Rosmarie Bolli (45) aus Uerkheim hilft ihrem Mann Martin (47) aus dem Rollstuhl. Seit bei ihm vor über 20 Jahren multiple Sklerose diagnostiziert worden war, hat sich sein körperlicher Zustand stetig verschlechtert.

Heute hat er kein Gefühl mehr in seinem Körper: Seine Arme und seine Beine hängen schlaff an ihm herunter. Wären seine Beine nicht zusammengebunden, würden sie stets auseinanderknicken. 

Er kann seine Zähne nicht mehr putzen, keine Gabel mehr in den Händen halten, seine pink gefärbten Haare nicht mehr bürsten. Er ist auf die Pflege anderer Menschen angewiesen: Auf die Unterstützung seiner Frau, der Spitex, einer Assistentin, die von der IV bezahlt wird und regelmässig zu ihm kommt. «Für mich brauchte es viel Überwindung, diese Hilfe anzunehmen», sagt Martin Bolli. «Es war einer meiner schwierigsten Lernprozesse im Leben.»

Pflege: Lust oder Frust?

Pflegende Angehörige sind am nationalen Spitextag von morgen Samstag ein Thema. Die Spitex Suhrental Plus, bei der auch Uerkheim angeschlossen ist, lädt zu einem Informationsmorgen: Es gibt ein Referat zum Thema «Pflege zu Hause – Lust oder Frust» und Interessierte können sich über verschiedene Entlastungsangebote informieren.

«Haben unterstützungsbedürftige Menschen noch Angehörige, sind sie bei der Pflege und Betreuung immer involviert», sagt der Geschäftsleiter der Spitex Suhrental Plus, Daniel Weber. «Dank ihrer Hilfe können die Betroffenen länger zu Hause bleiben, statt in ein Pflegeheim zu gehen.»

Der Spitex sei es ein Anliegen, ein Netzwerk für pflegende Angehörige zu schaffen und ein offenes Ohr für ihre Bedürfnisse zu haben. «Sie arbeiten alleine zu Hause und ihr Pensum ist intensiv.» Es beginne bei der Zubereitung des Frühstücks für die Pflegebedürftigen und höre bei der Hilfe auf die Toilette auf, so Daniel Weber.

Rosmarie Bolli wird den Informationsanlass morgen besuchen. Er gebe ihr Gelegenheit, sich mit anderen pflegenden Angehörigen auszutauschen und vielleicht etwas aus dem Referat für sich herauszunehmen. Wie empfindet sie die Pflege ihres Ehemannes – als Lust oder Frust? Als beides, sagt sie: «Es gibt erfüllende Momente, doch die schweren, belastenden überwiegen.»

Selbst bei der Spitex tätig

Rosmarie und Martin Bolli sitzen in ihrer geräumigen, rollstuhlgängigen Wohnung am Tisch. Es ist kurz nach Mittag, sie sind soeben fertig mit dem Essen. Für Rosmarie Bolli hiess das: Kochen, ihren Mann füttern, selber essen.

Sie wirkt ernst, angespannt, aber manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Seit sie ihren Mann pflegt, bleibt ihr wenig Zeit für sich selbst. «Ich habe gelernt, Freiraum für mich zu schaffen. Am Anfang hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, etwas für mich zu machen.»

Die Tage der zweifachen Mutter sind streng: Sie hievt ihren Mann vom Bett in den Rollstuhl, duscht ihn, wechselt die Urinbeutel, bereitet das Essen vor. Sie gibt ihm Medikamente, stellt das Trinkglas mit dem Röhrchen so auf den Tisch, dass er trinken kann.

Sie fährt ihn zu unzähligen Arztterminen, massiert seine Beine, wenn sie nachts zu zucken anfangen. Daneben arbeitet sie zu 60 Prozent bei der Spitex Suhr in der Hauswirtschaft. «Ich komme oft an meine Grenzen», sagt sie. Doch die Arbeit helfe ihnen, finanziell über die Runden zu kommen. Und sie helfe ihr, Distanz von zu Hause zu bekommen. Sonst würde ihr die Decke auf den Kopf fallen.

Humor fehlt nicht

«Ich lasse dich einfach stehen», sagt Rosmarie Bolli zu ihrem Mann und lacht. Sie hievt ihn vom Rollstuhl hoch, dank einer speziellen Vorrichtung, muss sie dafür nicht mehr ihre ganze Körperkraft aufwenden. Sie und ihr Mann «chifle» manchmal miteinander.

Sie hätten gelernt, das Leben mit Humor zu nehmen, sagt Rosmarie Bolli. Doch in gewissen Situationen werde sie ungeduldig, raste aus. Dann lösche es ihr einfach ab. Gab es Momente, in denen sie ihren Mann verlassen wollte? Nicht wirklich, auch wenn sie einen gesunden Menschen geheiratet habe. «Früher haben wir viel unternommen. Mein Mann liebte es, sich ins Auto zu setzen und mit mir fortzufahren.»

Arbeitet seine Frau, ist Martin Bolli manchmal alleine in der Wohnung. Dann setzt er sich an seinen Computer und diktiert ihm Mails oder Leserbriefe. Er hat gelernt, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. «Heute ist heute, gestern war die Vergangenheit und morgen ist die Zukunft. Ich lebe den Tag, als wäre es mein letzter.» Eine der drei Katzen streicht ihm ums Bein, doch davon spürt er nichts.