Wynental
In der einstigen SP-Hochburg fusionieren die Ortssektionen

Die SP hat das Wynental als Stammland schon lange verloren – nicht nur, weil es weniger Industrie-Arbeiter gibt.

HEIDI HESS
Drucken
Teilen
Hans Rudolf Trachsel, ehemaliger Präsident der SP Menziken, vor dem Volkshaus in Reinach, wo die Gewerkschaft einst ein Sekretariat hatte. Peter Siegrist

Hans Rudolf Trachsel, ehemaliger Präsident der SP Menziken, vor dem Volkshaus in Reinach, wo die Gewerkschaft einst ein Sekretariat hatte. Peter Siegrist

Peter Siegrist - Bild und Text

Die SP-Sektion der Gemeinde Dürrenäsch wächst: von bisher fünf Parteimitgliedern auf neu 60. Höchst erfreulich – sollte man meinen. Neue Parteibüchlein aber wurden keine ausgegeben. Und was hat das mit dem Wynental zu tun?

Der Grund für den Mitgliederzuwachs ist bloss die Fusion verschiedener kleiner Ortssektionen. Genauer: Die SP-Sektionen Dürrenäsch, Gontenschwil, Oberkulm, Unterkulm und Region Schöftland haben sich zusammengeschlossen und nennen sich seit Anfang Januar SP Mittleres Wynental/Schöftland. Markus Estermann von der bisherigen Ortssektion Dürrenäsch leitet den neuen Vorstand. «Wir haben uns eine neue zeitgemässe Organisationsstruktur gegeben», bezeichnet Estermann den Grund für die Fusion.

Ein langer Prozess

Jahrelang verteilten sich in den kleinen Ortsparteien Aufgaben wie Kasse oder Präsidium auf wenige Parteimitglieder. Und auch an der Generalversammlung blieb man im kleinen Kreis. Vor über einem Jahr haben sich die Vorstände der einzelnen Sektionen deshalb zusammengesetzt und besprochen, wie ein Zusammenschluss aussehen und gestaltet werden könnte. «Das war ein langer Prozess», sagt Estermann. «Wir haben nicht einfach an einer Sitzung entschieden.»

In der Region interessiere man sich für die gleichen Themen, sagt Estermann. Er spricht die Verkehrssituation, etwa bei Gränichen mit den vielen Staus, oder die Arbeitsplatzsituation im Tal an. Auch deshalb mache der Zusammenschluss Sinn. «Die Wahrnehmung der Partei wird sich in der Region ändern, und eine einzige Verwaltung für 60 Mitglieder ist ausserdem effizienter», sagt er.

SP Mittleres Wynental/Schöftland

Der Vorstand der fusionierten SP Mittleres Wynental/Schöftland setzt sich neben Präsident Markus Estermann aus den Vorstandsmitgliedern Manuela Basso aus Unterkulm, Ursula Hofmann aus Oberkulm, Elsbeth Kaufmann aus der Region Schöftland und Hans Würgler aus Gontenschwil zusammen. Eine gewisse Eigenständigkeit können sich die einzelnen Sektionen bewahren. Präsident Markus Estermann sagt: «Die Ortssektionen halten auf kommunaler Ebene weiterhin ihre eigenen Sitzungen ab.» Lokale Themen wie die Besetzung von Kommissionen oder Schulpflege, Bauvorhaben und Budget- oder Steuerfragen werden die Mitglieder der Ortssektionen auch künftig im kleinen Kreis diskutieren. Dafür werde an der Generalversammlung nun eine grössere Schar an Mitgliedern erscheinen und die überregionalen neuen Parolen und Projekte beschliessen. (HHS)

Wandel in den 80er-Jahren

Weshalb aber hat die SP in dieser Region heute so wenig Parteimitglieder? Estermann sagt: «In den letzten zehn Jahren sind die Mitgliederzahlen in den einzelnen Sektionen konstant geblieben.» Allerdings auf tiefem Niveau. Verloren hat die SP ihre Wählerinnen und Wähler früher, und zwar massiv.

Das Wynental war bis in die 70er-Jahre eine SP-Hochburg. Die Arbeiterschaft aus der Tabakindustrie und aus der Schwermetallindustrie wählte links. So links, dass der Regionalverband Aargau-Solothurn der Gewerkschaft Verkauf, Handel, Transport, Lebensmittel damals im Reinacher Volkshaus sogar ein Sekretariat eingerichtet hatte. Erbaut worden war das Volkshaus bereits im Jahre 1949.

In den 80er-Jahren begann sich ein Wandel abzuzeichnen. Die SP verlor an Wähleranteilen. Wen auch immer im Wynental man nach den Gründen für diesen Wandel fragt, die Antwort ist dieselbe: «Als die Industrie das Tal verliess, gingen auch die Arbeiter.» Und damit die Wählerschaft, deren Sprachrohr die SP war. Das sagen Hans Rudolf Trachsel, ehemaliger Präsident der SP Menziken, Markus Estermann, Vorstand der neuen SP Mittleres Wynental/Schöftland, oder auch Annette Heuberger, parteilose Gemeinderätin in Menziken.

Wahlentscheid der Arbeiter

Die Abwanderung der Arbeiter ist aber nicht der einzige und nicht der Hauptgrund für den Verlust an Wähleranteilen bei der SP. So lautet das Fazit der Politologin Line Rennwald und des Historikers Adrian Zimmermann. Sie haben das Wahlverhalten der Arbeiter in der Schriftenreihe «Social Change in Switzerland» wissenschaftlich untersucht. 2015 wurde die Studie unter dem Titel «Der Wahlentscheid der Arbeiter in der Schweiz, 1971 bis 2011» publiziert.

Gemäss Rennwald und Zimmermann begann die Unterstützung der Arbeiter für die SP in den 80er-Jahren zu bröckeln. Arbeiterinnen und Arbeiter wählten aber erst Mitte der 90er-Jahre die SVP, die sich mehr und mehr rechtspopulistisch positionierte. Die Wissenschafter sagen, dass sich die veränderten Parteipräferenzen der Arbeiter nicht mit ihren politischen Einstellungen erklären lassen. Arbeiter stünden bis heute in der Sozial- und Wirtschaftspolitik links.

Was hingegen die Migrationspolitik betrifft, so hätten sie schon in den 70er-Jahren häufig von SP-Parteiparolen abweichende und restriktivere Positionen eingenommen. Die Sympathie für die Politik der SP war in Arbeiterkreisen zwar weiterhin vorhanden. In den letzten Jahrzehnten aber änderte sich das politische «Angebot» der Partei. Die SP machte auch Themen wie Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung zu Kernthemen. Zwar machte auch die SVP die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte nicht zum Kernthema, indirekt jedoch schon: Die SVP punktete mit der Migrations- und Europapolitik und sieht in ihr den Grund für die sozialen Ungerechtigkeiten in der Schweiz. Hans Rudolf Trachsel sagt dazu: Die Migration und die Europapolitik seien von der SVP «clever beackert» worden. Die SP aber könne sich nicht gegen Menschenrechte stellen.

Aktuelle Nachrichten