Eigentlich ist die «Gutenberg Werkstatt Reitnau» noch gar nicht offiziell eröffnet, doch bereits führt Bruno Altherr Gruppen durch sein Reich. «Letzte Woche war eine Klasse aus Reinach hier», erzählt er, «und kein einziger hat Blödsinn gemacht.» Altherr versteht es, seine Zuhörer zu packen. Er hält Gutenbergs Erfindung, den Buchdruck mit beweglichen Lettern, für eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Und ist damit nicht allein: Ohne Buchdruck keine Reformation, keine Aufklärung, keine Bildung für alle.

Altherrs Anschauungsmaterial beeindruckt und lässt staunen. Ja, es kommt eine gewisse Ehrfurcht auf, wenn man ein Blatt in der Hand hält, das jemand im Jahr 1300 von Hand geschrieben und koloriert hat. Oder ein Blatt aus der fünften je gedruckten Bibel aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Das mechanische Interesse

«Ich bin ein Quereinsteiger ins Druckergewerbe», umreisst Bruno Altherr seinen Werdegang. Er hat Elektromechaniker gelernt, bevor er in einem Missions-Unternehmen zum Drucker wurde und noch eine Lehre als Offsetdrucker gemacht hat. Deshalb hat er auch ein anderes Verhältnis zu den Maschinen als ein Drucker: Er versteht, wie sie funktionieren, kann sie auch reparieren, nicht bloss bedienen. Und die Mechanik fasziniert ihn.

In der Ecke steht ein grauer Koloss, scheint nicht antik zu sein. «Das ist eine Miehle Vertical», sagt Altherr und erzählt, wie er sie in Basel aus einem Container vor der Verschrottung gerettet hat. 1985, als er sich in Moosleerau selbstständig machte. «Damit habe ich damals noch Geld verdient», sagt er. Diese Maschine aus Chicago sei die erste seriengefertigte Druckmaschine gewesen, die auf kleinem Raum Platz fand und für hohe Produktionszahlen sorgte. Konnten mit den ersten Maschinen 30 Drucke pro Stunde hergestellt werden, so vermochte die Vertical 4500 Blätter pro Stunde zu bedrucken. Aus dem Handwerk wurde Industrie. Der Handwerker zum Maschinisten?

Bijous öffnen Welten

Altherrs Augen glänzen, und die Begeisterung überträgt sich auf die Zuhörer und Betrachter, wenn er jene Maschine beschreibt, die auf Ozeandampfern für eine aktuelle Zeitung sorgen konnte. Zwei dieser Maschinen hat er in seiner Ausstellung. Da werden auf der gleichen mechanischen Maschine die Lettern gegossen und zu Zeilen zusammengestellt. «Bijous», sagt Bruno Altherr. Genau wie die Hand-Tiegel oder Boston-Tiegel aus dem 19. Jahrhundert, mobile Kleinstdruckereien. «Wunderdinge; deutsche Auswanderer brachten sie in die USA», erzählt der Sammler. Man riecht die Zeit: Goldrausch, Eisenbahnbau, Wilder Westen.

Im ersten Raum des Museums zeigt Bruno Altherr die alten Originaldrucke. Er besitzt auch diverse Brockhaus-Konversationslexika. «Das Internet weiss viel, aber nicht alles», sagt er und vergewissert sich bei Unsicherheiten. Wie wurde das (praktisch ungebrauchte) Kirchengesangbuch aus dem Jahre 1853, edel in Samt eingebunden, gedruckt? «Der Elektromotor wurde 1860 erfunden, also muss es mit Dampfkraft produziert worden sein», sagt er.

An der Ecke steht eine Prägemaschine, mit der man Goldprägungen, aber auch Siegelprägungen machen konnte. Die wurde mit Kohle beheizt. Ein Prunkstück des Museums ist gewiss die Steindruckmaschine von Alois Senefelder, dem Erfinder der Lithografie und des Offsetdrucks, die jener um 1800 gebaut hat. Sie kann er auch in Betrieb nehmen.

Einmalig in der Schweiz ist die Gutenberg-Presse mit Holzspindel. «Ich habe sie vor etwa 20 Jahren nachbauen lassen, nachdem ich das Original in Mainz ausgemessen hatte», erzählt Altherr. Seine Maschinen leiht er gelegentlich auch an andere Museen aus, denn man kennt sich in der Szene.

90-minütige Zeitreise

Der Erfolg seiner Ausstellung an der Gewerbeausstellung in Leerau letztes Jahr – in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts war er bereits an einer Gewerbeausstellung in Triengen präsent – hat Altherr zum Aufbau eines Museums ermuntert. Und er hat noch viele Ideen. «Ich habe einen ganzen Kasten voller alter Kleider gekauft», verrät er. Theaterszenen in der Werkstatt? Die Atmosphäre ist ihm wichtig. Dazu gehören auch die alten Möbel, Schränke mit alten Schreibmaschinen. Und Tonnagen von Bleilettern, fein säuberlich versorgt in den Original-Schubladen unter der Werkbank mit einschlägigen Gegenständen.

Das Angebot des Museums In 90-minütigen Führungen führt Bruno Altherr interessierte Gruppen (Schulen, Familien, Vereine, Firmen) in einer Zeitreise in die Welt der «Schwarzen Kunst» ein. Infos unter: www.druckereialtherr.ch