Schöftland/Ruedertal
Im Ruedertal gehen zwei Kirchen Hand in Hand

Von den vielen Kirchen in der Gegend gehen zwei aufeinander zu. Sie halten gemeinsam Gottesdienst. Um eine Sekte handelt es sich bei der Bewegung jedoch nicht.

Michael Küng
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Edi Bolliger bandelt mit der Chrischona-Gemeinde an.

Edi Bolliger bandelt mit der Chrischona-Gemeinde an.

Im Ruedertal ist die Welt noch in Ordnung. Topografie und der hohe Stellenwert der Landwirtschaft gestalten hier das «Emmental des Aargaus». Nirgends im Kanton haben die Menschen deutlicher für das Minarett-Verbot votiert: 85,2 Prozent Ja-Stimmen. Umso mehr christliche Gruppierungen tummeln sich hier: Neuapostolen, Täufergemeinde, Heilsarmee, Atlasgemeinde, Landeskirchen, Evangelisch-methodistische Kirche (EMK), Chrischona, dazu bald die Evangelisation und ab und an gibt es Gerüchte über Niederlassungen von Adventisten und Zeugen Jehovas.

Von der Landeskirche bis zur Sekte sind hier, so scheint es, alle möglichen Facetten christlichen Glaubens vertreten. Zu der Gattung der Freikirchen zählen die Pietisten der Gemeinde Chrischona.

Am Eingang zum Ruedertal besitzt die Gemeinde ein Anwesen mit vier Gebäuden: eine Kirche, eine kleine Baracke, in der sie die Schöftler Jungschi leitet, sowie zwei Wohngebäude. In einem ist vor kurzem die Familie Gloor eingezogen. Vater Daniel, 39, wurde die Arbeitsbelastung in seiner Firma zu hoch – er kündigte. Auf der Suche nach einer Alternative wandte er sich mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau Claudia, einer Theologiestudentin, an die Chrischona: «Wir wollen Pfarrer werden.»

Neues Heim gesucht

Von da an ging alles schnell: Für die Stelle in Schöftland fand sich zuvor zwei Jahre lang niemand, die Chrischona war froh um die Anwärter. Den Eltern gefiel das Dorf auf Anhieb und die drei Kinder, zwei Mädchen und ein Bube, freuten sich ob der Aussicht auf die Bahnhofstrasse: «Wir wollen von zu Hause aus das Postauto sehen!», sollen sie unisono gerufen haben, als die Eltern fragten, was ein neues Heim für sie denn bieten solle. Das «Poschti» verkehrt direkt vor der Haustür.

Kurz darauf lernten sie Edi Bolliger kennen. Der Pfarrer der Kirchgemeinde Rued sucht gerade einen Unterschlupf für die 80 bis 90 Gläubigen, die seinen Gottesdienst nach eigenen Angaben jeweils besuchen würden: Seine Kirche wird bald für einen Monat schliessen müssen, Renovationsarbeiten stehen an.

Band statt Orgel

Und so nimmt Bolliger eine Einladung der Gloors zum Besuch eines ihrer Gottesdienste an. Es geht in die Schöftler Schulaula, sie könnte ausreichend Platz bieten für gemeinsame Gottesdienste: Die von Muhen bis ans Ende des Ruedertals reichende Chrischona-Gemeinde hat nach eigenen Angaben 90 aktive Mitglieder und etwa 200 regelmässige Gottesdienstbesucher. Unterschiede?

Ein Gottesdienst der Chrischona wird von einer Band begleitet, keiner Orgel: Schlagzeug und E-Gitarren liefern den Sound zum Lobpreislied. Und sonst? Bolliger und die Gloors sehen keine: «Vielleicht ist die Landeskirche etwas liturgischer», ist das Einzige, das sich Claudia Gloor entlocken lässt. So erstaunt es denn auch wenig, wenn Edi Bolliger verrät, dass er einst selbst in der Chrischona aufgewachsen ist, bevor er zur reformierten Kirche wechselte – und Daniel Gloor machte denselben Weg, nur in die andere Richtung.

«Wir sind doch keine Sekte!»

Darauf angesprochen, dass in der Bevölkerung ab und an der Vorwurf aufkommt, die Chrischona sei den Sekten zuzuordnen, läge wohl daran, dass es durch Verkrachungen in einem Dorf, beispielsweise mit dem Pfarrer, gelegentlich zu Abschottungen von Chrischona-Gemeinden kommen könne, meint Claudia Gloor. Und Abgrenzungen führten nun mal zu derartigen Eindrücken. «Dabei sind Kirchen immer wieder auf Kooperationen angewiesen, um eine Koexistenz überhaupt zu ermöglichen», meint Pfarrer Bolliger.