Reitnau

Ist das Velo krank, kommt die Bikeambulanz

Dank der selbst angefertigten Halterung entfällt das lästige Bücken.

Dank der selbst angefertigten Halterung entfällt das lästige Bücken.

Früher war er Jugendarbeiter, heute ist er Velomechaniker: Michael Suter ist mit seiner mobilen Werkstatt unterwegs. Ist ein Velo kaputt, kommt er zum Kunden nach Hause, öffnet den Kofferraum seines Autos und macht das Velo wieder fahrtüchtig.

Mit Kennerblick betrachtet Velomechaniker Michael Suter das Bubenvelo. Es ist nicht mehr nagelneu, scheint aber noch gut in Schuss zu sein. Suter schätzt es auf drei Jahre und liegt damit richtig. Das Velo soll gewartet werden, zusammen mit Barbara Oeggerli, der Mutter des Knaben, bespricht Suter, was zu tun ist. Die Szene spielt sich nicht in einem Velogeschäft, sondern auf dem Vorplatz von Oeggerlis Haus ab.

Suter wohnt in Reitnau und ist mit seinem Unternehmen «bike ambulance» als fahrender Velomechaniker unterwegs und kommt zu den Kunden nach Hause. «Für mich ist dieser Service sehr praktisch», sagt Oeggerli. «Wenn ich alle Velos meiner Familie in den Service bringen möchte, müsste ich viermal hin- und herfahren.»

Die Idee kam beim Jäten

Michael Suter ist gelernter Velomechaniker, doch er hat sich nicht auf das Reparieren von Velos beschränkt. Es folgte die Ausbildung zum Jugendpfarrer, mehrere Jahre war er für die Jugendarbeit der evangelisch-methodistischen Kirche im Bezirk Muhen tätig. Darauf hat er Sozialpädagogik studiert und in der Region Thun in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche gearbeitet. «Ich wollte in den Menschen investieren», sagt Suter.

Vor einem Jahr ist der gebürtige Holziker mit seiner Frau ins Suhrental zurückgekehrt. Nachdem sich bei der Stellensuche nichts Passendes ergeben hatte, hat er auf einem Biobauernhof mitgearbeitet. Beim Jäten ist ihm die Idee für die Bikeambulanz gekommen. Aus seinem Umfeld erhielt er positive Reaktionen, ein Freund half ihm bei der Geschäftsgründung. Die Investitionen hielten sich in Grenzen, den kleinen Lieferwagen besass er schon.

Die Hersteller für Veloteile bieten ihre Zusammenarbeit normalerweise nur an, wenn man über ein eigenes Geschäft verfügt. Doch Suters Projekt wurde für innovativ und förderungswürdig befunden und so kann er auf verschiedene Marken zurückgreifen. Führt er ein bestimmtes Ersatzteil nicht mit, kann dieses auf den nächsten Tag bestellt werden.

Die Bikeambulanz ist seit fünf Wochen im Betrieb. «Das Geschäft ist gut angelaufen», sagt Suter. Bis jetzt war er schon oft im unteren Suhrental unterwegs, wo es in vielen Gemeinden keine Velowerkstatt gibt. Bei Mehrfamilienhäusern arbeitet Suter auf dem Besucherparkplatz und wird zum Magnet für vorbeigehende Spaziergänger, die ihn fragen, was er denn hier tue. Das Projekt gefällt, der mobile Velomechaniker wird weiterempfohlen. Andere Kunden finden ihn über seine Website.

Seine Zeit muss er sich gut einteilen. «Ich war schon bei Familien um ein Velo zu reparieren. Als sie mit diesem zufrieden waren, haben sie noch drei weitere hervorgeholt», sagt er lachend. Andere Familien in entlegenen Dörfern würden sich zusammenschliessen. Suter verbringt dann den ganzen Tag an einem Ort und die Kunden können sich den Anfahrtsweg teilen. Für jeden gefahrenen Kilometer verrechnet er einen Franken.

Beträgt die Arbeitszeit über 45 Minuten, fallen 20 Kilometer weg. Suter nimmt auch weitere Wege in andere Kantone auf sich, einmal war er einen Tag in Worb und hat dort die «Budenvelos» einer Firma repariert.

Ein Regenzelt fehlt noch

Es ist ein warmer Morgen, die Sonne drückt. Suter verschiebt sein Auto einige Meter nach hinten, damit er im Schatten des Vordachs weiterarbeiten kann. «Du brauchst einen Sonnenschirm», meint Oeggerli. Suter stimmt zu, am besten wäre eine Art Partyzelt, das auch vor Regen schützt. Ansonsten ist im weissen Kastenwagen alles vorhanden, was es für die Veloreparatur braucht. Auf der Rückbank befinden sich sechs grosse Kisten mit Ersatzteilen, im Kofferraum hat Suter das Werkzeug untergebracht.

Fein säuberlich sind die Schraubenzieher an der Wand aufgereiht, alles andere ist in Schubladen verpackt. Damit er sich beim Reparieren nicht ständig bücken muss, hat er selbst einen Arm geschweisst, an dem die Velos in bequemer Höhe befestigt werden können.

Auch ein ausfahrbares Gerät zur Zentrierung der Räder findet im Kofferraum Platz. Nicht nur aus Investitionsgründen hat Suter auf einen Laden verzichtet. Ihm gefällt es, dass er sich nicht an Öffnungszeiten halten muss, sondern nach getaner Arbeit den Kofferraumdeckel schliessen und weiterziehen kann.

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