Reinach/Beinwil am See

«Ich will morgens nicht mit dem Gefühl aufstehen, Musik machen zu müssen»

Trotz des Erfolgs will Cris Rellah Musik nur zum Ausgleich machen.

Trotz des Erfolgs will Cris Rellah Musik nur zum Ausgleich machen.

Eine halbe Million Zuhörer, ein Musical-Angebot und begeisterte englische Fussballerinnen – Cris Rellah ist mit seinem Album der grosse Wurf gelungen.

Der kleine Aufschneider von damals hat Recht behalten. Den Plattenvertrag, von dem der Zehnjährige vollmundig erzählte, um seine Sitznachbarin im Ferien-Flieger zu beeindrucken, hat er im Sack. Mehr noch: Sein erstes Album ist seit wenigen Tagen auf dem Markt und hat bereits alle Erwartungen übertroffen. Und sässe das Mädchen von damals diesen Sommer wieder in einem Flieger, würde sie ihn sogar singen hören: Swiss und Lufthansa haben einen seiner Songs in ihre Playlist für die Sommermonate aufgenommen.

Der Zehnjährige von damals heisst Cris, mit Künstlernamen Cris Rellah, und ist 34 Jahre alt. Aufgewachsen in Reinach, wohnt er heute in Beinwil am See. In der Region kennt man ihn, den angefressenen Musiker mit der klassischen Karriere: Klavierstunden als Kind, erste Komponierversuche und Chorerfahrungen im Teenageralter, eine eigene Band, die Aufnahme eines Albums, das nie veröffentlicht wurde. Dann die Teilnahme bei «Music Star», eine Krise, das Aufrappeln, das Singen bei Hochzeiten und runden Geburtstagen und 2014 die Teilnahme bei «The Voice of Germany», die grosse Euphorie bei Coaches und Fans, der Ruhm, die Enttäuschung beim Ausscheiden.

Cris Rellah - Music

Cris Rellah - Music

Ein Traum in London?

Alles vorbei und vergessen. «Was damals war, ist verflogen», sagt Cris Rellah. Er lebe im Hier und Jetzt. Und der Ist-Zustand zeigt ihm: Er hat alles richtig gemacht. Sein Album «Crossroads» ist auf Platz 37 der Schweizer Album-Charts eingestiegen, seine Single «I feel» zählt auf Spotify fast eine halbe Million Zuhörer, seine Videoclips laufen bei MTV und Viva. Er bekommt Nachrichten aus aller Welt und aus London ist eben ein Job-Angebot für das Michael Jackson-Musical «Thriller» hereingeflattert. Ein halbes Jahr London, jeden Abend ein Auftritt, eine unglaubliche Möglichkeit.

Doch Cris Rellah hat abgelehnt. Er will Musik machen. Aber seine Musik. Dafür hat er lange und hart gearbeitet. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis «Crossroads» erschienen ist. Eine lange Zeit, aber die Verzögerung hat ihren Grund. «Im privaten Umfeld ist viel passiert», sagt Cris Rellah. Das habe Zeit gebraucht. Zeit und Ruhe. Und die Auszeit hat auch ihre guten Seiten: Das Erlebte hat Rellah in die Texte seiner Songs einfliessen lassen.

Gesangstalent: Cris Rellah mit dem John-Legend-Cover «All Of Me».

Gesangstalent: Cris Rellah mit dem John-Legend-Cover «All Of Me».

Der gebürtige Reinacher Cris Rellah plant einen Bewertungs-Event für seine Songs. Das Echo auf seinen Aufruf in Facebook war gross – die Jury steht schon.

Entstanden sind elf Songs, mal sanft plätschernd, mal gewaltig, mal tieftraurig, mal locker tänzelnd, mal eingängig, mal widerborstig. Das Album zeigt viele Facetten, gleichzeitig lässt es für die Zukunft auch einiges offen. Ein zeitloses Album, ein ehrliches. «Ich erzähle Geschichten, in denen sich der Zuhörer wiedererkennt. So kann ich ihn an der Hand nehmen, ihn in schwierigen Momenten begleiten und führen.» Deshalb auch der Titel des Albums, «Crossroads», Kreuzungen.

Tränen sind sein grösstes Glück

Ist das Album so geworden, wie er es sich vorgestellt hat? Cris Rellah nickt. «Es ist genau so, wie ich mir es vorgestellt habe.» Es ist ein Cris-Album. Sein Lieblingsstück ist eine Ballade, natürlich. «All I want», süffig, klebrig, vertonter Herzschmerz. Denn das ist es noch immer, was ihm die grösste Befriedigung gibt: Emotionen wecken. Wenn es die Frauen der Hochzeitsgesellschaft in den Kirchenbänken schüttelt, wenn Tränen rollen, dann ist das sein grösstes Glück. Cris Rellah, ganz Schlitzohr, grinst. Er ist der Herzensbrecher von früher geblieben. Liess er als Teenager die ums Klavier gedrängten Mädchen schmachten, wickelt er die Frauen auch heute noch um den Finger.

So erstaunt es auch nicht weiter, dass er vor ein paar Tagen ein Angebot der Englischen Frauen-Fussballliga bekommen hat, die ihn supporten will. «Manchmal ist mir nicht ganz geheuer, welche Kreise das zieht», sagt Cris Rellah und lacht. Manchmal begreife er gar nicht, mit wem er es zu tun habe. Welche Tragweite beispielsweise das Interview in der Gala hatte, das kürzlich erschienen ist, darauf musste ihn erst seine Frau aufmerksam machen. Ihm selbst war nicht bewusst, wie viele Leser das Magazin hat.

Und wie geht es nun weiter? Im Herbst ist eine Deutschland-Tournee geplant. «Deutschland ist ein riesiger Markt und deshalb so wichtig für jeden Musiker», sagt Cris Rellah. Voll auf Musik zu setzen, komme für ihn aber nicht infrage. «Für solche Experimente bin ich zu alt, zu bodenständig – ganz einfach zu bünzlig.» Noch immer arbeitet er zu 100 Prozent für eine Firma im Bausektor, und das soll auch so bleiben. «Musik ist mein Ausgleich. Etwas, das mir guttut», sagt er. Dieses Gefühl will Cris Rellah sich erhalten. «Ich will morgens nicht mit dem Gefühl aufstehen, Musik machen zu müssen.»

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