Kaum sind die Festtage vorbei, herrscht im Reinacher «Recycling-Paradies» Hochbetrieb. Ein Auto nach dem anderen fährt vor, die leeren Flaschen türmen sich auf, im Altpapierberg finden sich Geschenkpapierfetzen, ein Gärtnereibetrieb lädt eine Lastwagenladung Tannenzweige und Christbäume ab.

Mitten im Trubel steuert Michael Rohr den Gabelstapler über das Areal. Die gefüllten Behälter fährt er auf die Halde, kippt sie mit routinierten Bewegungen, bringt die leeren wieder zurück. Der 30-Jährige, in leuchtendem Orange gekleidet, ist Hallenchef und zuständig für den technischen Bereich. «Er ist hier nicht mehr wegzudenken», sagt seine Chefin, SVP-Grossrätin Karin Bertschi.

Dabei musste sie Rohr zuerst vertrösten, als er sie um eine Stelle anfragte. Doch er blieb hartnäckig, bewarb sich wieder, schnupperte und konnte schliesslich anfangen. Acht Jahre sind seither vergangen, der Betrieb ist ständig gewachsen, Rohr – Bertschis erster Mitarbeiter – ist geblieben.

Verhängnisvoller Ärztefehler

Bereut hat die Unternehmerin den Entscheid nie, auch wenn es ein Wagnis war. Michael Rohr ist auf Gelder der Invalidenversicherung (IV) angewiesen, seit ihm Ärzte eine zu hohe Dosis eines Medikaments verabreichten, als er ein Baby war. Sein Gehirn erhielt zu wenig Sauerstoff, die Folgen spürt er bis heute. Mit zu viel Stress und Veränderung kommt die Blockade, nach einem halben Tag lassen Konzentration und Leistung nach. Um IV-Beiträge musste er dennoch kämpfen.

Nach der bestandenen Anlehre als Topfpflanzengärtner erhielt er keine Rente mehr. Rohr landete in einem Beschäftigungsprogramm auf einem Bauernhof, später wurde er für kurze Zeit arbeitslos. Das Geld war knapp; bis ihm eine Dreiviertel-IV-Rente zugesprochen wurde, musste er sich gedulden. Bertschi: «Die Abklärungen zogen sich über vier Jahre hin, in dieser Zeit war er in der Schwebe.»

Die Erfahrungen ihres Mitarbeiters und jene eines jüngst von der AZ porträtierten Mannes, der gar über fünf Jahre um eine Rente kämpfen musste, haben sie dazu bewogen, politisch aktiv zu werden. An der ersten Grossratssitzung des Jahres von heute Dienstag reicht sie zum Thema eine Interpellation ein, in der sie vom Regierungsrat unter anderem wissen will, wie lange ein durchschnittliches Verfahren dauert, wie viele Personen wegen eines ausstehenden Entscheids in die Sozialhilfe geraten und wie lange diese Gelder im Durchschnitt ausbezahlt werden.

Entscheid in sechs Monaten

Karin Bertschi: «Es ist eine Katastrophe, wenn diese Leute auf die Wartebank und in die Sozialhilfe gedrängt werden.» Die Grossrätin fordert: «Der Entscheid muss innerhalb von sechs Monaten möglich sein.» Je länger die Ungewissheit dauere, desto schwieriger werde der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt.

Einfach war auch Michael Rohrs Weg zurück ins Arbeitsleben nicht. Schritt für Schritt gewöhnte er sich an seinen neuen Job, lernte neue Aufgaben, machte die Staplerprüfung. Heute ist er Hallenchef im technischen Bereich, seine Arbeitskollegen fragen Rohr um Rat. «Ich weiss alles», sagt er. «Fast», ergänzt er nach kurzer Pause.

Rohr sitzt auf einem weissen Plastikstuhl in Bertschis Büro, das erhöht in einem Container mit Blick auf die Entsorgungshalle untergebracht ist. Er faltet seine graue Winterkappe zusammen und wieder auseinander, während er den lobenden Worten seiner Chefin zuhört. Zuverlässig, pünktlich, fleissig, so beschreibt sie ihn. «Er ist ein vollwertiger Mitarbeiter und gehört schon fast zum Inventar.» Total aufgeblüht sei er, in den Anfangszeiten habe er dem Gegenüber kaum in die Augen geschaut. Inzwischen ist er bei vielen Kunden ein beliebter Gesprächspartner. Rohr, der in der Nachbargemeinde Schmiedrued-Walde wohnt, ist in der Region bekannt und nimmt sich die Zeit für eine Unterhaltung gerne – «das ist auch wichtig», findet er.

Willkommener Alltagstrott

Über die Jahre hat er gelernt, die Aufgaben in seinem Rhythmus zu erfüllen. Kommt zu viel Neues auf einmal, steigen Druck und Nervosität. «Veränderungen habe ich nicht so gern», sagt er. Der Alltagstrott stört ihn nicht – im Gegenteil. Das tägliche Programm sieht deshalb für Michael Rohr wenn immer möglich gleich aus: Arbeitsbeginn um 7 Uhr, wägen der gesammelten Kleider, vorbereiten der Kasse, Waage einschalten.

Von 8 bis 9 Uhr Warenannahme und Stapler fahren, nach einer Pause mit Apfel oder Banane der Einsatz bei der Kadaversammelstelle, danach bis Mittag wieder Behälter leeren. Um 12 Uhr ist Feierabend. Versuche, am Nachmittag zu arbeiten, zeigten, dass ihm dann alles zu viel wird.

Sechs Tage die Woche fährt er mit seinem auf 45 km/h plombierten John-Deere-Landwirtschaftskleinwagen zur Arbeit nach Reinach. Der Chefin wäre es lieber, wenn sich Rohr das ganze Wochenende freinehmen würde, doch davon will er nichts wissen. Seine Begründung: «Im Bett bleiben bringt auch nichts. Arbeiten ist wichtig, sonst falle ich ins Loch.» Am liebsten sitzt er auf dem orangen Gabelstapler – für ihn ein Traumberuf. «Dann bist du jemand», sagt er. Für den 30-Jährigen steht deshalb bereits jetzt fest, was er jüngst auch schon Karin Bertschi angekündigt hat: «Ich möchte bis zur Pensionierung hier arbeiten.» Er könne sich nicht mehr vorstellen, die Firma zu wechseln. «Was soll ich dort?»