Wer kein Geld hatte, nähte Bettwäsche. Oder putzte. Oder stellte sein Pferdefuhrwerk zur Verfügung. Aber jeder half mit, jeder leistete seinen Teil, ob mausarm oder steinreich. Und so wurde am 24. August 1902 das «Krankenasyl Oberwynen- und Seetal» eingeweiht und am 1. September eröffnet. Vor genau 115 Jahren.

Das Oberwynental ist um 1900 eine arme Gegend. Das Geld fehlt fürs Essen, für Kleider und Schuhe, erst recht für medizinische Betreuung. Wer krank ist, kann nicht arbeiten, wer nicht arbeitet, hat kein Geld. Und wer kein Geld hat, hungert. Also schleppen sich viele sterbenskrank zur Arbeit, der Arzt wird nur in grösster Not gerufen. Eine Krankenanstalt gibt es erst in Aarau, vier Stunden Fussweg entfernt.

Jakob Irmiger, Sohn einer Menziker Baumwollfabrikanten-Familie, ergreift die Initiative. Er will ein Krankenasyl mit 20 Betten bauen. Mit einer Denkschrift überzeugt er Fabrikanten, Politiker, Ärzte und Geistliche von seiner Idee. Ein Komitee wird gegründet, 1900 der Krankenasylverein. Pläne werden gezeichnet, Subventionsgesuche gestellt, Abklärungen getroffen. Und Geld gesammelt: Von Haustür zu Haustür ziehen die Helfer, bitten jeden Bürger um einen Batzen, einen Beitrag ans Asyl. Jeder noch so kleine Beitrag zählt, auch wenn es nur 50 Rappen sind.

Telefon? Zu teuer!

Die Sammelaktion ist eine Knochenarbeit. Aber sie lohnt sich. 19 316 Franken kommen zusammen, 4350 Franken aus Obligationen, dazu verschiedene Schenkungen. Ungeheure Summen für damalige Verhältnisse. Ein Brot kostet 40 Rappen, ein Kilogramm Rindfleisch 1.55 Franken, ein Paar Schuhe 7.50. Ein Zigarrenmacher verdient damals rund 900 Franken, ein Maurer 1200 Franken – pro Jahr.

Mitte Juni 1901 beginnen die Arbeiten am Krankenasyl, im Frühsommer beginnt das Einrichten. Gekauft wird nur das Nötigste. Instrumente und Mobiliar fürs Operationszimmer für 2500 Franken, sechs Betten für 447 Franken. Auf eine Telefonanlage wird verzichtet, ebenso auf einen Schrank im Zimmer der Hausmädchen. Auch so haben die Auslagen den Kostenrahmen von 85 000 Franken längst gesprengt: 133 714 Franken kostet der Bau.

Jakob Irmiger.

Jakob Irmiger.

Am 24. August 1902 kommen sie alle. Regierungsräte, Grossräte, Gemeinderäte, Ärzte, Leute aus dem Tal. Alles was Beine hat, kommt nach Menziken und schaut sich an, was man gemeinsam gebaut hat: einen kleinen Spitalbau mit 28 Betten, ohne Strom, ohne Röntgen- oder Desinfektionsapparat, ohne Anschluss an die Kanalisation, ohne Geburtenabteilung, ohne Waschmaschine. Aber mit fachkundigem Personal, das Kranken und Verunfallten rechtzeitig helfen kann.

Bereits in den ersten Betriebsmonaten werden 65 Patienten aufgenommen. 1903 werden 244 Patienten betreut und 82 Operationen durchgeführt, in nur fünf Jahren verfünffacht sich die Zahl.

Kampf bis vor Bundesgericht

Wegen der grossen Nachfrage platzt das Krankenasyl bald schon aus allen Nähten. Was vor allem fehlt, ist ein Tuberkulose-Pavillon, in dem die hochansteckenden Kranken isoliert behandelt werden können. Die Tuberkulose ist zu dieser Zeit die gefährlichste Krankheit für junge Erwachsene. Gerade in der armen Bevölkerungsschicht rafft sie schweizweit Zehntausende dahin.

1919 schliesslich, nach langem Ringen mit dem Regierungsrat, wird der Bau eines Absonderungshauses aufgegleist. 1920 beginnen die Bauarbeiten für das Gebäude mit Platz für 24 Patienten – und damit die bislang grössten Probleme in der Geschichte des Krankenasyls.

Denn obwohl gesetzlich festgehalten ist, dass Bund und Kanton zwei Drittel der Baukosten von total 406 000 Franken übernehmen, verweigern diese die volle Zahlung. Statt der erhofften 270 000 Franken soll der Bau nur mit 124 500 Franken unterstützt werden. Die Begründung: Das Absonderungshaus würde in Menziken in epidemiefreien Zeiten auch von nicht ansteckenden Patienten belegt.

Eine katastrophale Nachricht für den Asylvorstand. Trotzdem lässt Irmiger weiterbauen – und zieht gegen den Regierungsrat bis vor Bundesgericht. Bei der Einweihung 1921 sitzt der Vorstand auf einem Schuldenberg von 200 000 Franken. Erst Jahre später beschliesst der Grosse Rat schliesslich eine Nachzahlung.

Wie dringend nötig das Absonderungshaus war, zeigt der Blick in die Protokollbücher. So bringt die Spanische Grippe, die um 1918/1919 wütet, das Krankenasyl an seine Grenzen. Weil das Asyl wegen grippekranker Patienten abgeriegelt wird, stösst das bei der Bevölkerung im Tal auf wenig Verständnis.

Mehrere geharnischte Beschwerden gehen beim Asylvorstand ein, man solle das Asyl sofort wieder für sämtliche Patienten öffnen. Und die Gerüchteküche brodelt: Im Asyl sei ein Patient verhungert, erzählt man sich.

Doch es sind wenige Vorkommnisse, die die Anfangsjahre des Krankenasyls trüben. Nach 25 Jahren zieht die Asylkommission eine höchst erfolgreiche Bilanz: Innert 25 Jahren wurden 7559 Patienten behandelt. Der Aktuar schreibt: «7559 Kranke — wie viel zerstörte Hoffnung, wie viel Tränen, wie viel Schmerz, aber auch wie viel Freude und wiedergefundenes Glück ist darin enthalten. 3933 Operationen! Welch ungeheure Verantwortung birgt diese Zahl! Ja, das sind keine toten Zahlen, sie reden von Leiden und Freuden, von Hoffnung und Kämpfen und Ringen. Ein Blick in die ärztlichen Berichte kann uns nur freudig stimmen, denn es lag ein grosser Segen auf der Arbeit, die Harmonie im Hause und die allseitige aufopfernde Hingabe hat herrliche Früchte getragen.»

Veranstaltungen zum Jubiläum Serenade im Spitalpark mit Musik aus der Zeit um 1900, Samstag, 19. August, 17 Uhr. Tag der offenen Tür, Samstag, 9. September, 10 bis 16 Uhr, mit Begehung des Operationssaals. 24. September, Brunch mit Essen aus der Zeit um 1900, 11 Uhr