Er war in hohem Alter, vom Wetter gezeichnet und hätte bald das Zeitliche segnen müssen. Dabei war das über 200-jährige Stöckli an der Reitnauer Bergstrasse einer der letzten erhaltenen Wohnspycher aus dieser Zeit. Doch sein Zustand war schlecht, damals im April letzten Jahres, der Platz wurde gebraucht.

Ein Glück für ihn, dass zwei Liebhaber alter Bauernhäuser vom drohenden Schicksal erfuhren. Die Kirchleerber Gemeinderätin Béatrice Meili und ihr Partner Rolf Baumann kauften das alte Haus kurzerhand, liessen es Balken um Balken abmontieren und übers Suhrental zügeln. In ihren Garten. Ihr einziger Gedanke damals: die Rettung eines geschichtsträchtigen Baus. «Was wir genau damit machen wollten, daran dachten wir damals noch nicht», sagt Baumann heute. Sie hätten sich auch vorstellen können, den Spycher einfach bei ihnen hinterm Haus stehen zu haben. Hauptsache für die beiden war, dass er erhalten bleibt.

Das Stöckli war in keinem guten Zustand mehr.

Das Stöckli war in keinem guten Zustand mehr.

Verjüngungskur

Über ein Jahr ist seither vergangen. Inzwischen sehen sie rüber zum wieder aufgebauten Reitnauer Fund, wenn sie bei sich zu Hause aus dem Küchenfenster schauen. Neben ihrem Wohnhaus, ein altes Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert, sieht der Spycher wie dessen Spross aus. Die dunklen Balken wurden in geduldiger Arbeit wieder hellgeschrubbt, was ihn heute mindestens 100 Jahre jünger aussehen lässt.

«Man muss die alten Balken trocken schrubben, mit Einsatz von Wasser geht das alte Holz gleich kaputt», sagt der pensionierte Schreinermeister Fritz Gugelmann, der am Ende eines weiteren heissen Arbeitstags auf der Terrasse der Spycherbesitzer den verdienten Feierabend begeht. Er hat bereits mehrere historische Scheunen und Spycher ab- und wieder aufgebaut und restauriert. «Früher hat man eine Scheune, ein Stöckli so gebaut, dass ein Ab- und Wiederaufbau möglich war. Zog ein Bauer um, konnte er seine Scheune mitnehmen», sagt Gugelmann.

Treppe aus Hochstudscheune

Prominentes Beispiel seines Wirkens ist die Kölliker Hochstudscheune, die er diesen Frühling abbauen half. «Jeden Balken der Scheune haben wir mit Metallplättchen mit eingravierten Nummern versehen», sagt er. Diese werden ihm, wenn der Kanton den Wiederaufbau am geplanten Ort (Landwirtschaftszone) bewilligt, dereinst verraten, wo welcher Balken hinkommt. Ein Souvenir aus Kölliken hat der Schreiner gleich nach Kirchleerau gebracht: Die Holztreppe, die in den ersten Stock des Spychers führt, stand noch vor wenigen Monaten in einem Nebenbau der Hochstudscheune.

Feiern im Spycher nach Trauung

Auch die Balken des Reitnauer Spychers wurden säuberlich beschriftet, dies jedoch mit Kreide. «Der Regen diesen Frühling wischte aber dann einen Teil der Kreide wieder weg», sagt Gugelmann. Der Aufbau wurde zum Puzzlespiel.

Nun, da ihr Spycher steht, brüten Meili und Baumann über der Verwendung. Da sich im oberen Stock ihres Hauses eines der Trauungszimmer des Zivilstandsamts Schöftland befindet, könnte das dort frisch gebackene Ehepaar gleich nebenan zum ersten Mal feiern. Allzu konkret möchten sie sich aber noch nicht zu ihren Plänen äussern. «Verwendungszwecke gibt es viele», sagt Meili. Nun müssten sie sich herauskristallisieren.

Sicher ist: Der Spycher wird bald Gesellschaft bekommen. Als die beiden in Reitnau ihr Objekt besichtigten, wurden sie auf einen weiteren vom Abbruch gefährdeten Spycher hinter dem Gasthof Bären aufmerksam gemacht. «Diesen konnten wir auch nicht dem Abbruch überlassen», sagt Baumann. Aber langsam wurde der Platz im Garten knapp.

Doch hat ein Kenner erst ein Liebhaberobjekt erspäht, gibt er nicht so schnell auf. Vor allem, wenn der Nachbar über eine grosszügige freie Wiesenfläche verfügt. So wird bald ennet des Gartenhags ein neuer Aufbau beginnen. Ob das Quartier bald «Spychleerau» heisst, darauf darf man gespannt sein.