Auf dem Homberg
Ingenieure planen künstlichen Stausee für Energieversorgung in aargauSüd

Zwei Ingenieure wollen mithilfe eines künstlichen Sees nördlich des Weilers und einer langen Leitung bis nach Birrwil regionale Energie speichern. Nun gibt es eine Chance das Projekt anzustossen.

Rahel Plüss (Text und Foto)
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Jürg Rubin und Richard Stocker übergeben ihr Anliegen an Herbert Huber, Geschäftsführer von aargauSüd impuls (v.l.).

Jürg Rubin und Richard Stocker übergeben ihr Anliegen an Herbert Huber, Geschäftsführer von aargauSüd impuls (v.l.).

Rahel Plüss

Ein Stausee auf dem Homberg? Eine aberwitzige Idee zweier Fantasten oder weitsichtiges Zukunftsprojekt? Tatsache ist, die beiden Ingenieure Jürg Rubin (56, Menziken) und Richard Stocker (74, Birrwil) haben einen konkreten Vorschlag, wie die eigenständige Energieversorgung in der Region aargauSüd in Zukunft aussehen könnte.

Ginge es nach ihnen, würde nördlich des Weilers «Ober Flügelberg», wo sich auch das Restaurant Homberg befindet, ein natürliches Staubecken in der Grösse von vier Fussballfeldern angelegt und mit einer Druckleitung hinunter nach Birrwil an den Hallwilersee verbunden. In Zeiten, in denen mehr Strom produziert als verbraucht wird, würde Hallwilerseewasser hochgepumpt, bei Bedarf könnte es gezielt abgelassen und turbiniert, also wieder zu Strom gemacht werden.

Der Stausee auf dem Homberg hätte etwa die Fläche von vier Fussballfeldern. Für die Druckleitung gibt es zwei Führungs-Varianten, beide umlaufen das Dorf.

Der Stausee auf dem Homberg hätte etwa die Fläche von vier Fussballfeldern. Für die Druckleitung gibt es zwei Führungs-Varianten, beide umlaufen das Dorf.

Rahel Plüss

«Wo wäre ein solches Pumpspeicherkraftwerk besser angelegt als in der steilsten Gemeinde im Kanton Aargau?», fragt Richard Stocker und lacht. Seit über 30 Jahren lebt er im Dorf auf der Ostseite des Hombergs. Das Projekt hat er schon lange im Kopf. 2011 trug er sein Konzept zum ersten Mal vor Energieexperten vor. Die Reaktion? «Positiv», sagt Stocker. «Auch eine Prüfung bei ‹Alpiq› hats bestanden.» Nur weiterverfolgen habe es bisher noch niemand wollen.

«Zu unverbindlich formuliert»

Jetzt sehen Richard Stocker und Jürg Rubin eine Chance, das Projekt anzustossen – mit einer Eingabe im Rahmen der öffentlichen Mitwirkung zum Regionalen Raumkonzept (RRK) 2040. Der Gemeindeverband aargauSüd hat das 60-seitige Strategiepapier ausgearbeitet und der Öffentlichkeit bis heute zur Vernehmlassung unterbreitet.

Regionales Raumkonzept: Vernehmlassung läuft heute ab

Wohin soll sich die Region entwickeln? Das ist im Regionalen Raumkonzept 2040 festgehalten. Der Gemeindeverband aargauSüd impuls hat das Planwerk mit den Verbandsgemeinden ausgearbeitet. Bis heute läuft die Vernehmlassung, die auf Wunsch des Kantons für die Bevölkerung geöffnet wurde. Bisher liessen sich alle Nachbar-Planungsverbände, die Industrie- und Handelskammer Region Wynental sowie 7 von 12 Gemeinden vernehmen. Richard Stocker und Jürg Rubin machten die einzige private Eingabe.

Mit ihrem Vorstoss wollen die beiden Initianten bewirken, dass «die Ausscheidung von geeigneten Standorten für Energieerzeugungsanlagen – wie Speicherweiher, Druckausgleichbecken, Wasserfassungsbereiche am Hallwilersee sowie Trassen für Druckleitungen und Standorte für Windkraft – festgelegt wird».

Ausserdem ist ihnen der Text rund um die Zukunft der erneuerbaren Energien im RRK zu unverbindlich formuliert. «Wenn sich die Region vornimmt, künftig ihren Bedarf zu einem wesentlichen Anteil aus erneuerbaren Energien zu decken, dann müssen Kompetenzen vergeben werden, um dies auch umzusetzen», sagt Jürg Rubin.

«Auftraggeber sind die Verbandsgemeinden. Die Geschäftsstelle verfügt nicht über die Kompetenz, um Umsetzungsmassnahmen festzulegen, geschweige denn Energiesparmassnahmen zu definieren.» Die beiden Initianten möchten, dass dies ins Planungspapier aufgenommen wird. «Sonst lässt sich nichts realisieren», so Rubin.

Der selbstständige Bauingenieur, der auch Verwaltungsratspräsident der EWS Energie AG ist, weiss, wovon er redet. Bis Ende 2016 sass er im Menziker Gemeinderat und betreute im Vorstand von aargauSüd impuls das Energieressort.

Speicher für einen Sechzigstel AKW

Das Stausee-Projekt ist für Stocker und Rubin Anstoss, Vision für die Region – wenn auch eine ausgereifte. Der Speichersee auf dem Homberg könnte um die 120 000 Kubikmeter Wasser fassen. Über eine Leitung mit einem Durchmesser von 1,2 Metern liessen sich 60 000 Kubikmeter Wasser pro Tag auf- oder abwärtsbringen.

Die Höhendifferenz beträgt 260 Meter. Es könnte eine maximale Leistung von 6300 Kilowatt erbracht werden, was bedeutet, dass selbstproduzierter Solarstrom von ungefähr 1500 bis 2000 Häusern abgenommen respektive gespeichert werden könnte.

«Das entspricht etwa fünfmal der Gemeinde Birrwil oder der Produktion von einem Sechzigstel des AKWs Leibstadt», sagt Stocker. Für das Pumpspeicherwerk rechne er mit einem Wirkungsgrad von rund 80 Prozent. Das Projekt liesse sich mit dem Bau von Windkraftanlagen optimieren.

«Windräder würden die Speicherung von Sonnenstrom ideal ergänzen, weil sie dann am meisten Energie erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint.» Für alle, die sich um den Pegel des Hallwilersees sorgen, haben die beiden Initianten auch schon eine Antwort parat: Sechs Millimeter würde der See in acht Stunden sinken oder ansteigen.

Kosten würde ein solcher Pumpspeicher 25 bis 30 Millionen Franken. «Mit unseren tiefen Energiepreisen lässt sich so etwas nicht finanzieren», sagt Stocker. «Doch muss die nachhaltige Sicherstellung der Energieversorgung in der Region denn überhaupt rentieren?», fragt er rhetorisch.

«Der neue Kreisel in Reinach rentiert ja auch nicht. Die nationale Politik fordert die regionale Produktion von Naturstrom. Ich finde, es stünde unseren beiden Tälern gut an, ein bisschen Innovation zu zeigen.»

Dass sich ein solches Projekt nicht von heute auf morgen realisieren lässt, wissen die beiden sehr wohl. «Sind wir ehrlich», sagt Jürg Rubin, «so etwas dauert 30 Jahre. Aber wenn wir heute nicht beginnen, dauert es 30 Jahre und einen Tag.»