Gericht Kulm
«Ich habe das alles erfunden» – das Elend mit der häuslichen Gewalt

Die Anklage wollte Altin (44) wegen Drohung und einfacher Körperverletzung des Landes verweisen. Doch als es ernst galt, zog die Ehefrau ihre Aussagen zurück – sie verliessen das Gericht als Paar.

Marina Bertoldi
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Bereits zwei Tage nach der Anzeige hatte Blerta ihre Aussage zurückgenommen. (Symbolbild)

Bereits zwei Tage nach der Anzeige hatte Blerta ihre Aussage zurückgenommen. (Symbolbild)

KEYSTONE/DPA/MAURIZIO GAMBARINI

Ein in Trümmern liegender Blumentopf mit Plastikpflanze: Er wäre fast zum Sinnbild einer Ehe voller Gewalt geworden. Fast, denn Blerta (Name geändert) zog vor Gericht alle Vorwürfe gegen ihren Ehemann Altin (Name geändert) zurück. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihr nicht – sie forderte, den Kosovaren des Landes zu verweisen. Auch das Gericht Kulm fand den Rückzug unglaubwürdig. Trotzdem sprach es Altin im Zweifel für den Angeklagten vom Vorwurf der häuslichen Gewalt frei.

Was Blerta ursprünglich aussagte, ist in der Anklageschrift zu lesen: Altin habe sie geschlagen, getreten und immer wieder bedroht. Einmal habe er gesagt, er werde «mit ihr das Gleiche machen wie sein Vater mit dessen Ehefrau». Dieser hat Altins Mutter getötet. Bald wird er aus einem Schweizer Gefängnis entlassen.

Der Höhepunkt der Gewalt in der Ehe von Altin (44) und Blerta (55) war laut Anklage ein Streit, bei dem Altin ihr den Blumentopf über den Kopf zog. Sie flüchtete daraufhin ins Frauenhaus. «Ich habe das alles erfunden», sagte Blerta bei der Verhandlung. Sie sei eifersüchtig gewesen.

Laut Verteidiger war es eine «eheliche Krise»

Bereits zwei Tage nach der Anzeige hatte Blerta ihre Aussage zurückgenommen. Dann ist sie von der Rücknahme zurückgetreten, hat später dies wieder zurückgenommen. Ob sie zwischenzeitlich eine Strafe wegen Falschaussage erhalten habe, wusste sie nicht mehr. Altins Verteidiger sprach von einer «ehelichen Krise», welche Blerta zur Anzeige bewogen habe. Sie habe ihrem Mann seine ständige Abwesenheit und eine angebliche Affäre zurückzahlen wollen. Der Anwalt forderte Freispruch. Ein Landesverweis wäre «völlig vermessen».

Sie brachte die Kinder nur noch mit dem Auto

Für die Staatsanwaltschaft hingegen war klar: Altin ist ein «notorischer Gewalttäter mit Neigung zu Dominanz- und Kon­trollstreben». Dazu passen die Aussagen der Privatkläger in der Anklageschrift: Altin habe unabhängig voneinander zwei Männer und deren Ehefrauen bedroht, heisst es dort. Eine der Frauen gab an, aus Angst nicht mehr schlafen zu können. Ihre Kinder fuhr sie mit dem Auto zur Schule. Die Familie ist inzwischen weggezogen.

Zwei andere Männer – Vater und Sohn –, die Altin unter anderem wegen einfacher Körperverletzung angezeigt hatten, zogen die Aussagen zurück. Man habe sich ausgesprochen und verstehe sich heute prächtig, sagte Altin, der mitunter bereits wegen Körperverletzung vorbestraft und in der Bau- und Immobilienbranche tätig ist.

Gericht verurteilte ihn einstimmig

Weiter stritt der Familienvater die Vorwürfe gegen ihn ab. Die beiden Ehepaare hätten ihn loswerden wollen, da sie Schulden bei ihm gehabt hätten. Seine Frau habe er ausserdem weder bedroht noch geschlagen. Und: Er habe sich geändert. Eine Therapie bei der Anlaufstelle für häusliche Gewalt habe sein Leben verändert. Früher habe er «alles ausgehalten, nicht über Probleme geredet». Er sei dann manchmal «etwas laut» geworden.

Das Gericht verurteilte Altin einstimmig wegen mehrfacher Nötigung und Drohung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zu vier Jahren Probezeit. Der von Blerta vor Gericht geschilderte Sachverhalt könne nicht komplett ausgeschlossen werden, sagte der Gerichtspräsident. Einen Landesverweis sprach er nicht aus. Dann wandte er sich direkt an die Ehefrau. Wer eifersüchtig sei, habe nicht das Frauenhaus und den Justizapparat zu involvieren. «Es ist genau dieses Verhalten, welches den wirklichen Opfern von häuslicher Gewalt schadet», sagte er bestimmt.

Blerta nahm dies regungslos entgegen. Sie verliess den Gemeindesaal mit Altin zusammen. Den Blumentopf kann sie innert zehn Tagen beim Gericht abholen. Wenn nicht, wird er vernichtet.