommt aus der Schweiz, der Rest aus dem übrigen Europa. Davon lassen sich 90 Prozent wegen einer Betäubungsmittelabhängigkeit behandeln, 10 Prozent machen einen Alkoholentzug. In medizinischen Belangen wird Stucki unterstützt vom Schöftler Hausarzt Severin Lüscher, auch bekannt als Grossrat (Grüne). Seit 15 Jahren arbeite er nun als beratender Arzt mit dem Behandlungszentrum für Opiatabhängige zusammen, sagt Lüscher und freut sich mit einem Augenzwinkern, dass er durch die Spitalbewilligung nun zum Chefarzt befördert worden sei, ohne dass sich an seiner Arbeit etwas ändere.

André Stucki führt sein Schöftler Behandlungszentrum in Eigenregie. Die Leistungen werden von keiner Schweizer Krankenkasse übernommen. Daran ändert auch die Spitalbewilligung nichts. Wenn man die Website der Institution besucht, erfährt man, dass die fünftägige Therapie pauschal 3100 Franken oder 2800 Euro kostet. Stuckis Einrichtung wird auch in Zukunft auf keiner Spitalliste erscheinen und erhält auch keinen Versorgungsauftrag. Sie muss aber die Auflagen erfüllen, um weiter bestehen zu können. Also ist das Ganze nur ein Papiertiger? Es sei noch zu früh, um über mögliche Auswirkungen zu spekulieren, so Stucki. «Vielleicht trägt die Bewilligung dazu bei, dass die Methode mehr Leuten zugänglich gemacht werden kann.»

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