Kulm
«Ich werde dich kaputtmachen» – für diese Drohung stand ein Wynentaler vor Gericht

Nach der Trennung bedrohte ein Wynentaler auf sozialen Medien seine Ex-Freundin. Nun stand er vor Gericht.

Flurina Dünki
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Im Gerichtssaal des Bezirksgerichtes Kulm

Im Gerichtssaal des Bezirksgerichtes Kulm

Peter Siegrist

Am Geburtstagsfest schien alles noch in Ordnung. Larissa (alle Namen geändert) hatte ihrem Freund Marco beim Bäcker eine Torte anfertigen lassen und überraschte ihn mit Gutscheinen für ein Paintball-Abenteuer. Drei Tage später beendete Larissa die eineinhalbjährige Beziehung – für Marco wie aus dem Nichts.

Für den damals 22-jährigen Wynentaler brach eine Welt zusammen. Er suchte den Kontakt zu Larissa, sie aber wollte ihn nicht mehr sehen. Er suchte die damals 16-Jährige in ihrem Elternhaus auf, doch an die Türe kam nur die Mutter. «Ich habe die Welt nicht mehr verstanden», sagt Marco heute über das emotionale Chaos, das die Trennung im Frühling 2016 in ihm auslöste.

Zum Liebesschmerz gesellte sich Eifersucht. Larissa hatte laut Marco kurze Zeit später einen neuen Freund. Vielleicht, so dachte er sich, hatte sie ihn ja seinetwegen verlassen. Eine Woche nach der Trennung entlud er in einem Facebook-Post Wut und Schmerz. Es sollte dazu führen, dass sich Marco diese Woche auf der Anklagebank des Bezirksgerichts Kulm wiederfand. «Du scheiss Schlampe namens Larissa! Hoffentlich holt dich de Tod! Du hesch mich zwei Jahr betroge und beloge, du Dreckshure, du verdammti», stand gemäss Anklageschrift unter anderem im Facebook-Post.

Und damit nicht genug: In einer WhatsApp-Nachricht drohte er, Larissas Pferd zu töten. In einer weiteren, dass er sie überall finden und sie kaputtmachen würde. Larissa bekam solche Angst, dass sie sich am Tag der Nachricht nicht in die Berufsschule traute, weil sie fürchtete, Marco könnte ihr auflauern.

Aggressiv gegenüber Freundin

Doch üble Nachrede (Facebook) und Drohung (Textnachrichten) waren nicht die einzigen Delikte, deretwegen Marco vor Gericht stand. Denn während der Untersuchung kam ans Licht, dass sich Marco Larissa gegenüber öfter aggressiv verhalten hatte. So habe er sie etwa nach einem Wochenendbesuch am Sonntagmorgen nicht nach Hause gehen lassen wollen, was öfters zu Auseinandersetzungen, teilweise auch zu Gewaltszenen geführt hätte.

«Er hat mich an die Wand gedrückt, wenn ich gehen wollte», las Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs die Aussage der Jugendlichen vor, die von den Ereignissen noch zu sehr mitgenommen ist, um an der Verhandlung teilnehmen zu können. Zudem habe er sie einmal mit einem Jonglierstock auf die Beine geschlagen.

Marco beantwortet die meisten Fragen im Gericht klar und ruhig, reibt sich unter dem Tisch aber nervös die Hände. «Larissa wusste, dass ich tierlieb bin, und hätte wissen müssen, dass ich ihrem Pferd nichts antun würde», so Marco. Für die Gerichtspräsidentin ein Zeichen, dass er «die Handlungen auch heute noch nur aus seiner und nicht aus der Perspektive des Opfers» sehe.

Doch damit nicht genug. Als es zwischen dem Paar zum ersten Sex kam, war Larissa erst 15. Dies brachte dem jungen Mann bereits 2015 eine Vorstrafe wegen sexuellen Handlungen mit Kindern ein. Das Paar hatte danach aber weiterhin Geschlechtsverkehr. «Ich war nun mal Hals über Kopf verliebt», deshalb hätten sie auch nach der Vorstrafe weiter Sex gehabt.

Der Staatsanwalt forderte auch eine Verurteilung wegen Pornografie, denn Marco machte damals Fotos von seiner Freundin, die sie teilweise nackt zeigten. Als Larissa ihn später aufforderte, die Bilder zu löschen, weigerte er sich und wurde erneut aggressiv.

Harte Jugend nach dem Umzug

Marcos Anwalt machte auf die Hintergründe aufmerksam, die Marcos impulsives Verhalten teilweise erklären. Denn als der heute 23-Jährige im Sekundarschulalter von einem Bergkanton in den Aargau kam, wurde er nicht gerade herzlich empfangen: «Die anderen haben mich ausgelacht wegen meines Dialekts und haben mich abgeschlagen. Überall musste ich mich beweisen.» Auch Larissa kam so in sein Leben: Als er zusammengeschlagen wurde, war sie zufällig in der Nähe und rief die Polizei.

Die Aussenseiterrolle brachte Marco los, indem er sich seinen Aggressoren anpasste, sie sich zu Freunden machte. So rutschte er immer mehr ab, begann zu kiffen, hatte wegen kleinerer Vergehen immer wieder mit der Polizei und Jugendanwaltschaft zu tun. Auch musste er ein Anti-Aggressions-Training absolvieren. 2013 kam die Diagnose, die vieles erklärte: Marco hat die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Eine Erkrankung, die seine Impulsivität und Aggressionen erklärt, die Marco aber nicht schuldunfähig macht.

Die Krankheit habe für die vorliegenden Delikte Marcos Einsichtsfähigkeit nicht beeinflusst, so die Gerichtspräsidentin. Mit Ausnahme der Pornografie (die Bilder qualifizierten sich nicht dafür) sprach das Gericht Marco für alle Delikte schuldig. 120 Tagessätze Geldstrafe à 90 Franken unbedingt plus alle Gerichtsgebühren wird er über die nächsten Jahre abzahlen müssen. Eine hohe Strafe, die das Gericht unter anderem damit begründete, dass er noch immer die Sicht des Opfers ausser Acht lasse.

Es wird einige Jahre dauern, bis Marco den letzten Franken abbezahlt hat. Auch, weil er gerade eine neue Anlehre begonnen hat. Dies im Berggebiet, wo er herkommt, wo er nach Aussagen seiner neuen Freundin «ruhiger geworden ist» und sich vorgenommen hat, nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen: «Ich möchte alles hinter mir lassen und neu anfangen.»