Nach Vergewaltigung

Instagram-Star Morena Diaz hat einen ehemaligen Freund wegen Vergewaltigung angezeigt: «Es war verdammt hart»

Morena Diaz: «Ich habe ihn angezeigt.»

Morena Diaz: «Ich habe ihn angezeigt.»

Die Aargauer Lehrerin Morena Diaz (27) wollte mit ihrem Bericht über ihre Vergewaltigung durch einen Freund aufrütteln. Das ist ihr gelungen. Und jetzt hat der Fall auch juristische Folgen. Sie hat ihn angezeigt und war dafür schon sechs Stunden bei der Polizei.

Seit die Erlinsbacher Lehrerin und Body-Positiv-Bloggerin Morena Diaz (73 900 Follower) Anfang Januar öffentlich erklärte, ein guter Freund habe sie vergewaltigt, musste sie sich immer wieder die Frage gefallen lassen, weshalb sie den Mann nicht angezeigt habe. Jetzt enthüllt Diaz: Sie hat. Am Sonntagabend machte sie die Anzeige öffentlich. Auf Instagram – kombiniert mit dem nebenstehenden Foto – und auf ihrem Blog.

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TW / Vergewaltigung ll ich habe ihn angezeigt. Schon vor einigen Wochen. Sechs Stunden war ich an einem Donnerstagnachmittag nach dem Unterricht bei der Polizei und habe alles erzählt, was ich wusste, was mir in Erinnerung geblieben ist, was ich fühle. Ich habe wortwörtlich die Hosen ausgezogen und dieser Polizistin einen Einblick ins Intimste von mir gewährt. Es war verdammt hart. Dass er heute genüsslich seinen Kaffee morgens trinken darf, liegt also nicht an mir. In ein paar Wochen folgt die nächste Einvernahme, die Konfrontation. Ich werde wieder erzählen müssen, mir werden wieder unangenehme Fragen gestellt. Es könnte sein, dass mir Ungläubigkeit entgegen gebracht wird und dass ich wieder retraumatisiert werde. Ich nehme alles in Kauf. manchmal liege ich im Bett und frage mich, woher all diese Kraft kommt.. dieser Mut, einfach weiterzumachen und zu kämpfen. Dann denke ich an all die Menschen, die dasselbe durchmachen (mussten) und an verstaubte Gesetze, die die Schweiz quasi zu einem Paradies für Vergewaltiger machen. Und dann kommt Wut. Wut, die hilft, um alles zu überstehen. Wut, die Kraft gibt. Wut, aus der Mut wird. Manchmal habe ich auch Angst aber ich werde nicht aufhören.. nicht, solange ich diese Stimme habe. für mich. für unsere Schwestern. für unsere Töchter, Mütter und Freundinnen. Ni una menos ♥️ ach.. und ein Opfer ist nie irgendjemandem Rechenschaft schuldig. Jede*r hat seine Gründe, ob Anzeige erstattet wird oder nicht. . . mehr auf www.m0reniita.com

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Die Anzeige habe sie schon vor einigen Wochen eingereicht: «Sechs Stunden war ich an einem Donnerstagnachmittag nach dem Unterricht bei der Polizei und habe alles erzählt, was ich wusste, was mir in Erinnerung geblieben ist, was ich fühle», schreibt Morena Diaz (27). «Ich habe wortwörtlich die Hosen ausgezogen und dieser Polizistin einen Einblick ins Intimste von mir gewährt. Es war verdammt hart.»

Die Befragung fand nicht im Aargau, sondern im Kanton Schwyz statt, weil sich die mutmassliche Tat dort ereignet hat. Dort wird es in ein paar Wochen auch zu dem kommen, was Morena Diaz in ihrem Post als «Konfrontation» bezeichnet. Sie wird allerdings nicht direkt auf den Mann treffen, der sie vergewaltigt haben soll. Wie bei allen Delikten gegen die sexuelle Integrität versucht die Staatsanwaltschaft, die direkte Begegnung zwischen dem Täter und dem Opfer zu vermeiden. Das heisst: Die beiden werden sich nicht im gleichen Raum aufhalten, das Gespräch wird übertragen. Morena Diaz wird behandelt wie alle anderen Frauen in einer vergleichbaren Situation.

«Wieder sehr unangenehme Fragen gestellt»

Die Aargauerin weiss, dass all das ein weiteres Mal eine sehr grosse Belastung sein wird. Sie schreibt im Blog: «Ich werde wieder erzählen müssen, was passiert war. Das Erlebte zum Hundertsten Mal wieder durchleben müssen, damit endlich etwas passiert. Ich weiss, dass mir wieder sehr unangenehme Fragen gestellt werden. Ich weiss, dass es nicht einfach sein wird. Dieses Mal wird aber auch er befragt.»

«Er läuft noch frei herum. Aber nicht wegen mir»

Über den Mann schreibt Morena Diaz: «Ja, ich habe ihn angezeigt und ja, er läuft noch frei herum. Aber nicht wegen mir. Denn das habe nicht ich so entschieden.» Und: «Es ist nicht so einfach, jemanden anzuzeigen, den man lange sehr lieb gehabt hat. Wenn es irgendein Fremder gewesen wäre, denke ich (ich möchte nichts behaupten, weil ich nie in einer solchen Situation war), würde ich sofort Anzeige erstatten. Aber bei einem Freund, der mir sonst nie Leid zugefügt hatte, ist es gar nicht so einfach.»

Für Morena Diaz ist klar: «Er hat sich einen Teil von mir genommen, der ihm nicht zugestanden hatte.» Und sie sagt: «Ich bin keine Ausnahme. Meine Geschichte ist kein Einzelfall.»

«Ich habe ihn angezeigt und habe Angst. Ich habe ihn angezeigt und in mir herrscht ein Gefühlschaos» schreibt Morena Diaz. Dennoch fühle sie sich mutig: «Weil ich das bin», so die Influencerin. «Jemanden anzuzeigen, mit dem Wissen, was einem alles bevorstehen wird und mit dem Wissen, dass die Chancen einer Verurteilung seinerseits gering sind, ist verdammt mutig.»

Die Lehrerin fragt: «Was passiert, wenn es zu keiner Verurteilung kommt? Wird er dann gefeiert? Werde ich noch mehr als zuvor als Lügnerin abgestempelt, obwohl ich klar Opfer einer schrecklichen Tat wurde?»

«Quasi ein Paradies für solche Vergewaltiger»

Morena Diaz hat ihre Geschichte nicht nur auf Instagram gepostet. Sie gab Interviews, exponierte sich im SRF-«Club». Denn es geht ihr um das Grundsätzliche. In ihrem neusten Blog schreibt sie, die Schweiz sei «quasi ein Paradies für solche Vergewaltiger»: «Wir leben in einer Rape Culture – und das schon viel zu lange. Es ist Zeit, dass wir langsam zu einer Consent Culture wechseln, bei der Sex nur dann stattfindet, wenn beide zustimmen.»

Grundsätzliche Kritik am Schweizer Gesetz

Morena Diaz erläutert es grundsätzlich: «In der Schweiz spricht man nur dann von einer Vergewaltigung, wenn der Mann mit seinem Penis in die Vagina der Frau eingedrungen ist (als ob Sex nur aus diesem einen Akt bestehen würde) und er dabei noch ein Nötigungsmittel angewendet hat. Er muss also entweder zusätzlich physische Gewalt angewendet haben oder sie wenigstens angedroht haben oder zum Widerstand unfähig gemacht haben.» Und weiter: «Man verlangt vom Opfer somit indirekt, dass es sich zur Wehr gesetzt hat. Wenn das also nicht vorliegt, kann die Tat nicht als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung bestraft werden. Das sage ich übrigens nicht einfach so aus einer Laune heraus, denn das ist leider unsere aktuelle Gesetzeslage.»

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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